Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1311.

Bücher und Medien

Als ein jeder sich selbst am nächsten und am fernsten war

Eduard Dohmeier: Der Morgen, an dem ich die Milch holte. Eine Jugend 1945. Autobiographischer Roman. edition zweihorn, Neureichenau 2011, 222 Seiten, 7,95 Euro,

Im Januar 1945 befinden sich Edo, 13 Jahre alt, mit seiner Mutter und drei jüngeren Brüdern aus der Nähe von Posen auf der Flucht vor der Roten Armee. Der Vater bleibt im Volkssturm zurück. Ziel ist eine ferne Stadt im Westen, wo Oma und Opa leben. Wochenlang sind sie bei Eis und Schnee im offenen Pferdewagen unterwegs, bis sie, erschöpft, in eine kleine Stadt in Brandenburg geraten. Mit Mühe erkämpfen sie sich eine kleine Unterkunft. Für die Einheimischen sind sie Fremde. Die Mutter wird drangsaliert, die beiden ältesten Brüder geraten in gefährliche Händel. Man demütigt sie als „Pollacken“.

Bald erreicht der Bombenkrieg die kleine Stadt. Die Front rückt näher. Vor ihren Augen vollzieht sich der Untergang der Wehrmacht. Nach dem Einmarsch der Roten Armee folgt das Chaos. Die Russen besetzen das Wohnviertel der Familie und grenzen es durch Schlagbäume ab. Als einzige Deutsche bleiben sie, umgeben von Militär, in einer winzigen Dachkammer zurück. Voller Angst um ihr Leben werden sie Zeugen brutaler Übergriffe. Mit Umsicht und Gewitztheit gelingt es der Mutter, ihre Kinder durchzubringen. Die beiden älteren Jungen helfen. Entsprechend der allgemeinen Moral sind sie in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. Im Laufe der Zeit gewinnen sie Freunde unter anderen Flüchtlingskindern, aber auch unter Einheimischen. Mit fremden Schicksalen werden sie bekannt: ehemalige Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und russische Soldaten gehören dazu, aber auch Werwölfe, Nazis sowie Sozialisten der ersten Stunde.
Die spannende Handlung, das dramatische Geschehen der Zeit, lebendig erzählt, ziehen die Leser in den Bann. Der geschichtliche Hintergrund des Buches ist sorgfältig recherchiert, denn der Autor arbeitet auch wissenschaftlich über die Geschichte des „Dritten Reiches“, seine persönlichen Aufzeichnungen zu 1945 hat er frühzeitig erstellt.

Unter den Lesern befinden sich besonders häufig Altersgenossen des nahezu 80jährigen Autors, die ein ähnliches Flüchtlingsschicksal erlebt haben. Aber auch deren Kinder und Enkel sind interessiert, weil sie sich eine Jugend ihrer Vorfahren im Jahre 1945 überhaupt nicht vorstellen können: „Der Autor schildert auf mitreißende Art seine eigene Geschichte. Das Buch führt Jugendliche in eine Zeit, die man ihnen im Geschichtsunterricht nie so nah bringen kann. Ich finde es wichtig, dass diese Geschichte einer großen Leserschaft zugänglich wird.“ (Stimmen von Jugendlichen im Alter von 14 und 15 Jahren der Arbeitsgemeinschaft Jugendbuch Göttingen).

Die Spannung des Romans löst sich erst auf den letzten Seiten auf, wo wir erfahren, ob die kleine Flüchtlingsfamilie wohlbehalten bei Oma und Opa im Westen ankommt und ob sie ihren im Osten zurückgebliebenen Vater wiedersieht.

Sabine Zucchi (KK)

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