Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1300.

Bücher und Medien

Was leistete sich und was leistete der Adel?

Zahlreiche mitteleuropäische Regionen beziehen Identität, touristische Bedeutung und damit Selbstbewußstein nach innen und außen über ihre Burgen und Schlösser. Ob nun im „Schlösserland Sachsen“ oder bei den werblichen Aussagen in allen tschechischen Regionen, stets sind es einstiges mittelalterliches Rittertum oder geschmackvolle Ausstattungen von Renaissance bis Historismus, die uns heute beim Besuch beeindrucken.

Hinterlassen hat das alles der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges große Ländereien besitzende Adel. Es gibt die Zerrbilder vom ostelbischen Junkertum und dessen Rittergütern. Politisch wurde dem Adel pauschal Rückständigkeit nachgesagt, gesellschaftlich scheint sein Verhalten abgehoben, selbstgefällig, eigensinnig bis eigennützig oder gar ausbeuterisch. Natürlich stimmt von all dem gesamtheitlich wenig. Es braucht differenzierte Betrachtungen, und darum lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Erstaunlicherweise hat auch mehr als ein halbes Jahrhundert später, seitdem die Gutsherrschaften aufgelöst wurden, das Überblickswissen kaum zugenommen. Bei Führungen in erhaltenen Schlössern werden die Besitzgeschichte der Geschlechter und die Namen planender Architekten oder gestaltender Kunsthandwerker aufgezählt. In anderen adelsgeprägten Landschaften wie Schlesien werden aus einigen Ruinen wieder äußerlich glänzende Repräsentationsbauten. Doch es fehlt die einstige Einheit mit der gestalteten Landschaft auf landwirtschaftlicher Grundlage. Der Torso allein macht keine Vorstellung des Ganzen.

Die Wissenschaft wendet sich immer wieder neuen Fragestellungen zu. Die Aufhebung der staatlich verordneten Sichtachsen mit dem Ende des Kommunismus/Sozialismus vor zwei Jahrzehnten ließ zuerst in Mitteldeutschland neuere Betrachtungen zu den Gutsherrengesellschaften aufkommen. Zaghaft wenden sich auch die geisteswissenschaftlichen Lehrstühle in den sogenannten MOE-Staaten diesen Aspekten zu. Viele Hindernisse liegen in der uneinheitlichen Quellenbasis oder den zeitintensiven, mühseligen Grundlagenforschungen, wenn es gilt, Gutsarchive in Handschrift (gegebenenfalls Sütterlin) zu bearbeiten.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) fördert ein mehrjähriges interdisziplinäres und grenzüberschreitendes Projekt zur Erforschung des schlesischen Adels. Auf deutscher Seite wirken das dem BKM zugeordnete Bundesinstitut in Oldenburg und Historiker der Universitäten Stuttgart und Passau mit, polnischerseits ist die Kunstgeschichte der Universität Breslau besonders aktiv. Die Komplexität wird in einigen repräsentativen Querschnitten zu vertieften Darstellungen führen. Das bedeutet auch das Eingeständnis, daß die Rolle der Elite während fast 1000 Jahren und in einem Land ohne feste Grenze und mit wechselnder innerer Verfassung so nicht zu bestimmen sein wird. Doch ein Anfang ist gemacht.

Nachdem das internationale Forschungsprojekt 2005 begann, sollte eine Fachtagung in Breslau 2006 eine frühe Zwischenbilanz bringen. Das politische Grußwort zum Konferenzband stammt vom Herbst 2008. Die letztlich zwei voluminösen Druckwerke kamen dann im Frühjahr 2010 auf den Markt. Es dauerte also lange von der Theorie über die Vermittlung zum breiteren Ertrag. Der ist nun mit fast anderthalbtausend Seiten bei sechs Pfund gewichtig. Dagegen enttäuschen erst einmal die leider wenigen und  vergleichsweise unprofessionellen Abbildungen sowie die wenig praxistaugliche Paperbackausführung mit Klebebindung. Diese Bewertung gilt besonders in Anbetracht des hohen Preises, der die Verbreitung behindern wird.

Band 1 ist mit 22 Aufsätzen gefüllt, die zum Komplex „Herrschaft – Kultur – Selbstdarstellung“ gehören. Band 2 beinhaltet ein Repertorium, ist also ein Nachschlagewerk und eine Zustandsbeschreibung unter der Überschrift „Forschungsperspektiven – Quellenkunde – Bibliographie“. Die Bestandsanalyse von 36 Archiven, Bibliotheken und Museen in Deutschland, Tschechien und Polen zeigt zu viele Defizite in der bisherigen Behandlung und sich wiederholende Wunschvorstellungen für bessere Bestandsnachweise, als daß dies die Forschung wirklich erleichterte. Die fast 4000 Positionen umfassende Auswahlbibliographie gründet auf einer akribischen Auswertung vieler in- und ausländischer Zeitschriften, wobei adlige Namen an sich noch keine Erkenntnis bieten und so manche gliedernde Zuordnung eher Verwirrung stiftet. Es stellt sich auch wieder die grundsätzliche Frage, ob solche Übersichten in einer ersten Phase nicht eher im Internet zu veröffentlichen und fortzuschreiben wären, als kostspielig in Druckform zu erscheinen.

Die Geschichte von Schlesiens Adel ist vielfältig, wohin man auch blickt. Da gibt es konfessionelle und wirtschaftliche Unterschiede. Manche Geschlechter haben lange auf ein und denselben Gütern gewirtschaftet, und da ist Grundherrschaft ganz eng mit der Territorialgeschichte verbunden. Wie kam es dagegen in anderen Familien zu häufigen Güterverkäufen und Besitzwechseln? Wie verhielt sich der Adel in den großen Veränderungen der Landesgeschichte, sei es im Dreißigjährigen Krieg, beim Herrschaftswechsel Habsburg/Preußen, der Säkularisation geistlichen Grundbesitzes und der Bauernbefreiung oder der Industrialisierung? Wie sah das eher unspektakuläre landständische Wirken in Friedenszeiten aus? Was leistete sich der Adel, und was leistete er als Landeselite? Wie waren die Adelsbibliotheken beschaffen, und was gab es für Sammlungsschwerpunkte? So mannigfach die Fragen, so unterschiedlich die Herangehensweise der Autoren auf der Tagung und ihre Erkenntnistiefe im Tagungsband. Die Zahl qualifizierter Referenten ist überschaubar. Sie stammen vielfach von den beteiligten Hochschulen oder haben für ihren Hochschulabschluß zu einer Spezialfrage gearbeitet.

Einige Male werden Grabdenkmäler betrachtet und als aussagekräftige Quellen genutzt. Tatsächlich begegnet man dem überwiegend protestantischen landständigen Adel Niederschlesiens zwischen Reformation und Dreißigjährigem Kriegs auf mehr als 1000 erhaltenen Grabplatten. Die Beziehungsgeschichte (Sektion II) fällt etwas theoretisch aus. Hier wird in sechs Beiträgen versucht, die Außenwirkung nachzuzeichnen und umgekehrt äußere Einwirkungen auf Schlesien zu orten.

Etwas dürftig fällt Sektion III zu Politik, Wirtschaft und Verwaltung mit vier Beiträgen aus. Mit der letzten Sektion, „Bildung und Mäzenatentum“, sind sicherlich viele Assoziationen verbunden. Auch diese Beiträge müssen sich nach Raum und Zeit beschränken. Geht man allein den Adelsresidenzen nach, hat man schon Stoff für viele Tagungen.

Betrachtet man die Adelsbibliotheken, so verzehrt man sich leichter in der Verlustgeschichte, als zur Substanz vorzudringen. Und doch sind es die neuen Fragestellungen, die bei allen Verlusten dennoch Aussagen und teilweise auch Rekonstruktionen zulassen. Forschung ist eben handfest und methodisch mehr als nur eine staunende Außensicht.

Damit bieten die Beiträge eben doch stets neue, spannende und anregende Einblicke, die man weiter vertieft sehen möchte. Das ist überhaupt das durchgängige Kennzeichen und die zentrale Einschätzung: Schlesiens Adelsgeschichte ist integraler Baustein zum Verständnis schlesischer Kunst, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Mit den beiden Bänden wird dazu ein Einstieg geboten.

Stephan Kaiser (KK)

Adel in Schlesien. Oldenbourg, München 2010. 2 Bde. im Schuber, 128 Euro (Schriften des Bundesinstituts für Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Bd. 36 und 37); Band 1 hg. von Jan Harasimowicz und Matthias Weber, 587 S., 59,80 Euro; Band 2 hg. von Joachim Bahlke und Wojciech Mrosowicz, 840 S., 89,80  Euro

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