Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1391.

Bücher, Medien und Veranstaltungen

Helfen – trösten – raten

Georg Jäschke: Wegbereiter der deutsch-polnisch-tschechischen Versöhnung? Die katholische Vertriebenenjugend 1946–1990 in der Bundesrepublik Deutschland. Aschendorff Verlag, Münster 2018, 393 Seiten, 49 Euro

Das Fragezeichen im Buchtitel wird auf der letzten Seite positiv aufgelöst. Diese von Dr. Michael Hirschfeld an der Universität Vechta betreute Dissertation analysiert die Friedens- und Versöhnungsarbeit der katholischen Jugendorganisationen der Heimatvertriebenen nach dem Krieg bis zur Wende. 1090 Fußnoten beweisen die gute Dokumentation. Autor Jäschke von der „Jungen Grafschaft Glatz“ konnte auf sein eigenes Archiv zurückgreifen. Bereits 1951 hatten sich die elf Einzelverbände als Aktion heimatvertriebener Jugend dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) angeschlossen. Daraus wurde 1973 die Aktion West–Ost (AWO) im BDKJ.

Jäschke beschränkt sich vorwiegend auf die mitgliederstärkste Junge Aktion der (sudetendeutschen) Ackermanngemeinde, die Aktion Junges Schlesien, die Gemeinschaft Junges Ermland, die Gemeinschaft der Danziger Katholischen Jugend und die Junge Grafschaft – Katholische Jugend der Grafschaft Glatz.
Betrachtet wird ihr Wirken in fünf Dekaden, abschließend gibt es je ein Fazit. Die vierziger Jahre: Bleibt nicht auf den gepackten Koffern sitzen. Neubeginn in der Fremde. Die fünfziger Jahre: Nur gemeinsam sind wir stark! Gründung und Ausbau der einzelnen katholischen Jugendvertriebenenverbände unter dem Dach der Aktion heimatvertriebener katholischer Jugend. Die sechziger Jahre: Das Ende der Charmeoffensive. Die Vorboten einer veränderten Haltung in Gesellschaft, Kirche und Staat gegenüber den Vertriebenen. Die siebziger Jahre: Die Ausgrenzung der Vertriebenen und ihrer Verbände durch die neue Ostpolitik. Die achtziger Jahre: Das Ende der Nachkriegsära in Deutschland und die Rolle der Vertriebenenjugend.

Aus einer anfänglichen „Wohlfühlnische“ mit heimatlichem Gesang und der Pflege des traditionellen katholischen Brauchtums wurden bald selbstbewusste Gemeinschaften, die sich entgegen dem Wunsch der Deutschen Bischofskonferenz – die wie z. B. das Bistum Hildesheim nur auf Assimilierung setzte – mit eigenen Heimatseelsorgern weiterhin eng an ihre Kirche banden, auf ein größeres vereintes Europa hofften und versuchten, Kontakt zu Jugendlichen in ihren Heimatregionen herzustellen. Damit wurden sie zum Teil – wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg – Vorreiter des Versöhnungsprozesses.

Voraussetzung dafür war eine gründliche Kenntnis der Heimat – Kirchen- und Zeitgeschichte –, die auf den regelmäßigen Tagungen vermittelt wurde. So wurde den Jugendlichen bald bewusst, dass – mit Ausnahme der sudetendeutschen Gebiete – die neuen Bewohner ihrer Heimat ebenfalls Vertriebene waren und eine Rückwendung zu der Zeit vor 1945 unmöglich war. „Helfen – trösten – raten“ wurde das Motto der gesamten katholischen Vertriebenenarbeit. Sobald es politisch möglich war, gründeten die Jugendverbände in den Heimatländern ihrer Eltern bis heute bestehende Untergruppen.

Den Anhang bilden Quellen- und Literaturverzeichnis, Interviews, Teilnehmerzahlen bei den Tagungen: Junge Aktion ab 1954, Gemeinschaft Junges Ermland ab 1947, Junge Grafschaft ab 1953, Aktion Junges Schlesien ab 1953, Biogramme, Namensverzeichnis (nicht ganz vollständig) und ein Ortsverzeichnis.

Norbert Matern (KK)

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