Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1307.

Bücher und Medien

Fragen, mahnen, künden von „bleibenden Dingen“

Die 1989 gegründete Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft (IEWG) ist bereits mit drei Bänden in ihrer Schriftenreihe an die Öffentlichkeit getreten. 1993 erschien „Ernst Wiechert heute“, 1999 „Zuspruch und Tröstung“ und 2002 „Von bleibenden Dingen“. (Diese Sammelbände wurden in einem Selbstverlag in Frankfurt a. M. gedruckt.) Ihre hohe Qualität führte dazu, daß der renommierte Literaturverlag de Gruyter an die IEWG herantrat, um die Gesellschaft für weitere Publikationen zu gewinnen. Das ist mit dem jetzt vorliegenden Band 4 in überzeugender Weise gelungen.

Die beiden Herausgeber sind Vorstandsmitglieder der IEWG, Weigelt darüber hinaus Gründungsmitglied. Er schildert im Eingangsartikel unter dem Titel „Ernst Wiechert in der Gegenwart“ die über 20jährige Geschichte der Gesellschaft, die seit 1998 auch Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften (ALG) in Berlin ist.

Der Sammelband enthält 14 Beiträge in den zwei Teilen: „Zeit und Zeitgenossen“ und „Einblicke in Wiecherts Werk“. Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Leonore Krenzlin steuert für beide Teile drei entscheidende Aufsätze bei. So beschreibt sie in einfühlsamer Weise das zwischen Animosität und Einsicht gespannte Verhältnis zwischen Thomas Mann und Ernst Wiechert. Thomas Mann hat nach dem Krieg seine ursprünglich auch gegen Wiechert gerichtete „Voreingenommenheit gegen die Innere Emigration zugunsten einer künftigen Verständigung … beiseite gelegt“. Als literaturwissenschaftlicher Höhepunkt ist die Auseinandersetzung mit Wiecherts unveröffentlichtem Romanerstling „Der Buchenhügel“ zu werten, dessen schwer zu lesendes, 500 Seiten starkes Manuskript im Archiv des Museums Stadt Königsberg von Leonore Krenzlin transkribiert wurde. Unter dem verheißungsvollen Titel „Geisterreigen und Masurenschwermut“ setzt sie sich mit Wiecherts Erstwerk auseinander und fügt ihrem Aufsatz aufschlußreiche Leseproben aus dem Roman bei. Schließlich befaßt sich Leonore Krenzlin in „Respektverweigerung und Entwurf eines Gegenwelt“ mit dem spannenden und oft auch humorvollen Roman „Der Exote“.

Der frühere Vorsitzende der IEWG (1997–2002) und Ernst-Wiechert-Preisträger der Stadtgemeinschaft Königsberg (2009), Hans-Martin Pleßke, hat zu Ernst Wiecherts Verhältnis zu Schriftstellerkollegen seiner Zeit einen umfang- und kenntnisreichen Beitrag geleistet. Pleßke war mehr als vierzig Jahre wissenschaftlicher Bibliotheksrat an der Leipziger Bücherei, wo er schon in den 1950er Jahren über Wiechert publizierte. Im August 2010 ist er verstorben und hat das Erscheinen dieses Buches nicht mehr erlebt.

Weitere bemerkenswerte Aufsätze des ersten Teiles sind zum einen die aufschlußreichen Forschungsergebnisse zu Ernst Wiechert in der Königsberger Schulpolitik gegen Ende der Weimarer Republik, die Christian Tilitzki unter dem Thema „Abschied vom Hufengymnasium“ vorlegt. Daneben findet der Leser einen interessanten Beitrag des evangelisch-reformierten Theologen Jürgen Fangmeier über „Katholisches bei Ernst Wiechert?“. Ergänzt werden die Arbeiten durch die neue Wege beschreitende Analyse des polnischen Germanisten Marcin Golaszewski über „August Graf von Galen und Ernst Wiechert“, und die Dokumentation des Wiechert-Sammlers Werner Kotte, der sechs Beispiele von Illustrationen zu Werken des Dichters kommentiert.

Die Werkanalysen des zweiten Teiles behandeln die Novelle „Die Gebärde“, die Matthias Büttner als „Mahnung zur Menschlichkeit“ interpretiert, die Gestalten von Vätern und das Bild des Lehrers im Werk von Ernst Wiechert, die von der Germanistin Bärbel Beutner, der Vorsitzenden der IEWG, detailliert bearbeitet werden, ergänzt von Jürgen Fangmeier, der sich mit dem Kind in Ernst Wiecherts Novellen befaßt. Den Abschluß des Sammelbandes bildet unter dem Titel „Offenbarung und Eingang in eine andere Welt“ eine profunde Auseinandersetzung mit dem das Werk des Dichters durchziehenden Leitmotiv „Leiden und Erlösung“.

Der Band enthält viel Neues, auch für den Kenner der Werke Ernst Wiecherts, viel Überraschendes und Aufschlußreiches. Die Aufsätze unterstreichen nicht nur die Tatsache, daß Ernst Wiechert auch heute noch im Gespräch ist, sondern auch seine ungebrochene Aktualität, übrigens auch im internationalen Rahmen; das beweisen die zahlreichen Übersetzungen seiner Werke in viele Sprachen. 2012 steht der 125. Geburtstag des Dichters bevor. Man darf gespannt sein, was über Ernst Wiechert bis dahin noch zu hören sein wird.

Joachim Hensel (KK)

Leonore Krenzlin und Klaus Weigelt (Hg.): Ernst Wiechert im Gespräch. Begegnungen und Einblicke in sein Werk. Schriften der Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft, Band 4, Berlin/New York 2010, 301 S.

«

»