Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1303.

Bücher und Medien

Der Heilige Stuhl war auch ein heißer

Der handlich und übersichtlich gestaltete Band dokumentiert die meisten Referate zu den internationalen Beziehungen des Vatikans 1870–1939 des „Ersten Karl Graf Spreti Symposions“, das 2009 in der Katholischen Akademie in München stattfand. Die Karl Graf Spreti Stiftung pflegt die Erinnerung an den 1970 in Guatemala ermordeten deutschen Botschafter.

Jörg Zedler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LMU München, weist in seiner Einleitung zu den 14 Beiträgen darauf hin, daß von 1870 bis 1938 beim Heiligen Stuhl 37 ausländische Missionschefs akkreditiert waren, und spricht von der Zwischenkriegszeit als „Zeitalter der Konkordate“. Zedler spannt den Bogen weiter bis zur Trauerfeier für Johannes Paul II., zu der mehr als 200 Staats-und Regierungschefs kamen. Der Vatikan behielt also trotz des Verlustes der weltlichen Macht sein politisches und diplomatisches Gewicht. Wie weit er sich angesichts des Erstarkens der Nationalitäten in der Zwischenkriegszeit selbst stabilisierte, wird auf Grund neuerer Forschungen für Rußland, Preußen und Bayern, die Donaumonarchie, Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei untersucht. Christian Kuchler (Universität Regensburg) beschäftigt sich im letzten Beitrag mit der Rolle von Rundfunk und Film für den Heiligen Stuhl.

Ausgehend von der intensiven russischen Beobachtung des Ersten Vatikanischen Konzils behandeln die nächsten Beiträgen religiöse wie politische Interessen des Heiligen Stuhls. Noch im Ersten Weltkrieg hoffte der Vatikan, an den Friedensverhandlungen beteiligt zu werden. Die oft sehr ins Detail gehenden Untersuchungen rücken die Nuntien und späteren Päpste Achille Ratti (Pius XI.) und Eugenio Pacelli (Pius XII.) in den Vordergrund.

Klaus Unterburger (Regensburg) hält in seinem Beitrag „Das Deutschlandbild Eugenio Pacellis“ die Schwerpunkte des Heiligen Stuhls im Ersten Weltkrieg und damit der Aufgaben des Nuntius Pacelli ab 1917 neben der Friedensvermittlung in München fest: „Die Unabhängigkeit der Kirchenregierung zu sichern, der Blick auf die Katholiken Osteuropas, für die man eine russisch-orthodoxe oder preußisch- protestantische restriktive Herrschaft fürchtete, der Erhalt der katholischen Habsburgermonarchie und das Vermeiden einer Hegemonie der Entente-Mächte, die man als laizistisch einschätzte“.

Thomas Brechenmacher (Potsdam) geht es um das sich ins Positive wandelnde Bild von Nuntius Cesare Orsenigo, dem einzigen Diplomaten, der vom Anfang bis zum Ende des „Dritten Reiches“ dabei war. Völlig unvorbereitet und gegen seinen Willen wurde er 1930 nach Deutschland geschickt, psychisch wie physisch nicht besonders stabil. Die fast täglichen Berichte, in denen er das verbrecherische System des Nationalsozialismus eindringlich beschrieb, sind bis 1939 vollständig zugänglich, in 1500 Schriftstücken. Bis 1945 könnten noch 2000 dazugekommen sein. Anders als Pacelli war Orsenigo nie „politischer Akteur“, aber als Nuntius „ausgeschaltet“ war er nicht.

Unter den Beiträgen, die sich mit Osteuropa befassen, verdient Roberto Morozzo Della Roccas (Rom) Beurteilung des Wirkens von Achille Ratti in Polen 1918 bis 1921 besondere Beachtung. Er war tief beeindruckt vom polnischen Katholizismus, doch irritierte ihn dessen abweisendes Verhalten gegenüber den mit Rom unierten Katholiken nach byzantinischem Ritus. Rom wie sein Nuntius mißbilligten „die Verachtung der Polen für die Nachbarvölker … Insbesondere nach der siegreichen Schlacht an der Weichsel vom August 1920 übte Ratti diskret Druck auf die polnischen Regierenden aus, um sie endlich zur Aufgabe der fruchtlosen Politik der reinen Stärke und zur Aufnahme dauerhafter Friedensverhandlungen mit den benachbarten Nationen zu bewegen“.

Zugleich wurde der Nuntius mit den Problemen Posen und Oberschlesien konfrontiert. „Politisch heikel wurde es für den päpstlichen Vertreter, als Kardinal Bertram entgegen den Weisungen des Heiligen Stuhls sich in Bezug auf die Volksabstimmung nicht mit dem kirchlichen Hohen Kommissar absprach und ohne Rattis Wissen eine Aufsehen erregende, antipolnische Initiative startete.“ Ratti sah in Bertram einen Nationalisten und schrieb am 9. Dezember 1929 nach Rom: „Unentwegt habe ich den Ernst und die Schwierigkeit der Lage sowie die Parteilichkeit und Unzuverlässigkeit von Kardinal Bertram angesprochen.“ Ob auch das Breslauer Diözesanarchiv benutzt wurde? Im Abkürzungsverzeichnis der Archive am Schluß des Buches ist es nicht aufgeführt.

Norbert Matern (KK)

Jörg Zedler (Hg.): Der Heilige Stuhl in den internationalen Beziehungen 1870–1939. Herbert Utz Verlag, München 2010, 386 S., 59 Euro

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