Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1298.

Bücher und Medien

Der scharfe Blick des Zeichners und der Scharfblick der Forscherin

Manch langer Weg bringt viel Ertrag. Im 18. Jahrhundert ging Friedrich Bernhard Werner (geboren 1690 in Kamenz, gestorben 1776 in Breslau) den beschwerlichen Gang durch ganz Mitteleuropa. Er zeichnete und schuf Abbilder der damaligen Städte, die uns bis heute bekannt sind. Auf seinen Spuren ist auch Angelika Marsch viel herumgekommen. Sie hat nun eine wegweisende Arbeit zu Werners Werk vorgelegt.

Es gibt wenige Findmittel zu Schlesien, jedenfalls nicht allzu viele neuere. Um so bedeutsamer ist nun ihr dickleibiges, über drei Kilogramm wiegendes Buch über diesen populärsten Zeichner europäischer Städteansichten. Dank der reichhaltigen Ausstattung mit fast tausend Abbildungen kann sich jeder unmittelbare Eindrücke davon verschaffen.

Schon von den Rahmenbedingungen her, früher wie heute, setzen Werner und Marsch Maßstäbe. Ersterer war zehn Jahre von Glückstadt im Norden bis Sizilien im Süden, von Frankreich bis zum Baltikum unterwegs, sah sich selbst nach der Wanderschaft als „schlesischer Robinson“, wurde 1746 unter Friedrich II. zum „Königlichen Preußischen Scenographicus“ in Breslau ernannt. Angelika Marsch wiederum hat jahrzehntelange akribische Recherchen hinter sich gebracht und nach eigener Darlegung mit 68 Sammlungen Verbindung aufgenommen. Das Ergebnis sind 574 Ansichten von 305 deutschen Städten und Orten sowie fast 1600 Ansichten von 754 Städten in einem weiteren Dutzend heutiger europäischer Länder. Nur Matthäus Merian war ein namhafterer Vedutenzeichner.

Schon wegen der schieren Vielzahl von Ansichten sollte Werners Wirken im Gesamtumfang gewürdigt werden. Zudem hat er phantastisch breit gelagerte Panoramen geschaffen. Marsch erzählt von diesen „für die Architektur- und Stadtgeschichte … bedeutendsten Städtebildern“. Der Augsburger Verlag von Jeremias Wolff hat die bis zu einem Meter breiten Ansichten für 118 Städte hergestellt. Bei 90 Städten schuf F. B. Werner die Vorlagen.

Es gibt noch eine andere bemerkenswerte Komponente und dann Konstante, das sind seine durch die Autorin nachgewiesenen 1400 Ansichten von fast 750 schlesischen Orten bzw. Objekten. Sind die europäischen Ansichten sowohl subjektiv „schön“ wie objektiv „großartig“, so sind die schlesischen Zeichnungen vielfach „einzigartig“. Denn Werner hat nicht nur erhaltene Klosteranlagen in ihrer barocken Erscheinungsform erstmalig formvollendet bis hin zu Vogelschauaufnahmen oder die Schauseiten der Fassaden von Breslaus Ring in Guckkastenbildern „pittoresk“ dargestellt, er machte in kolorierten Federzeichnungen viele Bauwerke erst- und einmalig vorstellbar. Das gilt auch für die über 200 protestantischen Bethäuser Schlesiens, die er vollständig erfassen wollte und deren Holzbauweise manchen kein langes Dasein bescherte. Wenngleich gerade die Handzeichnungen in den Manuskriptbänden kriegsbedingt teilweise verlorengingen, so ist es doch der für Schlesien wertvollste Teil seines Schaffens. Die ganze Bedeutung tritt seit Jahren stärker hervor, da immer mehr dieser Abbildungen für die Forschung und zur lokalen Vergegenwärtigung herangezogen werden.

Dazu zählen auch die vielen Ausstellungen, insbesondere eigentlich alle wichtigen topographischen Vedutenausstellungen Mitteleuropas, bei denen Werner in irgendeiner Weise in Betracht gezogen werden muß. Seine eigenhändigen Zeichnungen mögen illustrativ und schematisiert, etwas krakelig und verwackelt erscheinen. Das fällt weniger bei den überarbeiteten Kupferstichen für seine zeitweiligen Augsburger Auftraggeber auf als bei den unveröffentlichten schlesischen Ansichten. Aber auch die sind trotz der kleinen Formate überaus genau und stimmig.

Durch zahlreiche Aufsätze hat Angelika Marsch bereits viele solcher Fragen behandelt und auch in Polen mit Publikationen zur neuen Bekanntheit Werners beigetragen. Ihr neues Buch bietet Überblicke zu seinen verschiedenen gedruckten Werken. Das schafft erstmalig einen rasch nachvollziehbaren Zusammenhang. Marsch macht mit Werners Leben vertraut. Ihre Einführung ist übersetzt in die polnische, tschechische und englische Sprache. Werners Autobiographie wird abgedruckt und textkritisch kommentiert. Das abschließende „Gesamtverzeichnis der Ansichten Schlesiens von Friedrich Bernhard Werner“ (die heutigen polnischen Ortsnamen werden in Klammern hinzugesetzt und können durch eine mehrsprachige Ortsnamenskonkordanz zusätzlich erschlossen werden) erleichtert es dem Interessenten, seine Werke aufzufinden bzw. festzustellen, ob sie überliefert sind.

Wenige Wünsche und Fragen bleiben bei diesem markanten Werk offen. Als Summe vieler Wege und Sondierungen ist sowohl Werners Werk als auch das seiner gegenwärtig besten Kennerin Angelika Marsch fundamental.

Stephan Kaiser (KK)

Angelika Marsch: Friedrich Bernhard Werner (1690–1776) : Corpus seiner europäischen Städteansichten, illustrierten Reisemanuskripte und der Topographien von Schlesien und Böhmen-Mähren. Anton H. Konrad-Verlag, Weißenhorn 2010. 674 S., Subskriptionspreis bis 31. 12. 2010: 98 Euro, danach 120 Euro

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