Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1289.

Bücher und Medien

„Ojberschter, far wus die Schtrof un Schand?“

Wenn eine Landschaft in den Medien mythisiert wird, gehen ihre Mythen verloren. Osteuropa, lange Zeit in der Finsternis des Sowjetsterns versunken, wird seit nunmehr zwei Jahrzehnten wieder und wieder entdeckt, allerdings sind das selten Wiederentdeckungen, bei denen die reiche Geschichte mitgedacht würde. Eher wird die Sucht nach malerischer Exotik bedient, als daß politischen, geographischen oder gar kulturhistorischen Zusammenhängen auf den Grund gegangen würde. Deshalb ist es nur vernünftig, daß einem Roman, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Dreieck zwischen Karpatenukraine, Bukowina und dem nordrumänischen  Marmatien (Maramuresch) spielt, eine Landkarte beigegeben wird.

Auch daß ein in jenen Gefilden als Ethnologe und Folklorist bewanderter Mensch sich dieses literarischen Stoffes annimmt, ist durchaus vernünftig, und wenn er noch dazu die vielen Idiome und miteinander verflochtenen Legenden versteht, sie so zu „lesen“ und nachzuerzählen vermag wie Claus Stephani, kann der Romanleser von Glück reden: Er kommt unversehens in den literarischen Genuß von Kulturgeschichte, er kann lernen, ohne daß er belehrt würde. Im Gegenteil, hier spricht einer zu ihm, der weiß, wovon er redet, wenn er den Verlust von Heimat so beschreibt: „Sie sah noch einige Male zurück, denn sie verspürte plötzlich einen leisen Schmerz in der Brust, eine seltsame Sehnsucht, die sie sich nicht erklären konnte, und Erinnerungen aus vergangenen Jahren winkten ihr zu. Heftig und mit beiden Händen, wie das kleine Kinder tun. Doch die vertraute Landschaft, die zurückblieb, schien ihren zärtlichen Blick nicht zu erwidern und hielt anscheinend die Augen geschlossen.“

Um Verlust vor allem geht es in diesem Buch. Es ist die Geschichte einer jüdischen Familie in drei Generationen, vielmehr die Geschichte ihres Verschwindens in den Wirren des 20. Jahrhunderts. Beila Altmann im bukowinischen Arvinitza erscheint die rumänische Padureanca, die Waldfrau, und das Unheil, das sie verkündet, ergreift in seinem Lauf nicht nur Beila und ihren Mann, nicht nur die Juden, sondern alle Menschen in diesem weltabgewandten Winkel: „Die alte und gütige Mutter Bukowina aber, die einst viele Kinder großgezogen hatte …, sie mußte nun schweigen.“ Dieses Schweigen durchdröhnt das ganze Buch.

Beilas Mann wird von rumänischen Faschisten erschlagen, und die schöne jüdische Witwe ist mit einem Mal Freiwild. Sie kann den Nachstellungen nur entgehen, indem sie den Ort verläßt und bei Mojsche und Rebecca Herzig in Klinitz Unterschlupf sucht. Die Idylle hat keinen Bestand, Beilas „wilde Lieb“ mit einem katholischen Schwaben ist keine Rettung, denn gezeugt wird unter einer Eiche ein „Blumenkind“ – und die Schönheit dieses sprechenden Namens steht in harschem Gegensatz zu dem, was Maria Esther und ihrer Mutter „blüht“. Sie geraten vollends in den Strudel der Ereignisse, in dem es auch nicht hilft, daß Beila sich als die Christin Berta ausgibt und ihre Tochter in der deutschen Schule als besonders „arisch“ auffällt. Beila muß dem katholischen Pfarrer Bondar in der Zipsergemeinde Marienthal zu Diensten und zu Willen sein und erkennen, daß der Verzweiflung nie ein Ende ist: „‚Ojberschter, far wus, far wus, far wus …? Far wus die Schtrof un Schand?‘ Doch darauf erwartete sie keine Antwort. Aber fragen durfte man, im Glauben, jemand würde da sein, der einem zuhört.“

Sie fragt und arbeitet sich weiter durch, schließlich gelangt sie in eine deutsche Familie in Wiesenau und läßt sich katholisch eingemeinden, jedoch weiß sie, „dass dieses Land niemals ihre Heimat sein wird, weil dieses Land sie nicht haben will“. Eine wahrsagende Zigeunerin erkennt ihre Gespaltenheit und rät ihr: „Bleib, solange du kannst, eine andere.“ Diese andere aber findet hier ihre große Liebe, „zu viel Glück auf einmal“ – allerdings nicht von Dauer. Sie hat gerade noch Gelegenheit, ihre Tochter darüber aufzuklären, daß sie Jüdin ist, und gerät durch eine Verkettung fataler Umstände just in jene Fatalität, die die Zeitläufte ihresgleichen bereitet haben: Sie wird deportiert und „wurde nie wieder gesehen“.

Zum zweiten Mal blendet Stephani hier den Besuch einer jungen Frau in einem roten Auto aus dem Westen ein, die in diesen unwegsamen Gefilden nach den Spuren ihrer Herkunft sucht. Es ist Maria, die seinerzeit nach dem Verschwinden ihrer Mutter mit ihren vermeintlichen Großeltern als „Volksdeutsche“ auf der Flucht vor den Russen nach Westen, nach Böhmen und schließlich Bayern geraten ist: „Was man heute nicht mehr weiß: Die ‚Volksdeutschen‘ aus Marmatien saßen in denselben Viehwaggons, in denen man ein Jahr vorher die Juden über Kaschau nach Auschwitz deportiert hatte. In manchen dieser Waggons waren noch die Namen eingeritzt von jüdischen Nachbarn. (…) Der Krieg, der einst in deutschen Stiefeln in den Osten marschiert war, kehrte nun in russischen Stiefeln zurück. Es war die Folge einer Ursache, obwohl die nun Betroffenen die Ursache selbst nicht verursacht hatten.“

Mit Heinz, einem Bessarabiendeutschen, hat sie wiederum ein „Blumenkind“ gezeugt, wobei diesmal Blumen nicht einmal mehr als Metapher am Platz sind. Überhaupt haben die Ereignisse die Menschen endgültig verhärtet, so daß Maria ihren Sohn Andreas in der Obhut der zipserischen „Urgroßmutter“ Katharina zurückläßt und mit einem Johnny, den sie im amerikanischen Tanzclub kennengelernt hat, das geschundene Europa verläßt. Andreas wird von der sterbenden Katharina einer anderen Ziehmutter überantwortet und wächst als Ambros Wenzel Langthaler in Nordsiebenbürgen auf.

Hier nun schürzt Claus Stephani erneut den dramatischen Knoten seiner an Dramen überreichen Erzählung: Die spurensuchende amerikanisch-deutsch-jüdische Maria und Ambros, der Absolvent des deutschen Minderheitengymnasiums in Bistritz, verfallen einander in einer ebenso „wilden Lieb“, ohne zu ahnen, was der Erzähler und sein Leser wissen. Ein Verkehrsunfall setzt der nunmehr untergründig tragischen Entwicklung ein jähes Ende.

Einzelschicksale und -geschichten, Volks-, Völkerschicksale und -geschichte – Claus Stephanis Buch trägt fast mehr, als ein Roman tragen kann, das zeigt schon diese oberflächliche Zusammenfassung. Dennoch trägt er nicht schwer daran, denn der Autor weiß die Ingredienzien stets in ein leserfreundliches Mischungsverhältnis zu setzen: Malerische Elemente des Volksglaubens und gleichsam hingetupfte Schilderungen von Mensch und Natur grundieren das dramatische Geschehen, und durch die kenntnisreichen, aber nie aufdringlich belehrenden Erinnerungen an all die Beziehungen zwischen den vielen Nationalitäten, die jenen Landstrich bevölkerten, entsteht ein Mosaik, das seine farblichen Harmonien intensiv entfaltet, aber die Risse und Brüche nicht verhehlt.

„Blumenkinder“ sind hier nicht nur jene Menschen, die jenseits der religiösen und nationalen Konventionen geboren werden, ein „Blumenkind“ ist die gesamte Landschaft – gezeugt im innigen bis leidenschaftlichen Zusammenleben vieler verschiedener Menschenkinder, versehrt und zerschlagen im unmenschlichen Widerstreit der Mächte. Das von Claus Stephani gewebte Leichentuch strahlt in den starken Farben eines Bauernteppichs, aus seinem Requiem klingen lieblich hölzern die Musikantenfiedel und heiser blechern das Zimbal, verheißungsvoll und hoffnungslos.

Georg Aescht (KK)

Claus Stephani: Blumenkind. Roman. SchirmerGraf Verlag, München 2009. 352 S., 19,80 Euro

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