Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1291.

Bücher und Medien

Schicksal, kartographisch

Bei deutschen Bürgerinnen und Bürgern wird der Begriff „Vertreibung“ vielfach immer noch mit der millionenfachen Flucht und zwangsweisen Aussiedlung der Deutschen aus den früheren Ostprovinzen und den Sudetenländern assoziiert. Verständlich ist das bei denjenigen, die diese Geschehnisse am eigenen Leibe erfahren mußten, allerdings werden das immer weniger. Dieser Vorstellung muß mit dem Appell des deutschen Bundespräsidenten Rau und seines polnischen Kollegen Kwasniewski 2003 in Danzig begegnet werden: „Die Europäer sollten alle Fälle von Umsiedlung, Flucht und Vertreibung, die sich im 20. Jahrhundert in Europa ereignet haben, gemeinsam neu bewerten und dokumentieren, um ihre Ursachen, ihre historischen Hintergründe und ihre vielfältigen Konsequenzen für die Öffentlichkeit verständlich zu machen.“

Damit wird eine über das Nationale hinausgehende europäische Dimension in der Vertreibungsdebatte gefordert, die ein Umdenken erfordert. Das aber setzt profunde Kenntnisse bei den Menschen voraus. In diese Richtung zeigt der Atlas, von dem hier die Rede ist. Er wurde von jüngeren polnischen Zeithistorikern erarbeitet, die natürlich andere Betrachtungsweisen haben als die älteren, was auch für die jüngere deutsche Historikergeneration gilt. Der Geschichtsatlas erschien 2008 erstmals in Polen und wurde dort zu einer der wichtigsten Buchpublikationen. Für die deutsche Ausgabe waren 2009 der Weltbildverlag sowie in einer Lizenzausgabe die Bundeszentrale für politische Bildung verantwortlich.

Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung präsentierte das Buch Ende Januar 2010 im Deutschen Historischen Museum in einer überfüllten Veranstaltung, das Interesse am Thema ist vornehmlich bei jungen Leuten sehr groß. Der Direktor der Stiftung, Professor Kittel, kennzeichnete den Atlas als einen wichtigen Schritt in Richtung eines europäischen Diskurses; es wird nicht nur die deutsch-polnische Dimension behandelt, sondern auch die Schicksale der ebenfalls zu Ostmitteleuropa zählenden Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Tschechen sowie der Juden, immerhin 3,1 Millionen polnische Staatsbürger.

Das Buch  ist also kein Ergebnis national orientierter Betrachtung, erstmals werden die Schicksalsdaten der verschiedenen Nationalitäten in einem Band abgehandelt. Damit wird ohne Zweifel die Sichtweise über die Vertreibungen verändert. Es ist kein reiner Atlas, sondern es enthält neben den Karten und zugehörigen Texten zahlreiche Abbildungen in Form von Fotos,  Dokumentenkopien, Zeichnungen, Grafiken,Tabellen sowie eine Fülle von aussagekräftigen Quellenauszügen nicht nur polnischer Herkunft. Die Summe der Einzelschicksale von Angehörigen aller behandelten Nationen läßt zwangsweise Vertreibungen oder Aussiedlungen als eine gemeinsame Erfahrung von Menschen erscheinen.

Gliederungsprinzip ist der Zeitraum zwischen 1939, dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, und 1959, dem Ende der Repatriierung der in die UdSSR deportierten Polen und der Beendigung der organisierten Ausreisen von Deutschen und Polen im Rahmen der Familienzusammenführungen. Am Beispiel des Kapitels „Deutsche“ sieht die Gliederung wie folgt aus: 1. Bevölkerungsbewegungen während des Krieges; 2. Evakuierung und Flucht 1944/45; 3. Die Deportationen von Deutschen in die Sowjetunion; 4. Militärische Aussiedlungen; 5. Die Massenaussiedlungen 1945–1948; 6. Die Aktion Familienzusammenführung in den 1950er Jahren in die DDR und die BRD.

Am Begriff „Aussiedlungen“, gemeint sind in den Punkten 4 und 5 die wilden Vertreibungen und die Vertreibungen, wird deutlich, daß nach wie vor unterschiedliche Begrifflichkeiten in Deutschland und in Polen benutzt werden, obwohl das Wort „Vertreibungen“ auch dort in den Sprachgebrauch aufgenommen zu werden beginnt.

Ein jahrzehntelanger Dissens vor allem in Deutschland war die Bezeichnung der Ortsnamen in den früheren Ostgebieten. Das ist heute überhaupt kein Problem mehr, zumindest in der deutschen Fassung des Buches. Vor 1945 gelten die deutschen Namen mit der polnischen Bezeichnung in Klammern, beispielsweise Breslau (Wroclaw); nach 1945 wird das Verhältnis umgekehrt, also Wroclaw (Breslau).

In der Beurteilung der Potsdamer Protokolle bezüglich der Gebiete östlich von Oder und Neiße wird es mit Sicherheit keinen Konsens zwischen beiden Ländern geben. Für Polen wurde auf dieser Konferenz endgültig die Westgrenze festgelegt, Potsdam ist und bleibt die Legitimation für die Vertreibungen der deutschen Bevölkerung. Die Position der Bundesrepublik Deutschland, daß eine endgültige Festlegung der deutsch-polnischen Grenze in einer Friedensregelung zu erfolgen hat, mithin die völkerrechtlichen Grenzen Deutschlands nach dem Stand vom 31. 12. 1937 gelten, wird nicht erwähnt; Erwähnung findet aber auch nicht der Görlitzer Vertrag von 1950 zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen über die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als endgültige deutsch-polnische Grenze. Hieraus kann die geringe deutschlandpolitische Bedeutung der DDR für Volkspolen abgelesen werden.

In der Grenzfrage kommt also klar die polnische Position zum Ausdruck, das kann aus deutscher Sicht bedauert werden, man muß es aber akzeptieren. Für Deutschland sind in der Frage der Ostgrenze der Zwei-plus-vier-Vertrag (Juli 1990) sowie nach der Wiedervereinigung das deutsch-polnische Grenzabkommen (November 1990) konstitutiv.  In dem geplanten deutsch-polnischen Geschichtsbuch werden wir noch weitere Beispiele für unterschiedliche Geschichtsbilder finden.

Der gesamte Atlas mit erläuternden Texten, ausgewählten Dokumenten, Quellen der Zeitzeugen, Statistiken und vielfältigen Kartenmaterialien entspricht dem gegenwärtigen historischen Wissensstand; die zahlreichen Fotos bieten zusätzlich Eindrücke über die menschenverachtenden Praktiken der beschriebenen Zwangsumsiedlungen, Fluchten und Vertreibungen, die Millionen von Menschen ertragen und durchleiden mußten. Das Buch gibt die Richtung an, die die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in der inhaltlichen Gestaltung der künftigen Präsentationen einschlagen muß, nämlich die europäische Dimension.

Karlheinz Lau (KK)

Zwangsumsiedlung, Flucht und Vertreibung 1939–1959. Atlas zur Geschichte Ostmitteleuropas. Copyright by Demat S. A., Warschau 2008/2009. Redaktion: Dr. Witold Sienkiewicz, Dr. Grzegorz Hryciuk. Die deutsche Übersetzung verantwortet Prof. Dr. Stefan Troebst, Universität Leipzig

»