Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1378.

Bücher, Medien und Veranstaltungen

Literarische Verlustmeldungen

Litauen als Gastland der Leipziger Buchmesse

„Übrigens kann Litauen … durchaus als Beispiel dienen. Auch wir hatten einmal eine Art Imperium – zum Litauischen Großfürstentum gehörten sowohl Smolensk als auch Kiew und das heutige Odessa. Dass dies schon lange nicht mehr der Fall ist, bedauert niemand besonders“, zitiert Claudia Sinnig 2002 in ihrem literarischen Reisebegleiter „Litauen“ den wohl prominentesten Dichter des Landes, Tomas Venclova. Damals war das Land zu Gast in Frankfurt. Zwar bezog sich Tomas Venclova auf die mittlerweile fast 100 Jahre zurückliegende, beim Völkerbund eingereichte und „gerichtlich“ erfolgte Scheidungsklage gegen Polen, aber die Worte haben durchaus auch heute noch Aktualität. Nun also ist Litauen Gast in Leipzig.

Immer noch, und das ist nicht verwunderlich, spielt in Litauens Literatur und Geschichte die Zeit der sowjetischen Besatzung von 1939 bis 1941 und von 1944 bis 1991 eine bedeutende Rolle. Denn immer noch werden Texte übersetzt, die entweder erst mit dem erneuten Beginn der Unabhängigkeit erscheinen konnten oder jetzt erst ein Verleger gefunden haben.

Der Guggolz Verlag hat sich getraut und von Antanas Skema „Das weisse Leintuch“ herausgebracht. Der Autor, geboren 1910, flieht 1944 vor den Sowjets nach Deutschland und emigriert 1949 in die USA. Dort kommt er 1961 bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Es geht um den Letten Antanas Garsva, Liftboy in einem New Yorker Hotel. Erzählt wird ein Tag seines Lebens. Aber die Erinnerungen, Gedankenströme, Assoziationen umkreisen sein bisheriges Schicksal. Die psychisch kranke Mutter, Folter in sowjetischer Besatzungszeit, Jugend in Kaunas, Prostitution, erste Liebe, Ehebruch – kurzum alles, was sein Leben ausmacht, kommt in unterschiedlichen Erzählhaltungen vor. Aber es ist kein gewöhnliches Leben. Die Romanfigur endet im Wahnsinn, dem Schicksal der Mutter folgend. „Trauma und Detailtreue sind die Schlüssel zum Verständnis dieses Exilromans par excellence“ schreibt die Übersetzerin Claudia Sinnig. In der Tat handelt es sich hier um einen Roman, der auf ca. 230 Seiten nicht nur das Leben Antanas Garvsas erzählt, sondern auch die Probleme des Exils nahebringt.

Wenn auch nicht mehr taufrisch, so doch nicht weniger aktuell sind die Aufzeichnungen Dalia Grinkeviciutes, „Aber der Himmel – grandios“. Als Vierzehnjährige wurde die Autorin im Juni 1941 mit ihrer Familie nach Sibirien deportiert. 1949 gelingt ihr mit der Mutter die Flucht zurück nach Litauen. Dort stirbt die Mutter, die Tochter schreibt die Erinnerungen an die unglaubliche Zeit an der Laptewsee auf und kann sie im Garten vergraben, bevor sie wieder deportiert wird. 1954 wird sie entlassen und darf in Omsk und danach in Kaunas Medizin studieren. Bis 1974 kann sie als Ärztin arbeiten, danach erhält sie Berufsverbot. Daraufhin sucht sie die vergrabenen Aufzeichnungen, ohne Erfolg. Also beginnt sie erneut mit den Erinnerungen, die 1976 in den USA erscheinen. Ein Antrag auf Emigration zu ihrem in Frankreich lebenden Cousin wird abgelehnt. Sie stirbt 1987. 1991 werden durch Zufall die Jugendaufzeichnungen gefunden und restauriert. Erst sechs Jahre später gelingt die Erstpublikation in Litauen. Seit 2014 sind sie auf Deutsch zu lesen, erschienen bei Matthes & Seitz in Berlin.

Im Mittelpunkt steht die Schilderung der Zustände im Lager an der Laptewsee. Weit jenseits des Polarkreises gibt es gefühlt zwei Monate Sommer. Die realistischen Schilderungen aus Sicht des jungen Mädchens über die unvorstellbaren Härten des Lebens in eisigem Wintersturm, die unglaublichen Willenskräfte zum Überleben in einer Atmosphäre der Willkür und Arroganz der Lagerleitung, den Kampf gegen Hunger und um Brennholz, das massenhafte Sterben in den Baracken – die Lektüre gut 70 Jahre nach ihrer Entstehung macht immer noch fassungslos und lässt staunen, dass es doch Überlebende gegeben hat, die davon berichten.

Vom fast gänzlichen Verschwinden eines Autors von der Backlist seines Verlages ist leider auch zu berichten. Grigori Kanowitsch, 1929 in einem Schtetl nahe Kaunas geboren, seit 1993 in Israel lebend – seinen Lesern hinterhergezogen, wie er es einmal nannte –, hatte im Aufbau Verlag lange seine literarische Heimat. Dabei hatte er vom Anfang seiner literarischen Karriere an ein Handicap, wie es schwieriger nicht sein konnte: „Ich bin kein jüdischer Schriftsteller, weil ich russisch schreibe, kein russischer Schriftsteller, weil ich über Juden schreibe, und kein litauischer Schriftsteller, weil ich nicht auf Litauisch schreibe.“ Das Ergebnis war, dass seine Bücher in der Staatssprache Russisch erschienen, wie die aller anderen Autoren. Damit war der Kreis seiner Leser in Litauen begrenzt, denn die Litauer legten wie die anderen Balten gerade aus dem Gefühl der Zwangsannektion heraus Wert auf ihre Muttersprache. Übersetzungen ins Litauische und dann auch noch als jüdisch klassifizierte Literatur fanden kaum statt. Kontingentüberschreitung hieß das Machtwort.

In Romanen wie „Ein Zicklein für zwei Groschen“ oder „Kerzen im Wind“ schrieb Grigori Kanowitsch Geschichten aus dem litauischen Schtetl, angesiedelt in der Zeit vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Durch den Rückgriff auf die Historie konnte er die allgegenwärtige Zensur umgehen. Was freilich nicht immer klappte. Wie schon Brecht befand: Der Zensor ist mein bester Leser.

In seinem letztem Roman, „Kaddisch für mein Schtetl“ (Aufbau Verlag 2015), schreibt Kanowitsch die Erinnerungen an seinen Geburtsort Jonava nahe Kaunas auf. Liebevoll schildert er zunächst, wie seine Eltern zusammenfanden. Das war durchaus nicht einfach in dem ländlich strukturierten Schtetl mit konservativer Grundhaltung. Kennern der Romane des Autors begegnen fast alle Figuren vom Schneider über den Schmied und den Rabbi bis hin zum nichtjüdischen Dorfpolizisten. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verheert auch diese Region und damit auch die Welt des Schtetls. Der Untergang dieser Welt war absehbar, und Kanowitsch beschreibt ihn sehr genau. Wie in seinen Romanen ist auch hier nichts von einer Schtetl-Nostalgie zu lesen. Es wird wohl das letzte Buch dieses großen Autors sein, der sich selbst einmal als „Wächter am jüdischen Friedhof Litauens“ bezeichnet hat.

Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es. Wohl aber soll/kann man sie informieren. In der Flut der Reiselektüre allgemein und über Litauen im Speziellen seien hier zwei Titel genannt, die zwar schon älter sind, aber nichts von ihrem Informationsgehalt eingebüßt haben. Der schon erwähnte literarische Reisebegleiter von Claudia Sinnig gliedert Litauen in literarisch wie touristisch zu erfahrende Regionen. Verwirrend nicht nur für den Leser, sondern gelegentlich auch für sie selber, das gibt Claudia Sinnig unumwunden zu, ist die verwinkelte Geschichte Litauens und vor allem der Versuch, diese in Literatur zu fassen bzw. zu finden. Sie sieht in ihrem Buch den Versuch, „die Bäume und den Wald zu sehen“.

Einfacher hat es der Leser, der zum Band „Vilnius“ aus der Reihe „Europa erlesen“ aus dem Wieser Verlag greift. Aber nur insofern, als es sich um die literarische Annäherung an einen einzigen Ort handelt. Cornelius Hell, Übersetzer aus dem Litauischen wie Claudia Sinnig, hat wie sie aus verschiedensten Quellen Beschreibungen der Stadt zusammengetragen. Und egal ob man sich auf die Suche nach Spuren jüdischen Lebens begibt oder spätbarocke Bauwerke besichtigen will, man wird fündig. Wobei sich speziell das Thema Judentum nur noch als literarisch einholbar herausstellt, siehe den Hinweis weiter oben auf Grigori Kanowitsch.

Aber Cornelius Hell ist nicht nur kulturhistorischer Führer durch Vilnius, sondern auch als literarischer Übersetzer tätig. Für den Wieser Verlag hat er „die allereinfachsten zaubersprüche. poetische rituale“ vom Rymvidas Stankevicius übersetzt. Stankevicius ist 1973 in Elektrenai geboren, einem Städtchen mit ca. 14 000 Einwohnern, ca. 40 km westlich von Vilnius gelegen. Elektrenai, 1962 von den Sowjets gegründet, erhielt erst 1996 eine Kirche. Vermutlich als Reflex auf die erzwungen atheistische Kindheit finden sich in dem Gedichtband nicht nur „Zaubersprüche“, sondern auch Gedichte auf Statuen, die sich an Giebeln litauischer Kirchen befinden. Da geht einer mit wachen Augen durch seine Heimat, setzt ihr lyrische Denkmale in außerordentlicher Feinheit. Sehr einfühlsam fragt er den Moses im Giebel der Kathedrale von Vilnius: „Hat es dich sehr ermüdet? / Immer am Dachfirst, immer/In der zu engen Zelle?“ Er spielt an auf das, was dieser Moses alles hat ansehen müssen, doch Mitleid kommt nicht auf: „Ich beneide dich nicht. Aber du vielleicht mich?“ Die Schlusssequenz ist deutlich: „Ich habe die Schnauze voll.“

Der Übersetzer schlägt einen eher saloppen Ton an, den Texten gemäß. Aber man täusche sich nicht. Es ist nicht Leichtigkeit, die alles wegwischt. Eher im Gegenteil. Auch Stankevicius kommt nicht ohne Reflexe auf die nationalsozialistische wie die sowjetische Besatzungszeit aus, denn aus dieser Zeit gibt es viel zu viel verbrannte Erde. Hier schreibt einer mit Verve über seine Heimat. Man spürt die Verbundenheit.

Ulrich Schmidt (KK)

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