Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1311.

Bücher und Medien

Weltläufigkeit von einst bis unlängst

Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz. Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts. Übersetzt von Helmut Degner, Nachwort von Michael Lentz. Die Andere Bibliothek. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010, 512 Seiten, 34 Euro

Sambor? Liegt in Galizien. Etwa 40 km südwestlich von Lemberg. Dieses Galizien gibt es heute nicht mehr. Früher lag es im Osten Österreich-Ungarns. In jener Zeit beginnt die Lebensgeschichte von Salka Viertel. Sie wurde am 15. Juni 1889 als Salomea Sarah Steuermann geboren. Ihr Vater war Rechtsanwalt in Sambor und viele Jahre dort Bürgermeister. Also gut situiert und assimiliert.

Salka Viertel war das älteste von vier musisch begabten Kindern. Früh zog es sie zum Theater. Das war zur damaligen Zeit kein Beruf für eine junge Frau aus gutem Haus. So sah das jedenfalls der Vater. Und dementsprechend reagierte er auf dergleichen Berufswünsche ablehnend. Gegen alle Widerstände gelingt es Salka Steuermann, Schauspielerin zu werden. Die Anfänge sind deprimierend. Nicht nur, daß die Anfängerin, die jugendliche Naive, wie diese Rollenbeschreibung damals noch hieß, sowieso die schlechtesten Rollen bekam, nein, sie war auch noch Freiwild der Regisseure und Intendanten.
Aber Salka Steuermann beißt sich durch. Preßburg und Teplitz-Schönau sind die ersten Stationen, dann folgen schon Zürich und Berlin. 1911 ist sie bei Max Reinhardt angekommen. Doch auch der große Max Reinhardt ist in seiner Arroganz nicht viel besser als der Schmierenchef in Teplitz-Schönau. Sie bekommt einen Vertrag, aber bis auf eine keine großen Rollen. Da ihr das Rollenangebot in Reinhardts Imperium nicht zusagt, zugleich aber auch ein verlockendes Angebot für Wien kommt, verläßt Salka Steuermann Berlin.

Bislang klingt alles, was sie schildert, geradezu idyllisch. Damit ist es mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges vorbei. Im Elternhaus quartiert sich ein General ein. Das Haus ist voller Soldaten, für die Familie wird es eng. Aber der Mangel an Komfort wird quasi durch Patriotismus ersetzt. Es folgt die Flucht nach Wien, wohin sonst. Dort lernt Salka Steuermann Berthold Viertel kennen. Noch am ersten Abend ihrer Bekanntschaft erklärt er ihr, dass er sie heiraten wird. Und es beginnt eine klassische Schauspielerehe: Die Ehepartner sind an Bühnen in verschiedenen Städten engagiert. Berthold Viertel ist nicht nur Regisseur und Schriftsteller, er ist auch Journalist. Prag, Dresden, Berlin sind die Stationen. Gemeinsam mit Fritz Kortner und anderen wird eine Theatertruppe gegründet, der freilich in diesen Zeiten – Inflation, politische Unsicherheit – keine lange Lebensdauer beschert ist, von den mehr oder minder verdeckten Eitelkeiten der Akteure einmal abgesehen. Dann kommt ein Angebot aus den USA.
Natürlich gehen sie mit den drei Söhnen in die Staaten. Doch während Berthold Viertel immerhin in New York vor allem dann in der Exilzeit noch einigermaßen leben kann, versucht sich Salka Viertel in Hollywood als Drehbuchautorin. Diese Profession war ihr nicht in die Wiege gelegt worden, aber wie sie sich durchsetzt, das beschreibt sie sehr anschaulich.

Erstaunlich, wie lange sie sich weigert zu erkennen, daß ihre Beziehung, von Ehe kann man eigentlich kaum noch sprechen, zu Berthold Viertel immer brüchiger wird. Zwar gibt es immer wieder hinreißende Briefe von ihm, ab und zu trifft man sich auch, aber der Hauptanteil an der Erziehung der Kinder lastet auf ihr. Die Familie muß ernährt und das gastliche Haus unterhalten werden. Vor allem ihr als Europäerin werden Steine in den Weg gelegt, als Frau ist sie sowieso unterbezahlt.

Aber wie sie sich in Europa durchgesetzt hat, beißt sie sich auch in Hollywood durch. Sie hat das Glück, als Drehbuchautorin für Greta Garbo arbeiten zu können. Die beiden Frauen verstehen sich gut. Wie Salka Viertel um die ihr wesentlichen Teile der Drehbücher kämpft, das flößt Respekt ein, es erzählt auch etwas von dem Moloch Hollywood und vor allem davon, wie die Traumfabrik Albträume fabriziert, und läßt erkennen, dass amerikanische und europäische Erzählweisen, ob filmisch oder literarisch, nicht zur Deckung zu bringen sind.

Die Bekanntschaft mit vielen Emigranten, die Öffnung ihres Hauses für sie, ihr Einsatz für mehr Rechte der Drehbuchautoren brachten ihr Schwierigkeiten mit dem Staat ein. Ein beantragter Paß wird verweigert, die Ausreise verzögert sich. So kommt sie 1953 erst Monate nach Berthold Viertels Tod an sein Grab, geschieden sind sie schon seit 1947. Das staatliche Misstrauen kränkt sie, hat sie doch immer die Vermutung gehegt, sie habe in einem Land gelebt, das Wert auf frei geäußerte Meinungen lege.
Salka Viertels unbelehrbares Herz ist auch ein sympathisches. Denn wenn auch unbelehrbar, immer folgt sie der Stimme eben dieses Herzens, weil sie diesen Weg für den einzig richtigen hält.

Ulrich Schmidt (KK)

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