Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1292.

Bücher und Medien

Man muß es selbst lesen

Der Band kommt bescheiden daher, aber er hat verdiente Aufmerksamkeit gefunden. Gerade 65 Jahre nach Kriegsende berichtet hier zum erstenmal eine heute 80jährige Frau von den Massenvergewaltigungen der vorrückenden sowjetischen Armeen. Außer einem anonymen Bericht einer betroffenen Frau aus den 50er Jahren, der die Vorgänge in Berlin in den Mittelpunkt stellt, hat es das bis 2010 nicht gegeben. Warum eigentlich nicht? Aber davon wird noch zu schreiben sein.

Die Geschichte ist kurz und schrecklich:  Am 25. Januar 1945, die Rote Armee hat gerade ihre größte Offensive nach Westen vom südlichen Oberschlesien bis zur Ostsee in Bewegung gesetzt, schickt in Schneidemühl in Pommern eine Mutter ihre 16- und kaum 15- jährigen Töchter auf die Flucht nach Westen und damit in ein Chaos, das auch ein Informationschaos ist. Was die Mutter damit bezweckt hat, kann sich auch die 80jährige Tochter noch nicht erklären Ein gewichtiger Grund findet sich in der Inkompetenz und der Verantwortungslosigkeit der NS-Chaoten. Sie hatten schon durch die Rivalitäten der Mehrfachbürokratien untereinander ein mörderisches Verwaltungs- und Organisationsdurcheinander angerichtet. Sie hatten nicht nur eine „dritte Front“ geschaffen, sondern auch alle Handlungs- und schließlich Rettungsstrukturen so lange verknäult, bis sie nicht mehr funktionieren konnten.

Eines der schlimmsten Übel, die totalitäre Regime über die Bevölkerungen bringen, ist die Verfälschung der Wirklichkeit durch Propaganda, durch verweigerte und durch falsche Informationen. In ihrem satanischen Gespinst gehen schließlich auch die einfachsten Orientierungen verloren. Unbeabsichtigt wird gerade das von Gabriele Köpp sehr treffend dargestellt, wenn sie beschreibt, wie schließlich sogar die Kenntnis der Himmelsrichtungen und jede geographische Orientierung verloren waren, letzte Eisenbahnzüge in falsche Richtungen fuhren und Fußgänger oder Pferdefuhrwerke durch die Winternächte irrten. In diesem Chaos haben die schnell vorrückenden sowjetischen Einheiten die Flüchtenden überrannt. Eine referierende Wiedergabe in einer Rezension wird nicht dem gerecht, was geschehen ist: Gabriele Köpp ist durch Wochen vergewaltigt worden , ein ums andere Mal,als sie 15 Jahre alt war. Davon, aber nicht nur davon handelt ihr Buch, ein einzigartiges Dokument schon deshalb, weil es unter eigenem Namen und aus eigenem Antrieb veröffentlicht worden ist. Sonst hat das noch keine Frau, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs vergewaltigt wurde, getan, in 65 Jahren nicht. Man muß es selbst lesen, die Wirkung sollte direkt sein.

Die Autorin stellt auch eine andere, bisher nie auch nur angedeutete Erfahrung markant in den Vordergrund, die sie als 15jährige mit dem Verhalten anderer Frauen gemacht hat. An einem Nachmittag versteckt sie sich in einem Raum, der überfüllt ist mit Flüchtlingen, unter einem Tisch. Wieder kommen Soldaten und verlangen nach Mädchen. Die älteren Frauen rufen in den Raum hinein: „Wo ist die kleine Gabi?“ und ziehen sie unter dem Tisch hervor. „Ich spüre Hass in mir aufsteigen … Tränen habe ich keine.“ Am darauffolgenden Tag sind es wieder die Frauen, die sie einem „gierigen Offizier“ in den Arm „schubsen“, „ich verachte diese Weiber“.So geht es weiter, zwei Wochen lang. Danach gelingt es ihr, auf einem Bauernhof aufgenommen zu werden, dort kann sie sich vor den Soldaten verstecken.

Gabriele Köpp will ihrer Mutter einen unterwegs geschriebenen Brief an sie zeigen, als sie sie endlich, nach 15 Monaten Flucht, in Hamburg aufspürt. Doch die Mutter bittet sie als erstes nachdrücklich, über alles zu schweigen, was sie auf der Flucht erlebt habe. Sie könne es ja aufschreiben. Das hat sie mit 16 dann auch getan, heute zitiert sie in ihrem Buch aus diesen Notizen, die sie inzwischen dem Haus der Geschichte in Bonn übergeben hat.

Bemerkenswert ist, wie zu dem Buch von allen Seiten betont wird, auch nach 65 Jahren wisse man noch nicht, wie viele Frauen wirklich betroffen waren. Natürlich wird es bei diesen Verbrechen nie exakte Zählungen geben, aber merkwürdig ist es schon, daß die Historiker keine verwertbaren Antworten geben können, offenbar bis heute nicht. Eine Anfrage vom 4. März 2010 an den Verband der Historiker Deutschlands nach dem Forschungsstand dazu wurde nicht beantwortet. Verwertbare Angaben macht Norman Davies in seinem monumentalen Werk „Die große Katastrophe“ (London 2006, deutsch 2009), wobei er sich auf einen Bericht amerikanischer Ermittler von 1946 und dessen Überprüfung 2001 bezieht. Danach ist von etwa 2 Millionen vergewaltigter Frauen auszugehen.

Das heißt zunächst einmal, daß die Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg unvollständig ist, weil sie diese Opferzahlen – weithin auch die Geschehnisse, die ihnen zugrunde liegen – nicht enthält. Die europäische Geschichtswissenschaft sollte diese Tatsache erklären und begründen, wie es dazu kommen konnte. Die nächste Feststellung ist, daß die Kriegsfolgen unvollständig erfaßt und beschrieben, erst recht unvollständig „bereinigt“ wurden, soweit davon überhaupt je die Rede sein konnte. Das „Gesetz über die Versorgung der Opfer des Krieges“ (BVG) vom 27. 6. 1960 und dort §1 liefern den Maßstab für diese Feststellung. Man kann schwerlich zu einem anderen Ergebnis kommen, als daß die mutmaßlich 2 Millionen vergewaltigter Frauen durch eine „unmittelbare Kriegseinwirkung gesundheitliche Schäden“ erlitten haben. Es wird niemanden geben , der sich entsinnt, jemals von irgendeiner Seite, und sei es von feministischer, ein Wort dazu gehört zu haben, daß diese Frauen in die Anwendung des BVG einbezogen werden könnten oder sollten. Das Thema hat es nicht gegeben. Leistungen nach dem BVG für die Frauen hätten Geld gekostet, und das wurde anderweitig benötigt, auch für die opulente Versorgung der NS-Täter, auf deren „Einladung“ die russischen Armeen schließlich bis nach Berlin gekommen sind. Auf eine Anfrage an das Bundessozialministerium ebenfalls vom 4. März 2010 gab es gleichfalls keine Antwort.

Das Prinzip der Kriegsopferentschädigung ergibt sich aus der juristischen Konstruktion der „Aufopferung“. Die Kriegsbeschädigten wurden beschädigt, während und weil sie sich für die Allgemeinheit „aufgeopfert“ haben. Das soll ihnen die Allgemeinheit abgelten. So will es das Verfassungsrecht. Nun kann man von den vergewaltigten Frauen schwerlich sagen, sie hätten sich „aufgeopfert“, eher schon, daß sie aufgeopfert wurden.

Doch soll das der Grund dafür gewesen sein, daß ihre Einbeziehung in die Kriegsopferversorgung und -entschädigung niemals auch nur angesprochen wurde? Tatsache bleibt, daß die Art, wie die weiblichen Opfer – nicht – behandelt wurden, einen eindeutigen Verfassungsbruch und einen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention darstellt. Sie gilt seit 1953. Doch dieser Verfassungsbruch ist offenbar niemandem aufgefallen, vielleicht sogar den Opfern selber nicht. Etwas anderes ist jedenfalls nicht bekannt. Hier muß es Nachfragen geben.

Den breitesten Weg zur Erklärung dieser Unbegreiflichkeiten hat Gabriele Köpp selbst gewiesen, durch ihre Beschreibung der Erfahrungen, die sie mit Frauen mit demselbenSchicksal gemacht hat. Für die Mentalitätsanthropologie sind diese Erfahrungen von unschätzbarem Wert. Die moderne Gesellschaft ergreift gegen Leidtragende, Trauernde, auch gegen Depressive und psychisch Beschädigte Sanktionen, die denen ähnlich sind, denen die sozial Deklassierten, an ansteckenden Krankheiten Leidenden und sexuell Andersartigen anheimfallen. Arbeitslose machen ähnliche Erfahrungen. Wer sich diese Erfahrung ersparen will, muß in der Öffentlichkeit eine Maske tragen, die er nur in der sichersten Intimität lüften darf. „Man weint nur privat, so wie man sich nur privat auszieht oder ausruht, im Verborgenen.“ Das ist erlittene Lebenserfahrung, auch von Gabriele Köpp – und ein Zitat von Philippe Ariès.

Leid und seine Folgen, Tod und Trauer sind zum Tabu geworden, zur unbenennbaren Sache. Der Herd dieses Gefühlsverbotes ist einmal der unstillbare Bedarf der Hochzivilisationen an „störungsfreiem Funktionieren“, also an Disziplinierung und an Ameisenmentalitäten, zum anderen ist es die Familie. Die Beziehungen in Familien werden entgegen der unzerstörbaren gesellschaftlichen Meinung nicht in erster Linie von Zu-, sondern von gegenseitiger Abneigung bestimmt. Familien reagieren auf Mitglieder, die Gefühle zeigen, fast immer intolerant und aggressiv und nehmen dabei oft auch eine ausgesprochen drohende Haltung ein, Frauen ausgeprägter als Männer. Gabriele Köpp hat ein düsteres, grandioses Zeugnis abgelegt.

Dietmar Stutzer (KK)

Gabriele Köpp: Warum war ich bloß ein Mädchen? Das Trauma einer Flucht 1945. Herbig Verlag, München 2010. 160 S., 16,95 Euro
 

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