Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1285.

Bücher und Medien

Sein „Schmähwinkel“ war das Gegenteil eines Schmollwinkels

Der in Notzkow, Hinterpommern, geborene Heinrich Eugen von Zitzewitz (1925–1998) ist als Maler, Grafiker und Bildhauer bekannt geworden. Er entstammt einer adligen Familie, die jahrhundertelang in Pommern ansässig war. Eine ganze Reihe von Werken des Künstlers befindet sich im Besitz von Museen, öffentlichen Einrichtungen und Kirchen in Deutschland und Polen. Weniger bekannt ist, daß der Künstler neben seinen Ambitionen in der bildenden Kunst Zeit und Muße fand, sich schriftstellerisch zu betätigen.

Heinrich Eugen von Zitzewitz wandte sich nach seinem Studium zunächst der Malerei und Bildhauerei zu. Seine Erzählungen und schriftlichen Darstellungen gerieten zwangsläufig in den Hintergrund. Erst 1970 begann er Bilder und Texte miteinander zu verbinden. So erschienen nach und nach mehrere Schriften. In den Jahren von 1978 bis 1983 gab er zusammen mit Johann-Dietrich Bödeker die satirische Zeitschrift „Schmähwinkel“ heraus. Außerdem zeichnete und textete er von 1983 an für die „Braunschweiger Zeitung“ die Kolumne „Till geht durch die Stadt“. Es folgten mehrere Bücher, unter anderen „Mit dem Pinsel durch Hinterpommern“ (1998), ein Liebeserklärung in Text und Bildern an seine hinterpommersche Heimat.

Viele Geschichten von Heinrich Eugen von Zitzewitz blieben unveröffentlicht. Die hinterlassenen Texte und Schriften wurden erst nach und nach von seiner Tochter Lisaweta von Zitzewitz gesichtet. Es gelang ihr, sich in die Gedankenwelt ihres Vaters zu versetzen, indem sie aus der Fülle der handschriftlichen Notizen sowie bruchstückhaften Aufzeichnungen und einem in verschiedenen Fassungen entworfenen Romanfragment exemplarische Texte auswählte, diese zum Teil geringfügig bearbeitete und sie zu Themenschwerpunkten geordnet in einer Sammlung von Geschichten mit Erläuterungen und Hinweisen zusammenfaßte.

In einem Nachwort führt sie die Leser in das bildnerische Werk des Heinrich Eugen von Zitzewitz ein. Es wird nicht nur ein Einblick in die Arbeitsweise des Malers gegeben, sondern es werden vor allem sein „eigener Stil“, seine „eigenen Gestaltungsvorstellungen“ und seine sehr „verschiedenen Schaffensperioden“ detailliert beschrieben. Bei diesem Versuch, die Bilder des Heinrich Eugen von Zitzewitz sowohl von seiner Biographie her als auch aus seinen hinterlassenen Schriften heraus zu erklären, wird deutlich, daß sich seine Bilder und seine literarischen Arbeiten vielfach entsprechen und daß das eine von dem anderen nicht zu trennen ist.

Die veröffentlichten Geschichten sind eine Fundgrube für diejenigen, die den Künstler in seinem Schaffen und in seinem Ringen um künstlerische Unabhängigkeit ergründen wollen. Sie vermitteln Einblicke in die Ursprünge seiner Weltsicht und lassen erkennen, welche Ereignisse ihn geprägt und sein künstlerisches Schaffen beeinflußt haben. Auch seine Vielseitigkeit wird sichtbar: zum einen sein malerisches und zeichnerisches Talent, zum anderen die Kunst des Fabulierens und die damit verbundene scharfe Beobachtungsgabe. So spiegelt sich im Kapitel „Meister Rose“, es ist eine Darstellung mit erkennbar autobiographischen Bezügen, die Erlebniswelt seiner Kindheit und Jugend in Hinterpommern mit quälenden Kinderkrankheiten und dem Ausgeliefertsein an eine abergläubische und furchteinflößende Erzieherin wider. Besonders tief eingeprägt hat sich bei ihm der brutale Umgang der Menschen mit Tieren auf dem flachen Lande. Das Leid der mißhandelten Geschöpfe erregte sein Mitgefühl. Diese Erlebnisse haben ihn sein Leben lang nicht mehr losgelassen. So verwundert es nicht, dass er später häufig geschundene Kreaturen in hilflosen Situationen bildnerisch darstellte. Es werden in „Meister Rose“ aber auch kindliche Spiele und vor allem Begegnungen mit Menschen geschildert. Gerne erinnert sich von Zitzewitz an die warmherzige Pensionsmutter Margarete Weidemann in Schlawe, aber vor allem an den Malermeister Rose, der ihn mit seinem Wesen „verzauberte“. Im Kapitel „Kunst ist Kunst“ wird deutlich, welche Gedanken von Zitzewitz auf seinem Weg als bildender Künstler begleiteten. Um die Gunst des Zeitgeschmacks zu buhlen war seine Sache nicht. Die einzelnen Episoden lassen einen stets suchenden, selbstkritischen Künstler erkennen, der sich immer wieder mit einzelnen Stilrichtungen und deren Vertretern auseinandersetzte, der keinen Wert auf „Moderichtungen“ legte.

Ein anderer von Zitzewitz stellt sich in den Kapiteln „Phantastische Geschichten“ und in „Idyllen“ dar. Hier bedarf es der Phantasie, um der Gedankenwelt des Schriftstellers mit ihren symbolischen Aussagen folgen zu können. Läßt man sich jedoch darauf ein, wird man beim Lesen immer mehr von einer Welt voller Poesie und Einfallsreichtum gefesselt. Hier erzählt der Autor von Teufeln, von Kobolden, von Drachen, von Alraunen, von merkwürdigen Gestalten und unerklärbaren Begebenheiten. So werden in der Geschichte „Des Heiligen Auktor Wiederkehr“ Gegenwärtiges und Vergangenes, Reales und Übersinnliches geheimnisvoll miteinander verknüpft. Neben einem Prosatext enthält das Kapitel „Idyllen“ mehrere „Kindergedichte“. In anrührender Weise beschreibt Heinrich Eugen von Zitzewitz darin die Erlebniswelt von Kindern, aber auch von Erwachsenen, die sich ganz auf diese Welt einlassen. Er selbst erlebte das nicht während seiner Kindheit in Hinterpommern, sondern erst Jahrzehnte später bei seinen eigenen Kindern und Enkeln. Die „Kindergedichte“ erzählen in einer einfachen Sprache von einer wundersamen Welt, in die sich viele Menschen zeit ihres Lebens wehmütig zurücksehnen.

Elsbeth Vahlefeld (KK)

Heinrich Eugen von Zitzewitz: Meister Rose. Ausgewählt, bearbeitet und herausgegeben von Lisaweta von Zitzewitz. Helms Verlag, Schwerin 2009. 154 S., 7 Abbildungen, Broschur, 24,80 Euro

«

»