Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1303.

Bücher und Medien

Der Mensch sollte dem Menschen zu denken geben

Die Debatte darüber, wie der Begriff Konservativismus inhaltlich bestimmt wird, findet erst seit einigen Jahren mit wahrnehmbarer Deutlichkeit statt. Zwei Gründe neben sicher weiteren sind zu nennen. Die gesellschafts- und politikkritischen Strömungen, die von den 1968 tragenden Generationen ausgingen mit qualitativen Veränderungen im Bewußtsein der Menschen gerade in der Verarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur sind überwunden. Diese Aufarbeitung ist zwar bis heute nicht beendet, nur ist sie Teil des Selbstverständnisses unserer gewachsenen Demokratie geworden. Diese Stabilität der Staatsform des wiedervereinigten Deutschland, die von der übergroßen Mehrheit der Bürger getragen wird, muß als zweiter Grund genannt werden.

Die Menschen denken wieder über Geschichte, Standort und Identität ihrer eigenen Person und ihres Gemeinwesens nach, darunter sind Konservative, Nicht-Konservative, Nationalisten, Liberale, Sozialisten u.a. Konservativ wird dem rechten Spektrum zugeordnet, wobei vielfach überhaupt nicht deutlich wird, wo Rechts verortet wird. Unter den demokratischen und im Bundestag vertretenen Parteien bekennen sich offen CDU und CSU zu ihren konservativen Wurzeln, seit Verschwinden eines national-liberalen Flügels kann das von der FDP nicht behauptet werden. In der CDU gilt Roland Koch als ein Vormann der Konservativen, in seinem Buch unternimmt er eine politische Standortbestimmung, gleichzeitig ist es ein Rechenschaftsbericht über sein Regierungshandeln als hessischer Ministerpräsident.

Wie ein roter Faden durchzieht sein Credo die einzelnen Politikfelder, die er behandelt: ein Konservativer bekennt sich zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seines eigenen Landes in patriotischer Identifikation, er bekennt sich zur Freiheit der Persönlichkeit eines jeden Menschen, der in der Verantwortung für sein Gemeinwesen steht; dem steht heute nach wie vor die Regelungswut der öffentlichen Hand in Bund und Ländern entgegen, die den einzelnen Staatsbürger von der Wiege bis zur Bahre vereinnah men möchte. Dies muß zurückgedreht werden.

Konservative Politik arbeitet als Motor an der Weiterentwicklung des Gemeinwesens, orientiert an Werten christlich-jüdischer, abendländischer Tradition sowie den Erfahrungen der Vergangenheit. Konservative Haltung bedeutet also keineswegs eine Legitimation des Stillstandes. An wichtigen Politikfeldern präzisiert und begründet Koch seine Position als Konservativer, es sind dies in Auswahl Familienpolitik. Bildung und Wirtschaft sowie Umwelt. Bei manchen Beispielen drängt sich aber der Eindruck auf, daß der Begriff „konservativ“ strapaziert wird: Was haben Vorschriftenabbau, Verwaltungsmodernisierung oder Privatisierung staatlicher Aufgaben mit konservativer Politik zu tun? Diese Aufgaben schreiben auch Liberale oder Sozialdemokraten auf ihre Fahnen, und auch das Ehrenamt ist kein Privileg des Konservativen.

Es muß auch gefragt werden, warum Koch so wortreich die Bezeichnung „positives Nationalgefühl“ meidet und statt ihrer den Begriff „Patriotismus“ einzuführen versucht. Dieser ist natürlich nicht verkehrt, aber er greift bei ihm zu kurz, weil er sich überwiegend auf die Gegenwart bezieht. Ein positives Nationalgefühl jedoch bekennt sich nicht nur zum heutigen demokratischen Staat Deutschland, der bisher langlebigsten Demokratie in unserem Lande, sondern zur gesamten deutschen Geschichte. Konservativ – das bedeutet auch ein unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Geschichte, die nicht erst 1871 oder 1918 oder 1933 oder gar 1945 begann. Das zwanzigste Jahrhundert brachte schreckliche Einbrüche, die bei vielen Zeitgenossen noch nicht überwunden sind. Aber die deutsche Geschichte war nicht nur eine Kette von Verbrechen und Untaten, sondern brachte gerade im Mittelalter wertvolle kulturelle und zivilisatorische Leistungen hervor.

Dazu gehört der Prozeß der mittelalterlichen Ostsiedlung, die den Beginn einer siebenhundert- bis achthundertjährigen Geschichte des ehemaligen deutschen Ostens darstellt, und diese ist fester Bestandteil der deutschen Geschichtslandschaft, der nicht verlorengehen darf. Dies ist ein Fundament für viele Vertriebene aus dem Osten. Leider hat Roland Koch diesen Aspekt eines positiven Geschichtsbewußtseins nicht angesprochen, nur ganz vage angedeutet, wie überhaupt bei der gesamten Konservativismus-Debatte das Bekenntnis zur eigenen Geschichte bisher kaum zum Ausdruck kommt. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat bereits 2007 bei einer ähnlich gelagerten Diskussion von „geschichtsvergessenen Konservativen“ gesprochen. Fazit: Roland Koch hat kein Standardwerk über den Konservativismus geschrieben, möglicherweise wollte er es auch gar nicht, einen wichtigen Beitrag zum Thema hat er aber geliefert.

Karlheinz Lau (KK)

Roland Koch: Konservativ. Herder-Verlag, Freiburg 2010, 220 Seiten, 17,95 Euro

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