Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1378.

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Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Reclam-Verlag, Stuttgart 1999, Nachwort Jochen Meyer, 152 Seiten, 8.90 Euro

Der zweite Roman des frühverstorbenen Ostpreußen Johannes Bobrowski (1917–1965) spielt zu Beginn in seiner Geburtsstadt Tilsit an der Memel, obwohl der Ortsname nicht genannt wird. Leute, die dort geboren wurden, erkennen die Szenerie wie Straßen, Plätze und Kirchen, vornehmlich die 1907 erbaute Luisenbrücke, die nach „Übermemel“ führt, wie das jenseitige Ufer genannt wird. Das Memelland auf der anderen Seite, wo die Schriftsteller Simon Dach und Hermann Sudermann geboren wurden, gehörte bis 1923 zum Deutschen Reich, wurde dann aber von litauischen Truppen besetzt und abgetrennt.

Das ist die politische Konstellation im Sommer 1936, mehr als drei Jahre nach der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers, der das Memelland 1939 „heim ins Reich“ führen sollte. Zwei angesehene Einwohner Tilsits, der Konzertmeister Gawehn und der Gymnasialprofessor Voigt, fahren am Vorabend des Johannisfestes (24. Juni 1936) mit der Kleinbahn über die Memel ins Dorf Willkischken (dort lebten übrigens Johannes Bobrowskis Großeltern), wo der litauische Dorfschullehrer und Volksliedersammler Potschka wohnt, den sie aufsuchen und befragen wollen. Die beiden Herren wollen nämlich eine Oper schreiben über den Pfarrer und Dichter Christian Donelaitis (1714–1780), der 37 Jahre in Tolmingkehmen bei Gumbinnen wirkte und in deutscher und litauischer Sprache predigte. Die Region wurde bis 1945 „Preußisch Litauen“ genannt, weil dort eingewanderte Litauer siedelten, die vor der Leibeigenschaft im Großfürstentum Litauen geflohen waren.

Christian Donelaitis, der seinen Nachnamen latinisiert hatte und sich „Donalitius“ nannte, wird im Roman mit folgenden Worten vorgestellt: „… dass es um Donalitius geht, in dieser Oper, einen litauischen Dichter, also besser um Kristijonas Donelaitis, Pfarrer zu Tolmingkehmen vor 200 Jahren, einen Mechanikus, Linsenschleifer, Thermometer- und Barometerbauer, Hersteller dreier Claviere (ein Fortepiano, zwei Flügel), der Idyllen geschrieben hat, litauische Hexameter, vor Klopstock, aber nach gleichem Prinzip: Hebung gleich betonte Silbe undsoweiter, aber doch anders, nämlich über die Leute, Kleinbauern und Mägde, und über die ländliche Arbeit, Idyllen ohne Schäfer und Schäferin …“

Er gilt mit seiner in Hexametern geschriebenen Dichtung „Metai“ (Jahreszeiten) als Stammvater der litauischen Literatur und steht in einer Reihe mit anderen protestantischen Pfarrern in Preußisch Litauen, auch Klein-Litauen genannt, die im 18. Jahrhundert durch die Edition litauischer Grammatiken und Wörterbücher die litauische Schriftsprache geschaffen haben; die erste vollständige Bibel in litauischer Übersetzung erschien 1735 in Königsberg/Preußen.

Die Handlung des Romans ist auf die beiden Tage des Wochenendes 23./24. Juni 1936 beschränkt. Gawehn und Voigt übernachten im Memelland nach langen Gesprächen mit dem Lehrer Potschka, der das deutsche Mädchen Tuta liebt und deshalb Anfeindungen deutscher Nationalisten ausgesetzt ist. Gawehn fährt am Sonntagmorgen zurück nach Tilsit, während Voigt das memelländische Dorf Bittehnen aufsucht, wo, nur 200 Meter voneinander entfernt, Deutsche und Litauer Sommersonnenwende in der Johannisnacht feiern und, vom Alkohol beflügelt, national ausschweifende Reden schwingen. Am Sonntagabend, während die Johannisfeuer brennen, wird ein Streit vom Zaun gebrochen, der in eine Schlägerei übergeht: Ein Deutscher wird aus Notwehr von einem Litauer niedergeschlagen, er stürzt unglücklich und stirbt. Voigt, der das alles mit eigenen Augen gesehen hat und objektiv berichten kann, ist als Zeuge des Vorfalls unerwünscht, ratlos und verstört fährt er mit dem Schiff nach Tilsit zurück.

Im letzten, dem neunten Kapitel, tritt Pfarrer Christian Donelaitis auf, der mit zwei Amtsbrüdern die drei Claviere, die er gebaut hat, einspielt. Damit verflochten ist Potschkas Liebesgeschichte, die scheitert. Die Oper kommt nicht zustande, eine Versöhnung zwischen Deutschen und Litauern findet nicht statt, am 22. März 1939 marschiert, im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs, die Wehrmacht im Memelland ein.

Um die Bedeutung dieses Romans von nur 118 Seiten einschätzen zu können, muss man über Kenntnisse zur Geschichte und Geografie Ostpreußens verfügen. Die zwölf Millionen Wissensträger, die aus den 1945 verlorengegangenen Ostgebieten vertrieben wurden, sind heute fast alle verstorben, weshalb man sich anderweitig informieren muss. Man muss nachschlagen, wer der litauische Großfürst Vytautas war, der mehrmals erwähnt wird, und warum der Rombinus, an dessen Fuß das Dorf Bittehnen liegt, ein „heiliger Berg“ war, schon seit der Zeit der alten Pruzzen. In diesem Buch wird eine Fülle von Wissen über das untergegangene Ostpreußen ausgebreitet, das aus einer versunkenen Zeit zu stammen scheint. So wird schon auf der ersten Seite die Oper „Der Schmied von Marienburg“ genannt, die 1936 am Stadttheater Tilsit aufgeführt wurde. Wer hat sie geschrieben? Es war Siegfried Wagner (1869–1930), der Sohn Richard Wagners, der die Musik zu insgesamt 17 Opern geliefert hat.

Johannes Bobrowski muss wie im Fieber an diesem Roman gearbeitet haben, begonnen hat er ihn am 6. Juni, abgeschlossen am 28. Juli 1965, zwei Tage später erkrankte er und starb am 2. September.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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