Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1311.

Bücher und Medien

Zeitgenössische Hintergründigkeit, unzeitgemäße Lauterkeit

Dietmar Stutzer: Appassionata. Roman. Selbstverlag Dietmar Stutzer, Maisreith 10, A-4143 Neustift, Österreich, 448 S.

Dieses Buch ist eine Verstörung.

Das liegt zum einen daran, daß Dietmar Stutzer zwar ein sehr klares, eloquentes und zuweilen poetisches Deutsch schreibt, seinen Text allerdings ohne Rücksicht auf typographische Regelzwänge hat in den Mengensatz fließen und drucken lassen, wobei die einwandfreie Rechtschreibung einerseits ebenso auffällt wie andererseits die scheinbar zufallsgenerierte Zeichensetzung. Die Erklärung findet sich in der Technik der Herstellung. Das Buch ist nämlich kein Buch in der Nachfolge von Gutenberg, sondern der Ausdruck einer Computerdatei mit Buchdeckeln, ein „Book on demand“, das bei Bedarf entsteht und nicht auf Lager liegt.

Zum anderen aber reißt der Autor hier mit leidenschaftlicher Wortgewalt Vorhänge, Schleier und Camouflagen auseinander und gibt den Blick frei auf Hinter- und Abgründe der Zeitgeschichte und Gegenwart, die einem auch dann Schwindel verursachen, wenn man sich begütigend einredet, hier würden Einzelfälle dramatisch verallgemeinert. Selbst als Einzelfälle sind sie nämlich dramatisch genug.
Verfolgt werden unheilvolle Wucherungen der fatalen ,,Allianz von Macht und Medizin“ aus dem ,,Dritten Reich“ herüber in die Bundesrepublik Deutschland, überhaupt die Verheerungen, die das aus jenen unmenschlichen Zeiten überkommene Personal in einer demokratisch verfaßten, jedoch für die Machenschaften übelwollender ,,Netzwerker“ um so anfälligeren Gesellschaft anrichtet. Aus der Perspektive einer der Einsicht, Liebe und Bewunderung ebenso fähigen wie würdigen Frau werden deren eigenes und die Schicksale zweier Männer der Kriegs- bzw. der Nachkriegsgeneration so ausgeleuchtet, daß man erkennt, wie überlebende Nazis und Kryptonazis Strukturen des bundesdeutschen öffentlichen Lebens bis hin ins Beamtentum und in die Justiz zu infiltrieren und zu nutzen wissen, um das schändliche Erbe zu decken und das erschacherte Erbe weiterzupflegen. ,,Personen der Zeitgeschichte sind mit ihren historischen Namen kenntlich, ebenso Institutionen. Die übrigen handelnden Personen sind Fantasiegestalten. Ähnlichkeiten sind beabsichtigt.“ Eine fürsorgliche Drohung, ,,to whom it may concern“.

Bei dieser mager gerafften Skizze eines dicken Buches mag der Eindruck entstehen, man hätte es mit einem eher simplen Kolportageroman etwa Simmelschen oder Konsalikschen Zuschnitts zu tun. Dabei kommt Dietmar Stutzers Erzählung mit einer Wucht daher, die eine Ahnung von dem vermittelt, was man einst unter Epik verstanden und erwartet hat. Die Dinge beim Namen nennen ist eine Herausforderung für Schreiber und Leser. Schicksal und Geschichte in fataler Verquickung, Tragik und Groteske, aber auch menschliche Größe und moralische Strahlkraft werden bar jeder modernistischen Relativierung in Dialogen und Monologen erhellt, denen zwar Lebendigkeit abgeht, die jedoch gerade durch ein ,,naives“ Vertrauen auf das blanke Wort, durch die Abwesenheit von ,,Kunsthandwerk“, durch eine zutiefst unzeitgemäße Lauterkeit der Sagweise berühren und bewegen.

Unzeitgemäß, das auch: So wirkt die wiederkehrende Beschwörung verflossener europäischer Größe, (land-)wirtschaftlichen wie kulturellen Großmuts, vom Adel tradierter Wertbeständigkeit, ,,alteuropäischer Universalität“ von Brügge über Krakau bis Budapest, diskreter Noblesse und mit Würde gepaarter Leidenschaft. Der Roman hat allerdings auch viel, bisweilen sogar alles, mit Vertreibungen zu tun. Die tote Heldin, die Ärztin Irma, die sich selbst zur Gräfin gemacht hat und die von der Erzählerin, Ärztin auch sie, vertreten wird, wurde 1944 als Zehnjährige vor dem Inferno Ostpreußens unter dem badischen Dilsberg bei Heidelberg in Sicherheit gebracht. Als erwachsene Frau hat sie sich zur „Über-Heidelbergerin“ gemacht, die sich vor allem selbst beweisen wollte, daß sie schon immer nur zu Heidelberg gehört hatte – eine bei Vertriebenen der zweiten Generation häufige tiefenpsychologische Reaktion. Der in Deutschland nach 1956 geborenen Ungarin Nadja sind auf epigenetischem Wege die Schrecken des Rákosi-Regimes vererbt worden, die ihre Eltern, vor allem ihre Mutter, erfahren haben. In Deutschland ist sie im vollen Vertrauen auf seinen Medizinapparat in eine nicht mehr heilbare Katastrophe ihres Frauenlebens gelaufen, voll ähnlichem Vertrauen wie jenem, mit dem Ankömmlinge auf die Ärzte auf den Selektionsrampen von Auschwitz zugegangen sind. Erst belgische Ärzte haben gut gemacht, was noch gut zu machen war. Doch auch die tragenden Gestalten, die im „freien“ Westen leben, im Neckartal oder im schönen Chaos von Brüssel, sind Flüchtlinge, die Schutz finden – im „Osten“. Es sind slowakische und polnische Partner, die ihnen Schutz und Sicherheiten bieten, in denen sie ihre große schrecklich schöne Passion füreinander finden. Wie geteilt und doch zusammengehörig Europa einmal war, wird vor allem in der Angstfahrt der Ärztin Irma von Wien zur damals tschechoslowakischen Grenze und dann in ihrem Ankommen in großer Vertrautheit beschrieben.

Es tun sich Ressorts auf, die man in alten Romanen und Dramen für immer beschlossen vermeinte, fast ist man geneigt, sie Reservate zu nennen – und doch schafft es der Autor mit seiner unvermittelten, ja drängenden Rede, sie lebendig werden zu lassen. Woher nimmt einer die Kraft, das Beharrungsvermögen, ja die Hartnäckigkeit, Dinge so zu sagen, wie er selbst sehr wohl weiß, daß längst niemand mehr sie sagt?

Die eine Ressource, aus der sich Dietmar Stutzers geradlinige Inständigkeit speist, ist eine fast gläubige Verbundenheit mit der Natur, die sich auch auf die vom Menschen bewirtschafteten, auf die von ihm gezüchteten und ihm deshalb um so näheren Lebewesen erstreckt. Überraschend die Poesie und Spiritualität der Arbeit mit landwirtschaftlichen Großmaschinen „in der Kathedrale des Sommers, in dem sich die Maschinen wie Saurier durch die Kornfelder fressen, über sich den goldenen Staub, mit dem der hohe Sommer um sein sterbendes Getreide trauert“. Von Pferden über Rinder bis zu Hunden und Katzen, vom Hochwald bis zur Getreideähre hat alles nicht nur Eingang gefunden in Dietmar Stutzers Roman, sondern ist drängend präsent als Instanz, vor der sich Menschlichkeit bewähren muß.

Sie bewährt sich in Einzelfällen, doch übermächtig ist schließlich die Einsicht in die Unzulänglichkeit bis hin zur Niedertracht, ja Dämonie, das Fazit ist die Ent-Täuschung und in deren Folge eine gelassene Illu-
sionslosigkeit – und diese ist’s, die Dietmar Stutzers Text als innerster Pfeiler trägt: ,,Wenn man nicht vorher stirbt, erfährt man irgendwann, dass es die Menschen, mit denen man zu leben geglaubt hat, nicht gegeben hat. Gelebt haben andere."

Eine heilsame Verstörung.

Georg Aescht (KK)

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