Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1306.

Bücher und Medien

Der „Spiegel“ beweist Professionalität an „heiklen Kapiteln“

Das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ war den rund zehn Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus den preußischen Ostprovinzen und aus dem Sudetenland nie sonderlich wohlgesonnen. Daß mit dieser journalistischen Aversion gegen alles Ostdeutsche auch die konfliktreiche Geschichte und die reichhaltige Kultur jener Regionen in Vergessenheit geriet, wurde im Kampfeseifer übersehen. 

Jetzt aber, wo es, 65 Jahre nach Kriegsende, fast zu spät ist, erschien in der Reihe „Geschichte“ ein Heft von 148 Seiten, das an jedem Zeitungskiosk für 7,50 Euro zu kaufen ist: „Die Deutschen im Osten. Auf den Spuren einer verlorenen Zeit“. Allein das Inhaltsverzeichnis kann begeistern. Der in die vier Abteilungen „Siedler im Osten“, „Fremde, Freunde, Nachbarn“, „Krieg, Flucht, Vertreibung“ und „Schatten der Vergangenheit“ gegliederte Stoff bringt in den einzelnen Kapiteln eine Fülle von Beispielen dafür , wie wichtig Geschichte und Kultur Ostdeutschlands für das Selbstverständnis der heutigen Deutschen sind.

Da liest man einen Aufsatz „Neue Schlüssel zur Geschichte“, wo im Untertitel auf die „Enkelgeneration der Vertriebenen“ verwiesen wird, die die „Vergangenheit unverkrampfter“ sieht, weitere Artikel berichten über die „wechselvolle Geschichte der 1348 gegründeten Universität Prag“ und den wirtschaftlichen „Erfolg der mittelalterlichen Hanse“. Der Stuttgarter Emeritus Norbert Conrads, 1938 in Breslau geboren, der als Historiker an der Universität Stuttgart den Projektbereich „Schlesische Geschichte“ vertrat, würdigt auf vier Seiten „Schlesien zwischen Polen, Habsburgerreich und Preußen“ als „Hort der Toleranz“, während der Germanist Johannes Saltzwedel die unvergleichliche Barockdichtung aus Schlesien vorstellt. Der in Berlin lebende Historiker Andreas Kosser, dessen letztes Buch „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ (2008) hohes Aufsehen erregte, ist mit einem Interview über die politische und kulturelle Sonderstellung Ostpreußens vertreten, während Christian Neef darüber schreibt, wie im nördlichen Ostpreußen, der russischen Provinz Oblast Kaliningrad, die Regionalregierung versucht, die deutsche Geschichte vergessen zu machen, wogegen die heutigen, aus allen Himmelsrichtungen der Sowjetunion eingewanderten Bewohner des Landstrichs und ihre Nachkommen emsig nach Spuren deutscher Vergangenheit suchen.

Erfreulich ist, daß neben den „reichsdeutschen“ Vertriebenen auch die aus Rußland, Ungarn, Serbien, Kroatien und Rumänien ausführlich benannt werden, während die aus der Tschechoslowakei, Polen und dem Baltikum leider unerwähnt bleiben, immerhin ist „Danzig zwischen Deutschen und Polen“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Wie es den jenseits von Oder und Lausitzer Neiße lebenden Deutschen nach 1945 ging, kommt in Artikeln über das Wüten der Roten Armee, über die „Breslauer Apokalypse“ und „Die Zeit der Abrechnung“ zur Sprache. Hier wird auch endlich das Thema der Vergewaltigung von zwei Millionen ostdeutscher Mädchen und Frauen angeschnitten. Daß die vorrückenden Rotarmisten auch Tausende von Polinnen, Slowakinnen, Rumäninnen, Ungarinnen vergewaltigt haben, läßt das Argument brüchig werden, die Verbrechen der Roten Armee wären eine Antwort auf die Verbrechen der Wehrmacht 1941/45 gewesen.

Wo man sich festliest in diesem Heft, bekommt man aufschlußreiche Informationen geliefert, so über die Westverschiebung Polens unter dem Titel „Churchills Streichhölzer“ (Michael Sontheimer) oder über „Die Vertriebenen nach 1945“ unter dem Titel „Hitlers letzte Opfer“ (Norbert F. Pötzl). Selbstverständlich durfte da ein kritischer Beitrag, wenn auch anonym, über Erika Steinbachs Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ nicht fehlen. Leider wird die rigorose Eingliederungspolitik, die im SED-Staat gegen die „Umsiedler“ betrieben wurde, nirgendwo analysiert, der einzige Beitrag zu diesem Thema ist Uwe Klussmanns Artikel über das „Görlitzer Abkommen“ von 1950, worin die „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ einseitig anerkannt wurde.

Erfrischend zu lesen sind die vier Seiten der Journalistin Petra Reski, die als 1958 geborenes Kind einer Schlesierin und eines Ostpreußen im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und im Jahr 2000 das Buch „Ein Land so weit. Ostpreußische Erinnerungen“ veröffentlichte, weil sie das Land an der Ostsee als Heimat ihrer Vorfahren entdeckte. Daß deutsche und polnische Historiker an einem gemeinsamen Geschichtsbuch arbeiten, erfährt man von Jan Friedmann unter dem Titel „Heikle Kapitel“. Und unter „Aktenzeichen ungelöst“ teilt Thomas Darnstädt mit, daß die an Deutschen begangenen Vertreibungsverbrechen noch immer ungesühnt sind. Die Liste der weiterführenden Literatur ist leider ziemlich willkürlich zusammengestellt worden und bedarf dringend der Ergänzung.

Auf dem Titelbild sieht man einmal ein fröhliches Fest 1928 im niederschlesischen Schreiberhau und dann die Flucht der Ostpreußen im Winter 1945 über das brüchige Eis des Kurischen Haffs. – Viele überlebten sie nicht. 800 Jahre Geschichte Ostdeutschlands versanken.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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