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Ausgaben: Ausgabe 1391.

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Zweisprachig, mehrdimensional

Pomorze Wschodnie za czasow panowania Gryfitow / Ostpommern zur Zeit der Greifenherrschaft (Zeszyty Kulickie / Külzer Hefte Bd. 12). Herausgegeben von der Stiftung Europäische Akademie Külz–Kulice, Szczecin/Stettin 2017. 307 Seiten, 10 Euro zuzüglich Versandkosten, Bezug: akademiakulice@pro.onet.pl

Die Geschichte Ostpommerns zur Zeit der Greifenherrschaft liegt weitestgehend im Dunkeln. Das ist vor allem auf die dürftige Quellenlage zurückzuführen. Hinzu kommt aber, dass die Forschungen deutscher und polnischer Historiker bis heute stark vom jeweiligen nationalen und politischen Kontext geprägt sind. Ferner bereitet es Probleme, die Region Ostpommern eindeutig abzugrenzen, da dieser Begriff nie als offizielle Bezeichnung für ein staatliches Gebiet diente. Hinzu kommt, dass der Begriff im deutschen Sprachgebrauch ein anderes Gebiet bezeichnet als der – vermeintlich – gleiche Begriff im polnischen Sprachgebrauch. Im Gegensatz zum westlichen Teil des Herzogtums Pommern war der östliche Teil weit stärker durch ständig wechselnde Herrschaftsverhältnisse und Einflüsse angrenzender Mächte gekennzeichnet, was die Erforschung der geschichtlichen Ereignisse und Abläufe zusätzlich erschwert.

Heft 12 der 1999 begründeten Reihe der Zeszyty Kulickie / Külzer Hefte bringt Beiträge, in denen sich deutsche und polnische Wissenschaftler mit der Geschichte Ostpommerns während der Greifenherrschaft auseinandersetzen. Angeregt wurden die Beiträge durch einen wissenschaftlichen Meinungsaustausch in der Europäischen Akademie Külz–Kulice, die seit 1995 deutschen und polnischen Wissenschaftlern immer wieder die Gelegenheit geboten hat, ihre einschlägigen Forschungsergebnisse auf Tagungen und in Publikationen vorzustellen. Der Verein zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e. V. (Hamburg) hat die Herausgabe des Bandes 12 finanziell unterstützt. Die redaktionelle Arbeit lag bei Lisaweta von Zitzewitz. Alle Texte erscheinen in Deutsch oder in Polnisch mit einer Zusammenfassung in der jeweils anderen Sprache.

Inhaltlich lassen sich die Beiträge des Külzer Hefts 12 drei Bereichen zuordnen. Den ersten Schwerpunkt bilden Abhandlungen zur Geschichte Pommerns während der Greifenzeit. Ralf-Gunnar Werlich schreibt über die Herrschaft der Greifen, Bronisław Nowak über die Geschicke der Stadt Stolp an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert, Christian Gahlbeck erinnert an die Askanier, Krzysztof Kwiatkowski thematisiert Westpommern und die Schlacht von Tannenberg, Felix Escher das Kloster Buckow.

Zu der zweiten Gruppe gehören Autoren, die die Vergangenheit Ostpommerns aus sprachhistorischer und literaturwissenschaftlicher Sicht ergründen. Ihre Ausführungen stellen wertvolle, unentbehrliche Ergänzungen zu den von deutschen und polnischen Historikern erforschten Ergebnissen dar. Die Sprachforschung steht hier noch ganz am Anfang, betont Jörg Riecke in seinem Beitrag zu Deutsch im Kreis der Sprachen zwischen Oder und Weichsel. Die Darstellungen der Frühzeit Ostpommerns in der deutschen und in der polnischen Literatur liefern recht unterschiedliche Einsichten. Roswitha Wisniewski († 2017) und Bogusław Bakuła stellen die deutsche bzw. die polnische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts zu dem Themenkomplex vor. Sowohl die deutschen historischen Romane, es gibt nur wenige zu diesem Thema, als auch die polnischen Werke, die sich mit Episoden und Gestalten der ostpommerschen Geschichte dieser Zeit befassen, sind nicht frei von nationalen Tendenzen und häufig in der Absicht geschrieben, die Ereignisse für aktuelle politische Absichten und nationale Zwecke zu vereinnahmen.

Die dritte Gruppe bilden Arbeiten, die sich mit der Geschichtsschreibung zum östlichsten Teil Pommerns befassen. Diese wird in den Beiträgen von Katarzyna Woniak und von Paweł Migdalski recht unterschiedlich beurteilt. Woniak untersucht die polnische Nachkriegsforschung zur Geschichte Westpommerns; Migdalski behandelt das östlich der Oder gelegene Pommern im Mittelalter im Lichte der deutschen Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts. Beide stellen Fortschritte in Bezug auf eine objektive Geschichtsschreibung sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite fest, plädieren aber auch dafür, vom nationalen Gedankengut wegzukommen und die Pommernforschung nicht nur auf Vorpommern zu beschränken.

Die vorliegende Dokumentation der Europäischen Akademie ist ein wichtiger Beitrag zur Pommernforschung, da sie einerseits vielfältige Erkenntnisse zu der Vergangenheit Ostpommerns aus deutscher bzw. polnischer Sicht bringt, andererseits das Interesse auf Aspekte und Facetten lenkt, die weiterer Nachforschungen bedürfen. Der in einzelnen Beiträgen erkennbare Appell nach einem vorurteilsfreien, auch interdisziplinären Gedankenaustausch zwischen deutschen und polnischen Wissenschaftlern sollte gehört werden; und, wie Lisaweta von Zitzewitz im Vorwort hervorhebt, „Anstöße zu weiteren, möglichst gemeinsamen deutsch-polnischen Forschungen über die Frühgeschichte Ostpommerns geben“.

Elsbeth Vahlefeld (KK)

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