Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1302.

Bücher und Medien

Nichts ist so neu wie die Zeitung von früher

In deutsch-tschechischer Kooperation wurden 2010 etwa 150 000 Seiten des „Brünner Tagesboten“ digitalisiert, einer Zeitung, die von 1850 bis 1944 im mährischen Brünn (heute Brno, Tschechische Republik) erschien. Diese Zeitung ist eine wichtige historische Quelle für Historiker, Ethnologen, Literatur- und Theaterwissenschaftler, für Soziologen und Zeitungswissenschaftler, aber auch für Vertriebene aus Mähren oder Heimat- und Familienforscher. Ortsungebunden können Interessenten den „Brünner Tagesboten“ und andere historische Periodika auf der Website „www.difmoe.eu“ des Digitalen Forums Mittel- und Osteuropa lesen und im virtuellen Internet-Lesesaal nach Stichworten durchsuchen. Wie diese mährische Zeitung jetzt für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, geschieht es tagtäglich mit vielen Zeitungen, Zeitschriften und Periodika. Weltweit digitalisieren Bibliotheken und  Archive Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher aus ihren Beständen, um gefährdetes Kulturgut zu sichern.

Die Digitalisierung des „Brünner Tagesboten“, die vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert wurde, nahm das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) in Oldenburg Ende September zum Anlaß, die rasante Entwicklung im Bereich der Sicherung von Kulturgut durch Digitalisierungen zum Thema eines Workshops zu machen. IT-Spezialisten, Wissenschaftler, Bibliotheks- und Digitalisierungsexperten diskutierten in Oldenburg über Probleme der Langzeitarchivierung, der Koordinierung verschiedener internationaler Projekte und über Möglichkeiten der Verbesserung von Erschließungstechniken und Benutzerfreundlichkeit. Wie kann die Masse der Daten digitalisiert werden, wenn Stellenpläne weder Personal noch Budget dafür vorsehen? Wer überprüft vorhandene Digitalisierungen auf Lücken und Überlappungen, wie sind Aktualisierungen erkennbar? Auch Probleme der Kommerzialisierung waren den Teilnehmern ein Anliegen, damit Kulturgut für Bibliotheken und Nutzer nicht nur zugänglich, sondern auch bezahlbar bleibt. Europaweit gebe es noch keine einheitlichen Standards in Fragen der Urheberrechte oder des Datenschutzes.

Spannende Großprojekte wie die Deutsche Digitale Bibliothek oder die Europeana sind komplex und größtenteils noch „Zukunftsmusik“. Der Teilbereich der Zeitungsbestände zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa dagegen ist auf der Plattform DiFMOE bereits mit etlichen Beispielen erschlossen.

Anstoß für die Einrichtung des Internet-Portals gab ein Erlebnis in Preßburg/Bratislawa (Slowakische Republik): Als Doktorand stand Jan Schrastetter eines Tages vor der verschlossenen Tür des Stadtarchivs. „Bestände in fünf bis zehn Jahren wieder zugänglich“ hieß es dort auf einem Zettel. Hinter der Tür lagen die Ausgaben der „Pressburger Zeitung“ – Quellen, die Schrastetter für seine Arbeit unbedingt brauchte. Dieses Erlebnis brachte ihn und einige Kommilitonen dazu, das Digitale Forum Mittel- und Osteuropa (DiFMOE) zu gründen und die Archivquellen orts- und zeitunabhängig zugänglich zu machen.

Heute kann man hier neben dem „Brünner Tagesboten“ auch die Zipser „Karpathen-Post“ (1880–1942) oder die „Pressburger Zeitung“ (1764–1929) als digitalisierte Zeitungsausgaben mit ihren Beilagen online lesen. Die Periodika wurden zum Teil bereits für die Volltextrecherche erschlossen. Auch in Frakturschriften gedruckte Publikationen sind darunter, deren Recherchierbarkeit eine besondere Herausforderung darstellte. Das hohe technologische Niveau des Digitalisierungsprojekts wird durch die Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse und Informationssysteme (Sankt Augustin) gewährleistet.

Bis zum Zweiten Weltkrieg gehörten deutsch-sprachige Zeitungen auch am Rande oder außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebiets selbstverständlich zum Alltag der dort lebenden Deutschen. Das deutschsprachige Verlags-, Druck- und Zeitungswesen hatte in Mittel- und Osteuropa eine Jahrhunderte alte Vergangenheit. Die Erscheinungsorte der drei genannten Periodika liegen heute in Tschechien (Brünn/Brno), Ungarn (Käsmark/Kesmark, wo die „Karpathen-Post“ erschien) und der Slowakei (Preßburg/Bratislava). Eine Stärke des Projekts DiFMOE liegt in der Nutzung der vielfältigen Kompetenzen der Partner in zahlreichen europäischen Bibliotheken und Archiven in Preßburg/Slowakei, Brünn/Tschechien, Budapest/Ungarn, Sombor/Serbien oder der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne. Sie und zahlreiche weitere Einrichtungen wirken mit, um das vom Verfall bedrohte oder teilweise vergessene deutsche Kulturerbe in Mittel- und Osteuropa zu erschließen, zu sichern und zugänglich zu machen.

Der informelle Kreis von Wissenschaftlern und Bibliotheksfachleuten hat eine Fortsetzung der Gespräche im nächsten Jahr vereinbart. Hier die einschlägigen Kontaktadressen: www.difmoe.eu, www.martinopitz-bibliothek.de, www.herder-institut.de, www.iais.fraunhofer.de, sowie Maria Luft, Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Johann-Justus-Weg 147a, 26127 Oldenburg.

(KK)

Der britische Germanist Hugh Barr Nisbet von der Universität Cambridge erhält für seine 2008 im Verlag C. H. Beck erschienene Biographie von Gotthold Ephraim Lessing sowie seine anderen Verdienste um die Ideengeschichte des 18. Jahrhunderts den erstmals vergebenen Hamann-Forschungspreis der Universität Münster. Nisbet hat unter anderem Goethes „Wahlverwandtschaften“ sowie Schriften von Kant und Hegel ins Englische übersetzt. Die Auszeichnung, die von privaten Stiftern mit 10 000 Euro ausgestattet wurde, führt den Namen des Aufklärers Johann Georg Hamann, geboren 1730 in Königsberg, 1788 in Münster gestorben.

(KK)

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