Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1309.

Bücher und Medien

Glaubhaft von Unglaublichem erzählen

In diesem Sammelband haben Hans Mirtes und Gerolf Fritsche die Berichte von acht Zeitzeugen herausgegeben, die – wie sie im Vorwort vermerken – alle erst diesseits des Jahres 2000 entstanden sind. Sie zeigen damit, wie klar und sogar lebhaft in den letzten Erlebnisgenerationen die Erinnerungen an die Zeit der Bedrängnis und der Lebensentscheidungen des Jahres 1945 noch vorhanden sind. Vor allem aber beweisen sie, daß selbst nach so langer Zeit noch gültige Aussagen zu sichern sind. Das ist aber offenbar nur möglich, weil man bei der Entstehung der Texte mit der nötigen Sorgfalt vorgegangen ist, um mögliche Irrtümer in der Erinnerung zu vermeiden. Die Berichte sind immer wieder mit Aufzeichnungen, Briefen und Dokumenten aus dem Besitz der Berichtenden abgeglichen. Am deutlichsten bringt dies die Aussage der Herta Planer aus Priesten bei Aussig zum Ausdruck. Sie stellt zum Abschluß ihres Berichtes fest: „Ich habe meine Erlebnisse noch nie so gut gewußt wie heute nach diesem Bericht.“ Das heißt aber auch, daß sich in dem Buch keine romanhaft ausgestalteten Schilderungen finden, sondern die Geschehnisse weitestgehend so abgelaufen sind, wie es die acht Berichtenden schildern.

Und was sie alles erlebt haben, ist schon erstaunlich genug. Die Leser werden mit Lebenssituationen konfrontiert, die heute vor allem für die jüngere Generation schwer vorstellbar sind. Aber auch jene, die sich noch zur Erlebnisgeneration zählen und manches Vertraute bestätigen mögen, werden „Unglaubliches“ entdecken. Nur die wenigsten werden z.B. geahnt haben, daß jemand den Brünner Todesmarsch überleben und trotzdem nach Brünn zurückkehren konnte, um dort sein Leben bis heute zu leben – natürlich nicht als Deutsche erkannt. Kaum jemand mag auch davon gehört haben, daß karpatendeutsche Zivilisten schon im Januar 1945 in die Sowjetunion verschleppt wurden. Viele kostete das schon bald darauf das Leben. Für Metzenseifen in der Unterzips hat Josef Freimann, ein Überlebender, in seinem Bericht die Namen seiner toten Kameraden zusammengestellt. Er hat ihnen damit in diesem Buch ein Denkmal gesetzt. Fast noch erstaunlicher ist aber, daß aus Hobgarten in der Oberzips die meisten Deportierten zu Weihnachten 1945 bereits wieder aus Sibirien zurück waren – noch vor dem Beginn der systematischen Vertreibung, der sie dann ausgeliefert waren.

Genauso unglaublich ist die Geschichte von Adolf Fiedler aus Aicha bei Reichenberg. Er wird während der wilden Vertreibung zweimal vertrieben, weil ein Russe ihn beim ersten Mal nach Aicha zurückgeschickt hat. Den Schlußpunkt bei diesen Stimmen aus dem Jahr 1945 setzt Norbert Sommer aus Birnai im Elbetal. Er schildert den Elendszug über das Erzgebirge und wie er nach dem Verlust des Vaters, von dessen Tod sie unmittelbar vorher erfahren haben, die Mutter von der letzten Verzweiflungstat abhält. Zuversicht und Hoffnung können auch aus größter seelischer Not herausführen.

Das Buch eröffnet in allen Berichten einen Blick auf Leid und Entbehrung im vorigen Jahrhundert. Dennoch ist es in gewisser Weise leicht zu lesen, denn die acht Berichte sind geschlossene Einheiten, die geradezu einladen, daß man sie sich etappenweise vornimmt. Sie sind reich bebildert und mit Dokumenten, Karten und Inhaltsübersichten versehen.

Jedem, der das Buch ersteht oder erwirbt, um es zu verschenken, sei gesagt, daß er eine gute Sache fördert. Der Verkauf des Buches, das weitgehend in ehrenamtlicher Arbeit erstellt wurde, entscheidet mit darüber, ob weitere Berichte so hervorragend aufbereitet in die Öffentlichkeit gelangen können.

Franz Gissau (KK)

Hans Mirtes/Gerolf Fritsche (Hg.): 65 Jahre – Zivildeportation und wilde Vertreibung der Deutschen aus der CSR 1945. AGSLE-Verlag, Frontenhausen 2011, 15 Euro. Zu beziehen bei: Heimatkreis Mies-Pilsen e.V., Postfach 127, 91542 Dinkelsbühl, 09851/53003.

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