Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1309.

Bücher und Medien

Man sieht nur, was man weiß, und hier kann man’s lernen

Estlands Hauptstadt genießt derzeit erhöhte Aufmerksamkeit, denn seit dem 1. Januar dieses Jahres ist Tallinn zusammen mit dem finnischen Turku Kulturhauptstadt Europas 2011. Wie bitte? Schaut man in den Internet-Archiven der großen bundesdeutschen Tageszeitungen nach, soweit Einblick gewährt wird: gähnende Leere. Ob’s am länger dauernden Winter im nördlichen Europa liegt, daß niemand hinfährt? Sind so kurze Tage… Oder ist die Berichterstattung z.B. in der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Beginn des Jahres nur eine Pflichtübung gewesen? Sieht so aus.

Die Pressemitteilung über die Besetzung der Stelle einer Stadtschreiberin Tallin 2011 zum 1. Mai, ausgeschrieben vom Deutschen Kulturforum östliches Europa, fand jedenfalls kein überregionales Echo. Der estnische Lyriker und Gelehrte Uku Masing hat gesagt: „Kleine Völker haben schon deswegen einen weiteren Horizont, weil sie an der Existenz der anderen nicht vorbei können.“ Verkehrt man diesen Ausspruch ins Gegenteil, lautet die bittere Erkenntnis, der Horizont der „anderen Völker“ reicht wohl so weit, daß die „kleinen Völker“ im Dunst verschwinden. Zumindest im Fall Estlands und Lettlands erweist sich das als schweres Versäumnis.

Beide Länder haben unfreiwillig mehr deutsche Vergangenheit, als man gemeinhin weiß. Das begann schon im Mittelalter, als Bernhard II. zur Lippe, aus dem ostwestfälischen Rheda stammend, zu Beginn des 13. Jahrhunderts, einem Gelübde folgend, in Livland das Christentum mit Feuer und Schwert verbreitete. Spuren deutscher Geschichte sind kontinuierlich bis hin zum Exodus der Deutschbalten 1939 im Gefolge des geheimen Abkommens zum Hitler-Stalin-Pakt zu beobachten. Nicht immer rühmlich. Zu rühmen ist aber sicherlich, daß den Esten und Letten durch die deutschsprachigen Pfarrer ihre Sprache erhalten blieb, denn die damals russische Oberherrschaft hatte daran kein Interesse. Aus diesem Verständnis heraus ist wohl auch zu erklären, daß der Perestroiker Gorbatschow 1991 vom Freiheitsdrang der baltischen Staaten nichts wissen wollte: Kolonien haben zu kuschen. Denn abgesehen von einer gut 20jährigen Episode von 1918 bis 1939 waren die baltischen Staaten eben Vasallen Rußlands. Über die Zeiten schwedischer bzw. dänischer (und im Falle Litauens polnischer) Herrschaft schweigt man ebenfalls.

Zu berichten ist von einem wunderbaren Buch, das rechtzeitig zum nordischen Sommer mit den langen Abenden zur Fahrt nach Tallinn verlockt. Andreas Fülberth, der 2005 eine Dissertation über den Ausbau von Tallinn, Riga und Kaunas zu  modernen Hauptstädten in den Jahren 1920–1940 vorgelegt hat, hat jetzt gewissermaßen als Destillat aus dieser Arbeit einen kunstgeschichtlichen Rundgang durch Tallinn/Reval – so steht es ausdrücklich auf dem Titel – herausgegeben.

In komprimierter Form wird die Geschichte der estnischen Hauptstadt dargestellt. Auf die dänische Eroberung 1219 weist noch heute der estnische Name der Stadt hin, denn Tallinn ist ein Kompositum, bestehend aus „taani“ = dänisch und „linn“ = Stadt, Burg. Und wie bei so vielen Stadtgründungen steht auch hier eine Burganlage am Beginn. Die ist sehr stattlich geworden im Laufe der Jahrhunderte und bis heute in ihrer Monumentalität und Immobilität ein städtebauliches Problem. So richtig repräsentativ nach modernen Maßstäben war und ist da keine Hauptstadt zu bauen. Doch Tallinn macht das Beste daraus. Der weltweit einzige expressionistische Parlamentssaal steht untypischerweise nicht frei und sichtbar, sondern, von hohen Burgmauern verdeckt, auf dem Domberg. Fast jeder der gewaltigen Türme der nicht minder gewaltigen Burganlage macht mehr her. Aber es wandelt sich schön durch die mittelalterliche Stadt, zu bewundern sind reichlich Häuser, die trotz Fremdherrschaft von merkantiler Entwicklung künden und von einem Reichtum, der vor allem zu Zeiten der Hanse angehäuft wurde. Natürlich findet man ein Haus der Gilde der Schwarzhäupter, die von Bremen über Riga und eben auch von Tallinn aus europaweit den Handel beherrschten.

Die Weltkulturerbestadt Tallinn wird mittlerweile – auch das ein städtebauliches Problem – bedrängt von den Hochhäusern, die seit 1991 die Silhouette verändern. Zu beobachten ist das sehr gut, wenn man sich der Stadt per Schiff nähert oder sie z. B. vom Turm der Olaikirche aus betrachtet. Den Architekturkritiker Fülberth befallen vermutlich Bauchschmerzen im Gedanken an das, was da östlich und südöstlich der Altstadt entstanden ist. Der Gedanke liegt nahe, wenn Fülberth das zeitgleich neu entstandene Hochhausviertel der litauischen Hauptstadt Vilnius positiv bewertet und dem Tallinner Entwurf jeglichen architektonischen Mehrwert abspricht.

Davon sollte man sich nicht abhalten lassen. Das Gros der Touristen wird es eh nicht wahrnehmen, sondern z.B. in den Cafés auf dem Rathausplatz sich von jungen Leuten in mittelalterlicher Kleidung bedienen lassen und bedenkenlos mit der Kreditkarte bezahlen, so gewissermaßen den globalisierten Handel früherer Zeiten mit modernen Mitteln fortsetzend. Tallinn ist in der Gegenwart angekommen, will aber auch seine Geschichte nicht leugnen. Das Buch ist informativ, hat ein handliches Format, ist stabil verarbeitet, also reisetauglich und sollte in keinem Reisegepäck nach Tallin fehlen.

Ulrich Schmidt (KK)

Andreas Fülberth: Tallinn/Reval. Ein kunstgeschichtlicher Rundgang durch die Stadt am Baltischen Meer. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg  2011. Reihe Große Kunstführer/Potsdamer Bibliothek östliches Europa Bd. 4, 9,90 Euro

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