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Ausgaben: Ausgabe 1312.

Bücher und Medien

Westsiedlung: Rußlanddeutsche ziehen nach Ostpreußen

Zur besten Sendezeit wiederholte der Bilungskanal BR Alpha den einstündigen Fernsehfilm „Neue Heimat Ostpreußen“ des NDR. Gewagt haben den Neuanfang Rußlanddeutsche, die meist aus Kasachstan in die Oblast Kaliningrad, Rußlands Exklave im Gebiet des früheren Königsbergs, gekommen sind. „In Kasachstan durften wir kein Deutsch sprechen, hier im einstigen Ostpreußen können wir es.“ Der Film bewies, wie gut etwa ein Drittel der  Rußlanddeutschen die Sprache ihrer Vorfahren bewahrt haben, andere besuchen die Sprachkurse im Deutsch-russischen Haus von Königsberg/Kaliningrad.

Fernsehzuschauern, denen Ostpreußen fremd ist, vermittelten zweisprachige Karten die Orientierung in der Oblast Kaliningrad, die mit etwa einer Million Einwohnern ungefähr so groß ist wie Schleswig-Holstein. Die Kamera fuhr über gut bestellte Felder ebenso wie über immer noch brachliegende Flächen, etwa zwei Drittel des eigentlich landwirtschaftlich zu nutzenden Landes. Kein Wunder, daß die Einwohner von Gilge/Matrosovo im Memelgebiet nicht nur auf Touristen, sondern auch auf Fachkräfte aus Rußland, Polen oder Deutschland warten.

Leni Ehrlich, die in Gilge ein Hotel errichtet hat, erzählt von den schwierigen Anfängen. 17 Familien kamen nach der Wende an die Memel, aber die meisten reisten dann nach Deutschland weiter. Die Rußlanddeutschen waren nicht willkommen. Viktor Hoffmann hat aus der einstigen Kolchose einen gewinnbringenden landwirtschaftlichen Betrieb gemacht. Er setzt auf deutsche Investoren, auf  deutsche Rückwanderer. „Ich hoffe, aus Deutschland kommen viele zurück“, sagt Lina Witt vom neugegründeten „Deutschen Bauernverband“, der sechs Bauernhöfe zu einer Einheit zusammengefaßt hat. Sie braucht dringend 30 Familien, für die sie auch Wohnungen bauen will. Denn: Wer neugekauftes Land nicht nutzt, verliert es wieder an den Staat.

Zweitausend deutsche Dörfer sind seit Kriegsende verschwunden. Die Oblast Kaliningrad bräuchte siebzigtausend Zuwanderer, Wohnraum für sie wird allmählich geschaffen. In Königsberg sollen die häßlichen Plattenbauten, die nach 1945 in der geschundenen Stadt für die Neuankömmlinge schnell hochgezogen werden mußten, abgerissen werden, auf dem Lande muß Verfallenes renoviert werden. „Königsberg wird eine europäische Metropole mit russischem Herzen“, sagt der rußlanddeutsche Manager Alexander Hisekorn in seinem schicken Büro. Niemandsland will man nicht den Spekulanten überlassen.

Deutsch gesprochen wird auch in der evangelischen Auferstehungskirche. „Die meisten in der Oblast sind ja Atheisten“, sagt der Pfarrer, da muß behutsam zur Religion der Vorfahren zurückgeführt werden.

In Tilsit/Sovetsk, einst Ostpreußens zweitgrößter Stadt, hat Herbert Oswald eine Papierfabrik übernommen. Alle seine Verwandten sind in Deutschland, er aber hat Erfolg und sieht hier seine berufliche Zukunft. Ostpreußen war einst die Kornkammer Deutschlands und ein Land der Pferde. In Georgenburg/Maevka retteten Rußlanddeutsche das Gestüt und machten es zu einem „Schmuckstück“. Gezüchtet werden Holsteiner, Hannoveraner und Trakehner. Käufer kommen aus Rußland, Polen und der arabischen Welt.

Norbert Matern (KK)

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