Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1378.

Bücher, Medien und Veranstaltungen

Das Problem der „Problemüberbürdung“

Michael Markel: Die Deportation der Rumäniendeutschen im Spiegel der schönen Literatur. Haus der Heimat, Nürnberg 2016, 105 S.

Wenn einem kleinen Völkchen, das sich eine Völkchensgeschichte lang in einem Winkel Europas mehr oder minder erfolgreich vor der Gewalt der großen Geschichte hat wegducken können,  diese schließlich doch mit aller Urgewalt widerfährt, kann es sich nicht dagegenstellen. Dennoch ist gerade beim dramatischen Schwund aller vermeintlichen Gewissheiten das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung groß. Darin dürfte eine Erklärung – neben vielen anderen – für die überproportionale literarische Produktivität der Deutschen in und aus Rumänien zumal im 20. Jahrhundert liegen. Wer sein Schicksal nicht (mehr) in die Hand nehmen kann, greift zur Feder.

Die Urgewalt war schon im ausgehenden 19. Jahrhundert gegen die Banater und Siebenbürger Deutschen an- und über sie hinweggerollt, seit dem Ende des Ersten Weltkriegs konnten nur noch Utopien über den Niedergang hinwegtäuschen, die grundstürzende Erkenntnis der „Geworfenheit“ aber war 1945 die Deportation der arbeitsfähigen Deutschen aus Rumänien in die Sowjetunion. Und es ward geschrieben …
Allerdings nicht einfach so. Im kommunistischen Rumänien kommt eine Publikation zu diesem Thema nicht in Frage, in Deutschland und Österreich gibt es nur wenige, die das Erzählte nachvollziehen könnten, zudem sind sie weit verstreut. Es entsteht eher private Erinnerungs- und Schubladenliteratur, geschriebene Selbsthilfe, es entsteht in zeitlichem und räumlichem Abstand bedeutende Literatur, dazwischen stehen Texte, die den Betroffenen zu- oder als Aufklärung Unwissender gedacht sind. Der Germanist Michael Markel, der ein Leben lang Literatur und Leben zusammengedacht hat, schreitet in seinem Buch die gesamte Bandbreite ab mit der Gelassenheit und der Akribie des Wissenschaftlers, der keine  Rangfolge statuieren will, sondern allen Verfassern zu geben sucht, was sie verdienen: Nachdenken darüber, was sie verfasst haben, und darüber, wie man diesen Gegenstand mit Texten überhaupt in den Griff bekommen kann.

Schon bei einem Blick ins Inhaltsverzeichnis fällt auf, dass gerade die Nähe zum Gegenstand bei den meisten Autoren, die sich seiner angenommen haben, lediglich eine vermittelte war. Wenige Deportierte haben selbst über das geschrieben, was ihnen widerfahren ist, und unter ihnen hat gerade Oskar Pastior, der als der gestalterisch mit Abstand Versierteste gelten kann, seine Texte zum Thema – poetisch reizvoll – verschlüsselt und schließlich akzeptiert, dass sich Herta Müller als durch die Herkunft prädestinierte, aber vor allem erzählerisch bewährte Gewährsfrau und mit eigener Gestaltungskraft seine Erinnerungen zu eigen und zum großen Roman macht.

Mit „Atemschaukel“ hat sie nicht nur die Stimmen in der Jury des Literatur-Nobelpreises und diverser Meinungsträger im modernen Literaturbetrieb gewonnen, sondern auch zahlreiche Stimmen von Betroffenen. Dass diese vor dem eigenen Erlebnishintergrund nicht immer in das allgemeine Lob eingestimmt haben, schmälert die Bedeutung und Wirkung des Buches nicht im Geringsten – es ist, wie Michael Markel feststellt, neben Walter Biemels „Mein Freund Wassja“, ein Werk, das über das rumäniendeutsche Deportationstrauma hinausgeht und in – nicht nur – „Herta  Müllers Dauerthema mündet: der Beschädigung des Menschlichen durch den Totalitarismus“.

Bewundernswert die zugeneigte Bedachtsamkeit, mit der Markel unter dem „Vorbehalt möglicher Unvollständigkeit“ laienhaften, dem Diktat kommunistischer Kulturpolitik unterworfenen oder „trivial-sentimentalen“ Elaboraten ebenso Aufmerksamkeit schenkt wie den Mühen, die das Thema Autoren bereitet hat, die sich von Berufs wegen, aber auch aus dem Bewusstsein einer Berufung daran versucht und redlich abgearbeitet haben – ohne nach Lesererfolgen zu schielen.

Eingehende Beachtung finden Herta Müllers Generations- und ehemals Schreibkonsorten Johann Lippet und Horst Samson für ihre „lyrische Intensität“ bzw. „Eindruckskunst“, wobei Markel wohlweislich ein Detail erwähnt, das damals  mitnichten ein solches war, sondern ein Highlight und Schlaglicht in die Finsternis des Kulturbetriebes im Rumänien Ceausescus wirft: „Lippets mutiges Buch ist in der Verantwortung des noch sehr jungen Verlagslektors Klaus Hensel erschienen.“ Die traurigen Triumphe von damals …

Wenig vermag der Exeget hingegen dem lapidar unterkühlten Dokumentarstil Richard Wagners abzugewinnen: „äußerst lieblos erzählt“, ja „armselig“ findet er dessen Deportationgeschichte, dabei gerät in den Hintergrund, dass sie von einer anderen Verschleppung, aus der rumänischen Armee, an einen anderen Ort, in den Ural, handelt. Ebensowenig auf der Höhe seines Themas sieht Markel Eginald Schlattner, der „groteske und skurril überdrehte Szenen bevorzugt“ und den Opfern den „Anspruch auf Empathie“ verweigere. „Oder spricht Schlattner gar nicht mehr von ihnen, sondern in eigener Sache?“

Das mag sein, ja dürfte sogar für alle gelten, die da gesprochen haben. Im Falle Erwin Wittstocks, des Doyens siebenbürgischer Erzählkunst im 20. Jahrhundert, erscheint das dem Literarhistoriker sogar als Zeichen nachgerade heroischer Mühewaltung. Wittstock hat es auf sich genommen, die Chronik der Russlanddeportation ausgerechnet im aufkommenden Stalinismus in die Annalen der Siebenbürger Sachsen einzuschreiben und sie dabei „so abzufassen, dass ein Erscheinen unter der Zensur möglich wäre“. Mit diesem treuherzigen Beginnen konnte er nur scheitern: „Wittstock versteht sich hier als Zeugen und Interpreten einer erlebten Zeit und stellt deren Probleme argumentativ genau und intellektuell nachvollziehbar zur Debatte, doch allzu vieles bleibt Debatte und wird nicht literarisches Ereignis. Die Problemüberbürdung geht gelegentlich auf Kosten des Gestalterischen, was gerade bei einem epischen Meister besonders auffällt.“

Die „Problemüberbürdung“ … Nicht allein die Deportierten waren damit überfordert, das sind, siehe da, auch die Chronisten, die ihre Geschichte aus historischer Distanz und mit nachgetragener Solidarität aufzuschreiben versucht haben. Worüber man nicht reden könne, darüber müsse man schweigen – solchen Verzicht haben sie sich verständlicherweise nicht auferlegt, aber auch nicht den Anspruch erhoben, bedeutende Literatur zu schaffen. Dass solche trotzdem entstanden ist – ein denkbar schwacher Trost für jene, die noch nachlesen können, wie es gewesen sein soll, und mit gutem Recht sagen können: So war es nicht.

Man kann sich zumindest auf die Fragen einigen. Umso größer das Verdienst des klug wägenden und gemessen formulierenden Michael Markel, der Literatur und Leben nicht nur zusammendenkt, sondern sie so reflektiert, dass man, dass selbst die hier mit Zartgefühl Gewogenen und Gemessenen meinen, mit Literatur verlorenes Leben nachholen zu können. Noch eine Utopie, doch wer will sie wem verdenken?

Georg Aescht (KK) 

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