Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1306.

Bücher und Medien

Vom Informellen bis zum Winzerhaus am Plattensee

2010 war Fünfkirchen/Pécs, die Hauptstadt der ungarischen „Schwäbischen Türkei“, Kulturhauptstadt Europas zusammen mit Essen in Deutschland und Istanbul in der Türkei. In den Rahmen der Feierlichkeiten zu diesem Ereignis fällt auch die Eröffnung der großen Gemeinschaftsausstellung der VUdAK-Künstlersektion, in der auch die ungarndeutsche Literatur präsentiert wurde, im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm. Damit kann, möchte man meinen, das heutige Ungarn an seine auch völkerverbindende k. u. k. Vergangenheit der Habsburger Zeiten anknüpfen.

Bevor das Nationalbewußtsein im 19. und dann besonders im 20. Jahrhundert nicht nur gestärkt, sondern zum Teil maßlos übertrieben wurde, kamen die 13 Völkerschaften der Habsburger Monarchie im großen und ganzen friedlich und sogar gegenseitig förderlich miteinander aus. Nach 1989, als die nationalen Minderheiten des Ostblocks von „Planungsobjekten“ zu selbständigen Subjekten ihres Schicksals werden konnten, hat auch Ungarn die positive Rolle, die seine nationalen Minderheiten für seine Westintegration spielen, erkannt. In der ersten Hälfte dieses Jahres führt Ungarn zudem den Vorsitz der EU und bringt in dieser Zeit auch die ungarndeutsche Ausstellung „ZeiTräume“ aus Ulm nach Brüssel, weil sie ein weiterer Beweis für die Reichhaltigkeit und Vielfalt der Kultur des heutigen Ungarns ist. 59 Künstler haben in Ulm ausgestellt, und einige der wichtigsten von ihnen werden in diesem Buch dem Betrachter vor Augen geführt.

Es erstaunt, daß die Hinwendung zum Abstrakten und Informellen überwiegt, wie etwa bei Akos Matzon (geboren 1945) oder bei Beate Majdu (geboren 1968), die sogar mit ungegenständlichen textilen Vexierbildern oder Spielereien vertreten ist. Aber auch Gegenständliches wie Laszlo Heitlers (geboren 1937) „Winzerhaus am Plattensee“ erfreut den Besucher.

Im Literaturteil der Ausstellung „ZeiTräume“ sind 23 Autorinnen und Autoren zu Wort gekommen. Man hatte die originelle Idee, ihre Texte auf kleine Täfelchen zu drucken und diese auf Sockel zu legen. So können sie in die Hand genommen werden und so zu Begleitern der Ausstellung werden.

Über die Besonderheiten der ungarndeutschen Literaturentwicklung nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges mit Flucht, Vertreibung der Hälfte der Ungarndeutschen und der Deportation zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion berichten in zwei sehr gediegenen, detailreichen Vorworten Johann Schuth, der erste Vorsitzende des VUdAK, und Dr. Dezsö Szabo, Professor am Ungarndeutschen Forschungs- und Weiterbildungszentrum der Budapester Elte-Universität.

Alle drei Generationen von Autorinnen und Autoren der ungarndeutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg kommen hier zu Wort, darunter Erika Ats und Ludwig Fischer von den Senioren, Josef Michaelis und Nelu Bradean-Ebinger von der mittleren Generation, aber erfreulicherweise auch die Hoffnungsträger wie die 1979 geborene Andrea Zcövek und die 1982 geborene Angela Korb.

Als Beispiel für die Weltoffenheit der jungen ungarndeutschen Autoren auf ihrem Weg nach Europa mag Andrea Zcöveks Gedicht „Auf dem Weg der Veränderung“ stehen: „Auf dem Weg der Veränderung / sehe ich Licht, / es sind Flugzeuge in meinem Bauch. / Nur ein Blick. / – Ein Blick auf den Schirm. / Dort liegt ein Kind. / Mein Kind. / – Ich werde Mutter ohne Mutter. / – Gesegnet.“ Das Kind beim Namen genannt, der Paradigmenwechsel in der ungarndeutschen Literatur ist geboren.

Ingmar Brantsch (KK)

ZeiTräume. 15 Jahre VUdAK (Verband ungarndeutscher Autoren und Künstler). VUdAk, Budapest  2010. 66 S. ISBN 978-963-8333-16-2

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