Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1312.

Bücher und Medien

Menschenschinderei in Nordböhmen

Der Schriftsteller Josef Haslinger, geboren 1955 im niederösterreichischen Zwettl, wurde 1995 mit seinem in Wien spielenden Roman „Opernball“ bekannt. Seit 1996 lebt er in Leipzig, wo er am 1955 gegründeten Literaturinstitut unterrichtet. Sein neuer Roman trägt den schlichten Titel „Jáchymow“, den tschechischen Namen der nordböhmischen Stadt Joachimsthal. Sie wurde 1516 von Deutschen gegründet, die im 16. Jahrhundert durch den Abbau reicher Silbervorkommen im Erzgebirge zu Wohlstand und Ansehen gelangten. Nach Prag war Joachimsthal vor dem Dreißigjährigen Krieg die bedeutendste Stadt im Königreich Böhmen. Auch als Heilbad hatte Joachimsthal einen internationalen Ruf.

Nachdem 1898 das französische Forscherpaar Marie und Pierre Curie im Uranpech das Element Radium entdeckt hatte, wurde in den Joachimsthaler Bergwerken Uranpecherz zur Radiumgewinnung gefördert, was mit starken Gesundheitsschäden für die Bergleute verbunden war bis hin zu Verstrahlungen mit Karzinom-Bildung, die als Joachimsthaler Krankheit bezeichnet wurde und mit dem Krebstod endete.

In Josef Haslingers Roman werden diese Zustände im Uranbergbau, der auch auf deutscher Seite vehement betrieben wurde, drastisch beschrieben. Die sowjetrussische Besatzungsmacht benötigte damals dringend Uranerz zur Produktion von Atombomben, um mit der amerikanischen Rüstungsindustrie gleichziehen zu können, weshalb Arbeitskräfte, Zivilisten und Häftlinge in gleicher Weise, rücksichtslos ausgebeutet wurden.

Josef Haslinger erzählt seine Geschichte aus mehreren Perspektiven. Da gibt es den Wiener Verleger Anselm Findeisen, der von seinem Arzt zur Kur nach Jáchymow geschickt wird. Dort lernt er eine Tänzerin kennen, die Tochter des Bauingenieurs Bohumil Modry, den es tatsächlich gegeben hat und der nach dem Krieg ein berühmter Eishockeyspieler war. Sie erzählt ihm vom grausamen Schicksal ihres Vaters, der als Sportler gefeiert wurde, bis er in Ungnade fiel und wegen „Verschwörung“ gegen die neuen Machthaber zu 15 Jahren Zwangsarbeit im Uranbergbau verurteilt wurde. Im Arbeitslager wurde Bohumil Modry geschunden und als gebrochener Mann 1955 entlassen. Er starb 1963, gerade 46 Jahre alt, an der Joachimsthaler Krankheit.

In einem Interview äußerte Josef Haslinger: „Mir war das Ausmaß der Zwangsarbeit in den Uranminen nicht bekannt.“ Wer es wissen wollte, wie dort mit politischen Häftlingen umgegangen wurde, hätte es wissen können, wenn er die richtigen Leute befragt hätte. Die Sudetendeutschen wußten es, der Münchner Verleger Herbert Fleissner, der 1928 in Eger geboren wurde, war auch zum Einsatz im Joachimsthaler Uranbergbau vorgesehen, konnte aber fliehen. Wie er erzählte, ist von seinen Kameraden, die im Sammellager zurückgeblieben waren, keiner zurückgekommen.

Josef Haslinger wird für diesen Roman am 25. September mit dem Rheingau-Literaturpreis 2011 ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10000 Euro und 111 Flaschen Rheingauer Riesling dotiert.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

Josef Haslinger: Jáchymow. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main, 272 S., 19,95 Euro
 

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