Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1391.

Bücher, Medien und Veranstaltungen

Neumondsüchtig

Ursula Haas: Wortfisch im grünen Aquarium. Gedichte und Poesien. edition bodoni, Buskow 2017, 127 Seiten, mit Abbildungen im Innenteil von Beat Toniolo

In ihrer neusten Buchpublikation fasst die in Aussig an der Elbe geborene und in München lebende Ursula Haas, die 2010 mit dem Nikolaus-Lenau-Preis der KünstlerGilde Esslingen ausgezeichnet wurde, das Ergebnis ihres literarischen Schaffens im Zeitraum zwischen 2010 und 2017 zusammen. Unterstrichen und aufgelockert durch vier farbige Bildkompositionen des Malers und Performance-Künstlers Beat Toniolo, wird dieser Band in einer auch künstlerisch sehr ansprechenden Form dargeboten.

In sechs Kapiteln führt Ursula Haas den Leser durch ihre Lebens- und Weltsicht mit dem Anspruch, von allgemeinen menschlichen Befindlichkeiten ausgehend, zu philosophischen und politischen Betrachtungen von größerer Tragweite zu gelangen. Das Werkzeug, das ihr dazu an die Hand gegeben ist, die Sprache der Poesie, nimmt Gestalt an als „Wortfisch“ und schwimmt durch alle Gewässer des Lebens und seiner wechselvollen Zeiten.

Angefangen vom „Gartenzauber“ über „Reiseziele“ zu neuen Orten, gibt die Autorin „Lebenszeichen“ aus den „Lebenszeiten“, die ihre Persönlichkeit geprägt haben. Im Mittelteil des Buches legt sie eine Meditationspause ein und unternimmt den Versuch einer Weiterdichtung der Lebensweisheiten des Daodejing von Laotse.
Im Anschluss an diese fernöstliche Reise, bei der Ort und Zeit, Ferne und Nähe zusammenfallen in den Reflexionen einer poetisch-philosophisch reflektierten Sprache, schickt Ursula Haas ihren Wortfisch durch brackige Gewässer voller Schlamm und Unrat. In den „Prinzipien der Eliminierung“ kämpft er buchstäblich ums Überleben. Angelehnt an die biblische „Arche Noah“, die zum Floß der Medusa wird, stellt die Autorin in „Auf der Arche“ einen Bezug zur heutigen Flüchtlings-Situation her.

Direktere Wege durch Krieg und Tod, Flucht und Vertreibung geht Ursula Haas zum Frauen-KZ Ravensbrück 1943 und – angelehnt an das Flucht- und Vertreibungsschicksal ihrer Familie – nach Porlitz bei Brünn (Brno, Proholice) 1945. Das Bild der Arche wird hier zum Sinnbild für alle Gestrandeten und Überlebenden.
So wird der Leser durch tiefe und seichte, helle und dunkle, stille und brodelnde Gewässer geführt. Es ist die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten, die ihn immer wieder staunen lässt über die Sprachkraft einer belesenen und in vielen kulturellen Bereichen, vor allem in der Mythologie, der Musik und der bildenden Kunst beheimateten Lyrikerin.

Es ist, als kämen manche Verse aus Traumsequenzen, aus einer Art automatischen Schreibens und würden vom Unbewussten aufsteigen ins Bewusstsein: „im Traum und/sicher im Traum schwebe ich durch mein Gedicht“. Besonders kunstvoll gewoben sind solche Texte, in denen ein Volkslied, ein Märchenbild, ein Kirchengesang verschlungen wird in eine Aussage, die mit überraschenden Bildern zunächst befremdlich, auf den zweiten Blick jedoch in sich stimmig wirkt, z. B. in dem Gedicht „Weihnachten im Park“: „Maria durch den Dornwald ging / Kyrie eleis. Der Rabe hockt im Baum, der Park blüht weiß / In sieben Jahren hat er kein / Laub getragen, seit sie hier / wandern ging.“

Ursula Haas fächert farbenfrohe Welten vor dem Auge des Lesers auf. Ferne Länder rücken näher, Aufbruch ist angesagt, aber auch das Innehalten am Ort. Das Reflektieren dessen, was die Oberfläche verbirgt, wird zur Sprache gebracht. Und die dazu notwendige Stille zieht ihre Kreise nach manchem Aufruhr. Ihr Wortfisch stößt vor bis zum Meeresgrund, der zum Seelengrund wird. Ein Hauch von Melancholie liegt wie ein feiner Nebel über vielen Texten. Liebe und Liebesverlust, die Nähe zum Tod und zum Leben führen in eine „Zwischenwelt“, darin „Verteilt sich Schmerz / und Glück in einem Leben / nie gerecht. Ist Sein und / Bleiben“.

„Am Katzentisch / der Erinnerung“ entsteht ein Gedichtzyklus mit dem Titel „Das Kind in mir“. Inmitten der Kindheitsidylle – spielte es eben noch Klicker auf der Straße – muss es aber im abschließenden Gedicht „Als Kind“ schon die nahende Bedrohung spüren, denn im ersten Frühling blühen „Trümmerblumen“. Beispielhaft für die Verschränkung zwischen Erinnerung und Gegenwart ist die treffende Feststellung: „Auf dem Seil der verflossenen Zeit / tanzt das Gestern und Heute, kann sich / nicht entscheiden“.

Einen Abschluss und Ausblick bilden Gedichte, die Künstlern, Autoren, Freunden und dem eigenen Enkel gewidmet sind im Kapitel „Widmungen. Gedenken“. Sie führen zurück bis zu den „Todesfackeln / deines Neunzehnhundertvierzehn“, die angezündet werden in einem Gedicht, das sie Franz Marc gewidmet hat. Dennoch endet dieser große lyrische Bogen, den Ursula Haas geschlagen hat, mit einem hoffnungsvollen Versprechen, das sie ihrem Enkel gibt: „wenn die Blätter fallen, werde / ich dir vom Paradies erzählen“.

Wie ein roter Faden zieht sich das Ringen um die Sprache, um das treffende Wort durch die Texte von Ursula Haas: „Ich warte, bis ein / Segen in Weiß, sich aus dem / Bild ins Leben getraut / der Neumond meiner Worte“. Was diesen Band betrifft, hat der Neumond sich gerundet. Ursula Haas hält, was sie in „Windsbraut“ verspricht: „Meine Schreibhand zünde ich an. Sie / leuchtet unter der Sonne“.

Anneliese Merkel (KK)

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