Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1297.

Bücher und Medien

Der Böhmerwald im Auge des Taifuns

In deutscher und in tschechischer Sprache hat Karl Klostermann (1848–1923) seine Erzählungen und Romane verfaßt, Erfolg hatte er zu Lebzeiten jedoch beim tschechischsprachigen Publikum. Entsprechend wandelte sich sein Vorname in die tschechische Variante Karel. Unter zeitweiligen Anfeindungen stramm deutschnationaler, aber auch nationaltschechischer Ausrichtung hat er gelitten, von seiner Überzeugung von einem friedlichen Miteinander beider Nationen abhalten konnten sie ihn zu keiner Zeit. Zu Ehren Karel Klostermanns wurden in den letzten Jahren auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze Gedenksteine mit der Aufschrift „Karel Klostermann – Apostel der Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen“ errichtet.

Den Ort der Handlung im vorliegenden Roman gibt der Erzähler mit dem Namen Holzberg an. In dieses gottverlassene Dorf hat es Vladimir Roztocky, einen jungen ambitionierten Juristen aus Prag, verschlagen. Um ihm bei seinem Aufenthalt im Böhmerwald auch etwas Angenehmes zu bieten, macht sein Mentor und Vorgesetzter, der alte Richter, Roztocky mit Borita, einem Gastwirt aus der Nachbarortschaft, bekannt. In den höchsten Tönen lobt er dessen Kultiviertheit, Gastfreundschaft und nicht zuletzt seine beiden hübschen Töchter.

Eine unterschwellige Erotik hat den jungen Adjunkten Roztocky bereits gestreift. Die Ehefrau seines etwas stupiden Mitarbeiters Kotal hat ein Auge auf ihn geworfen und sucht ganz offensichtlich seine Nähe. Zudem müht sich die Frau des alten Richters, ihre unscheinbare Tochter Marta ins Gespräch zu bringen.

Der sympathische Wirt lädt die Gäste sogleich zu einem festlichen Abend mit Musik und Tanz ein. Und tatsächlich halten Boritas Töchter Boza und Milusa, was der alte Richter versprochen hat. Attraktiv und liebenswert und darüber hinaus taktvoll und kultiviert, waren sie doch „einige Jahre in einem bestens bekannten Institut in Prag“. Da der junge Adjunkt sich wie durch einen Zauber zu Milusa hingezogen fühlt, tanzt er immer wieder mit ihr. Doch auch Bozas Schönheit beeindruckt ihn: „Gerade in diesem Augenblick wirbelte Boza an ihnen vorbei und den Adjunkten traf ein rascher Blick ihrer Augen, ein Blick wie ein sengender Blitz, bohrte sich in seine Augen, in seine Seele, und seine Lippen flüsterten unwillkürlich: ‚Dämonin!‘“.

Vordergründig erfüllt das Tableau von Personen und Konstellationen die Erwartungen an einen ländlichen Raum. Aber den Figuren wohnt eine eigentümliche Dynamik inne, die erzählten Begebenheiten beginnen langsam, aber sicher unter ihrer Spannung zu bersten.

Die Ereignisse beginnen sich zuzuspitzen. Bozas mutmaßlicher Verlobter verschwindet in einer stürmischen Nacht, als alle sich wieder in Boritas Gasthaus zum Tanz eingefunden haben. Bald ist von Mord die Rede, obwohl die Leiche des jungen Bräutigams nicht gefunden wird. Borita, der auf einer längeren Geschäftsreise weilt, wird in den folgenden Wochen per Haftbefehl wegen eines Raubmordes gesucht, den er während seines Aufenthaltes im ungarischen Ujvalu begangen haben soll. Das Klima im Dorf vergiftet sich zusehends, von dunklen Machenschaften des geschäftigen Wirtes Borita ist die Rede und von den Hexenkünsten seiner Töchter. In einem von Trauer und Schmerz gezeichneten Brief an den jungen Adjunkten löst die schöne Milusa die Verlobung mit ihm auf.

Gefangen in Widersprüchen zwischen Amt und Emotion, weiß Vladimir Roztocky sich keinen Rat. Das unbeirrte Festhalten des Richters an Boritas Unschuld vermag ihm keinen rechten Halt zu geben. Als zudem noch der Böhmerwald im Unwetter zu versinken droht, scheint es, als korrespondiere die menschliche Gefühlswelt mit den Launen einer ungebändigten Natur. Völlig überraschend eröffnen sich zum Höhepunkt der Krise neue Schicksalswendungen …

Es ist dem Passauer Karl Stutz Verlag zu danken, daß er sich in rühriger Weise um die Herausgabe der Romane und Erzählungen des großen Böhmerwaldschriftstellers Karel Klostermann kümmert. Mittlerweile liegen etliche seiner Werke in ordentlichen Übersetzungen des leider verstorbenen Klostermann-Experten Gerold Dvorak vor.

Volker Strebel (KK)

Karel Klostermann: Ein gastliches Haus. Aus dem Tschechischen von Gerold Dvorak. Verlag Karl Stutz, Passau 2010, 224 Seiten, 17,80 Euro

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