Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1378.

Bücher, Medien und Veranstaltungen

Neues über die alte Neumark

Polnischer Blick auf das Warthebruch

1998 gründete sich der deutsch-polnische Verein Educatio pro Europa Viadrina in Vietz, heute Witnica, zwischen Küstrin und Landsberg an der Warthe gelegen. Gründungsmitglieder waren ehemalige und heutige Bewohner von Vietz/Witnica und Umgebung, von Landsberg/Gorzow und an preußischer und polnischer Geschichte interessierte Bürgerinnen und Bürger aus dem Großraum Berlin. Treibende Kraft zu dieser Gründung war der im deutsch-polnischen Grenzgebiet und darüber hinaus bekannte polnische Heimatforscher Zbigniew Czarnuch, Autor zahlreicher Publikationen über seine Heimat, die frühere Neumark. Aufgrund seines Einsatzes für die deutsch-polnische Verständigung hat er den Dehio-Preis des deutschen Kulturforums östliches Europa und den Ehrenpreis der Stiftung Brandenburg in Fürstenwalde erhalten.

Ziel des Vereins ist die Entwicklung einer konstruktiven deutsch-polnischen Verständigung westlich und östlich der Oder. Durch Vorträge, Tagungen, kulturelle Veranstaltungen, Exkursionen sowie durch Publikationen soll dieses Ziel erreicht werden. Besonderes Augenmerk wird auf die Erhaltung des Schlosses Tamsel, wenige Kilometer östlich von Küstrin an der früheren Reichstraße 1, gelegt. Neben dem zerstörten Küstriner Schloss zählt Tamsel zu den bekanntesten neumärkischen Schlössern. Leider ist sein jetziger Zustand alles andere als zufriedenstellend, weil die polnischen Kommunalbehörden sich nicht verständigen können, dieses Kulturerbe in Zusammenarbeit mit deutschen Interessenten zu erhalten, der langsame Zerfall wird jedes Jahr sichtbarer. Kein gutes Zeichen für eine polnisch-deutsche Verständigung.

Die jüngste Publikation des Vereins, die in deutscher Übersetzung vorliegt, ist „Das Warthebruch“, Autor ist Zbigniew Czarnuch. Nur wenigen Zeitgenossen ist bekannt, dass etwa zeitgleich wie das Oderbruch auch dieser Landstrich auf Initiative von Friedrich dem Großen trockengelegt wurde. Es ist das Gebiet von Zantoch bei Landsberg, wo die Netze in die Warthe mündet, bis Küstrin, wo sich die Warthe mit der Oder vereint, also der Unterlauf des Flusses. Genau diesen Bereich beschreibt Czarnuch, der mit seiner Familie als polnischer Neusiedler seit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung im Wartheland lebt.

Zbigniew Czarnuch liebt seine Heimat und bezeichnet die Warthe als Fluss seines Lebens. Wer nun ein romantisierendes Heimatbuch erwartet, irrt vollständig. Czarnuch gibt populärwissenschaftlich eine genaue Beschreibung des Warthebruchs seit der Trockenlegung und Besiedlung durch deutsche und niederländische Bauern. Er beschreibt die Probleme des Alltags; es ist ein landwirtschaftlich genutztes Gebiet, das durch die häufig unberechenbare Warthe, die trotz der Eindeichungen immer wieder gefährliches Hochwasser führt, bewässert wird. Der Autor beschreibt ohne nationalistische und tagespolitisches Scheuklappen die Entwicklung der Region im 18., 19., 20. Jahrhundert mit Ausblicken in unsere Gegenwart. Der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen für Polen, Flucht und Vertreibung der Deutschen sowie die polnische Neuansiedlung werden aus polnischer Sicht behandelt, die man argumentativ auch als Deutscher akzeptieren kann.

In einem besonderen Kapitel behandelt Czarnuch die Aussöhnung zwischen den früheren deutschen und den heutigen polnischen Bewohnern dieser Region nach einer Nachkriegsperiode, die von gegenseitiger Feindschaft und Abneigung gekennzeichnet war. Alle seine Darstellungen und Untersuchungen sind kenntnisreich und gehen ins Detail – sei dieses historisch oder landeskundlich, oft gestützt durch Skizzen, Fotos aus der Vorkriegs- und Nachkriegszeit. Eindrucksvoll sind im Anhang des Buches Farbfotos mit unterschiedlichen Motiven aus dem Warthebruch, die dem Betrachter zeigen, wie eine deutsche Kulturlandschaft heute von polnischen Menschen gestaltet wird. Hilfreich sind die deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Ortsnamenregister. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis nennt deutsche und polnische Autoren, wobei polnische Arbeiten über die Zeit nach 1945 eindeutig überwiegen. Das beweist eine beginnende Identifikation mit der neuen Heimat.

Diese neueste Untersuchung dieses Landstrichs ist zugleich die reichhaltigste, und man kann sie als ein Werk der historischen Geographie und aktuellen Landeskunde charakterisieren. Sie gehört in Deutschland in einschlägige wissenschaftliche Bibliotheken. Leider ist das Buch, das in deutscher Übersetzung vorliegt, nicht im öffentlichen Buchhandel zu erwerben, sondern nur über den Verein in Vietz. Der Verfasser dieses Beitrages übernimmt gern die Vermittlung: Telefon 030-8052794, der Preis liegt bei 20 Euro.

Karlheinz Lau (KK)

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