Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1293.

Bücher und Medien

Testamente als Zukunftsentwürfe

Bogdan Bobowski: Das Religionsbewußtsein des Schweidnitzer Bürgertums im Lichte seiner Testamente (von der Mitte des 14. bis Anfang des 17. Jahrhunderts). Bearbeitung auf der Grundlage von Originaltestamenten Schweidnitzer Bürger aus der Zeit von der Mitte des 14. Jh.s bis zum Anfang des 17. Jh.s, die im Staatsarchiv Breslau/Wroclaw (Archiwum Panstwowe we Wroclawiu) verwahrt werden. Aktenzeichen: AP Wroclaw: Dokumenty miasta Swidnicy und Akta miastaSwidnicy

Die Autoren von Handbüchern der ars bene moriendi aus dem 16. und 17. Jahrhundert waren der Auffassung, daß das Testament ein wesentliches Dokument für den Testamentsverfasser war, weil es ihm den Weg zum guten Tod bahnen sollte. Sie wiesen darauf hin, daß der Sterbende durch sein Testament all das von ihm begangene Unrecht wiedergutmachen, die Zukunft seiner Angehörigen sichern und seine irdischen Geschäfte in Ordnung bringen konnte. Menschen, die in jenem Zeitraum lebten, bereiteten sich auf den Tod vor, weil sie mit ihm ständig konfrontiert waren. Die schlesischen Städte des 14., 15. und 16. Jahrhunderts waren des öfteren Schauplätze von Bränden, Epidemien, Hungersnöten und Naturkatastrophen. Der Tod hielt reiche Ernte. Die Testamentsverfasser belehrten oft ihre Erben, wie sie ihr Leben führen sollten. Man war der Auffassung, daß der Sterbende durch die Verfassung eines Testaments das von ihm verursachte Leid wiedergutmachen und die Zukunft seiner Nächsten sichern könne. Der in Polen bekannte jesuitische Schriftsteller und Prediger Piotr Skarga empfahl in seiner Predigt vom Tod, Unrecht auszugleichen und Testamente zu verfassen.

Alle Verfasser von Sterbebüchern vertraten die Ansicht, daß gute Menschen nicht ohne Testament sterben durften. Das Testament als perpetua meditatio mortis galt als Nachweis eines tugendhaft geführten Lebens und war zugleich Zeugnis eines starken  Todesempfindens, das vor allem durch die hohe Sterberate im Mittelalter und der Frühneuzeit bedingt war. Testamente, die beim europäischen Bürgertum etwa seit der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert zur Geltung kamen, wurden vordergründig aus Sorge um das Seelenheil verfaßt. Die Regelung der Vermögensverhältnisse unter den Angehörigen war zweitrangig.

Die ursprüngliche Testamentsform zeichnete sich vor allem durch Legate für die Kirche und die Armen aus. Testamente ohne Legate waren sehr selten. In Lübeck waren während des 14. Jahrhunderts in manchen Jahrgängen solche Vermerke in 80 Prozent aller Testamente zu finden. Die Art der Vermächtnisse hing von der wirtschaftlichen Lage, dem sozialen Status, der Frömmigkeit und den individuellen Seelennöten des Testamentsverfassers ab. Als Beispiel ist schon alleine wegen der Stiftungshöhe der Lübecker Marquard Langheside anzuführen. Dieser hatte zur Zeit der Schwarzen Pest im Jahre 1358 für Kirchen, Spitäler und Armenpflege in 16 Ortschaften an der Ostsee 890 Lübecker Mark von seinem Gesamtvermögen abgezweigt. Legate für Kirchen wurden in erster Linie für die Errichtung neuer Sakralbauten (pro fabrica ecclesiae) bestimmt. Darüber hinaus bestimmte man sie für die Innenausstattung, für neue Altäre, Privatkapellen, Fensterscheiben, Glocken, Kirchenbilder, das Ewige Licht, Orgeln, Messen, Pfarrer, Vikare, den Seelsorger des Testamentsverfassers, Bettelorden, Beginen, Armenhäuser oder Pensionäre. Im Falle von Frauenorden bestimmte man Legate für arme Nonnen ohne Mitgift.

Vermögende Kaufleute und Handwerker legten insbesondere in Pfarrkirchen Familienkapellen oder -altäre an. In der Regel wollten sie auch in diesen Kirchen oder auf deren Friedhöfen bestattet werden. In Namen der christlichen Nächstenliebe sparten sie nicht an Stiftungen für Schüler- und Studentenheime, Studentenspitäler, Armenhäuser und Krankenhäuser. Auch die über Bettelmönche an Leprakranke verteilte Nahrung wurde gestiftet. Seit dem 14. Jahrhundert wurden Leprakranke in den an Stadträndern eingerichteten Leprosorien untergebracht. Zahlreiche Leprosenhäuser gab es in Großstädten. Allein in der Umgebung von Lübeck existierten um die Hälfte des 14. Jahrhunderts in verschiedenen Jahren sechs bis acht solcher Häuser, die insgesamt etwa 100 Leprakranke aufnahmen. Noch mehr solcher Einrichtungen gab es in Frankfurt am Main.

In vielen Bekundungen des letzten Willens ist von der Bestattung des Testamentsverfassers die Rede, d.h. von Bestattungsort, Epitaph, Sonderwünschen zu der Begräbnisfeierlichkeit, Begräbnis- und Erinnerungsmessen und deren Form (gelesen oder gesungen), Spezialgebeten – u.a. während der Marienzeiten bzw. Marientiden – sowie von Einträgen in Kirchen- und Klostertodesverzeichnisse und sonstigen Handlungen pro remedio animae (sog. Seelgeräten bzw. Seelgerethen), insbesondere Legate für Kirchenpersonen, Kircheninstitutionen, Arme und Kranke. Bis zur Reformation wurden Verschreibungen ad pias causas nicht nur in Verbindung mit den Bestattungs- und Gedenkbestimmungen an die erste Stelle gesetzt. Dispositionen betreffend das Vermögen für den Gemahl bzw. die Gemahlin, die Kinder oder Verwandte waren zweitrangig. Die Mentalität eines Bürgers oder Ritters war von der Sorge um sein Seelenheil bestimmt.

Den Aufbau und Inhalt eines Testaments legten die bei Katholiken und Protestanten beliebten Sterbebüchlein fest. Zwar fürchteten beide Seiten den Tod, jedoch fanden Protestanten Trost in ihrer Glaubensdoktrin. Katholiken suchten Beistand bei Fürbittern, daher stammte ihre Mildtätigkeit, die in den Testamenten mit ad pias causae betitelt wurde. Protestanten verließen sich auf die praedestinacio, daher lehnten sie übertriebenes Begräbniszeremoniell ab. Von einem sterbenden Protestanten erwartete man unbedingtes Vertrauen auf Gottes Erlösung. Jegliche Zweifel an Gottes Allmacht galten als Satanswerk. Für Katholiken bedeutete die hora mortis im höheren Maße als für Protestanten den Augenblick des Kampfes um ihr Seelenheil durch meditatio mortis. Reuelosigkeit oder bewußtes Verharren in Sünde galten als Anzeichen für einen Pakt mit dem Teufel. Nur ein demütiger Mensch konnte seine irdischen Geschäfte erfolgreich abschließen. In Testamenten von Katholiken erschien Gottvater als scharfer Richter, dem die Entscheidung über Erlösung und Verdammung oblag. Das Bewußtsein der Nichterfüllung der göttlichen Gebote machte Angst vor ewiger Verdammnis.

(KK)

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