Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1354.

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Baltische Seminare

Die Carl-Schirren-Gesellschaft debattiert

Die politischen Ereignisse der Jahre 1989/1991 haben den vormals hinter dem Eisernen Vorhang gefangenen Völkern die einzigartige Möglichkeit gegeben, die ideologische, politische Macht des Kommunismus zu überwinden und sich wieder ihrer eigenen Geschichte und Kultur zu widmen. Dieser einmalige, durch friedliche Demonstrationen erzwungene, freiheitliche Zustand führte bei den wieder zur Selbständigkeit gelangten baltischen Staaten – Estland und Lettland – schnell dazu, dass sie sich wieder Mitteleuropa zuwandten. Viele Deutschbalten, die schon vor der Wende versucht hatten, Verbindung nach Estland und Lettland aufzubauen, ergriffen die Gelegenheit.

Bereits 1989 wurden bekannte Historiker zur Carl-Schirren-Gesellschaft nach Lüneburg zum Gedankenaustausch eingeladen. Diese erste Tagung stand unter dem Motto „Kulturelle Zusammenarbeit mit den baltischen Staaten Estland und Lettland“. Es war eine Tour d’Horizon durch die baltische Geschichte. Die gegenseitige Bekanntschaft, die Vermittlung von Informationen und das Bewusstsein, tiefgreifende gemeinsame geschichtliche und kulturhistorische Erfahrungen zu haben, ließen das Bedürfnis aufkommen, den Tagungen einen festen Rahmen zu geben: Die Baltischen Seminare der Carl-Schirren-Gesellschaft waren aus der Taufe gehoben.

Die schon bei der ersten Tagung getroffene Entscheidung, in den jährlichen Seminaren die Geschichte des baltischen Raumes von jeweils vier Wissenschaftlern aus Estland, Lettland und Deutschland behandeln zu lassen, führte zu einer regen Teilnahme der Wissenschaftler aus dem Baltikum. Dabei wurde von Anfang an ein weiter Bogen über die 800jährige  gemeinsame Geschichte gespannt, um die Vielfalt der Gemeinsamkeiten, aber auch die Gegensätze aufzuzeigen.

Mit der Behandlung des Themas „Bibelübersetzungen ins Estnische und Lettische“ wurde auf die künftige Entwicklung der beiden Staaten hingewiesen. Die Themen Klassizismus, Gotik sowie Sakrale Kunst und städtisches Leben zur Zeit der Hanse verdeutlichten den prägenden Einfluss Mitteleuropas auf Alt-Livland. Fragen der Kunst- und Literaturgeschichte der verschiedenen Volksgruppen gehörten zu Themen mit stark geprägten historischen Betrachtungen. Das lange 19. Jahrhundert mit seinen vielfältigen kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen, die zu sozialen sowie nationalen Eigenständigkeiten nach Aufhebung der Leibeigenschaft führten, wurde in umfassenden Fragestellungen aufgearbeitet. Das nationale Erwachen, das Schulwesen sowie das Leben auf dem Lande und in der Stadt, die Selbständigkeit der baltischen Völker, die Zwischenkriegszeit und Besatzungszeit sowie die Sowjetzeit waren Themen von ausschlaggebender Bedeutung bei der Betrachtung der Gemeinsamkeiten von Esten, Letten und Deutschen, dabei wurden unterschiedliche Wahrnehmungen herausgestellt.

Für die bisherigen sechsundzwanzig wissenschaftlichen Seminare konnten nicht nur Wissenschaftler aus dem Baltikum als Referenten, sondern im Laufe der grenzüberschreitenden Entwicklung auch Vertreter aus Kanada, Schweden, Finnland, Russland, Litauen und Polen gewonnen werden. Die Referenten – bisher über 250 – aus den genannten Ländern haben durch ihre Fachkompetenz dazu beigetragen, dass diese Symposien breiten Zuspruch finden. Ein wesentliches Seminar war dem Namenspatron der CSG gewidmet – Carl Schirren als Historiker und Publizist. Auf großes Interesse stoßen auch die nach jeder Veranstaltung in der neu eingerichteten Schriftenreihe  „Baltische Seminare“ veröffentlichten Tagungsbände.

Durch die politische und gesellschaftliche Entwicklung in den vergangenen zwei Dekaden wurde die Bedeutung der gemeinsamen Geschichte der Völker im Ostseeraum allen Beteiligten bewusst. Das Gemeinsame zeigt, ohne dass das Unterschiedliche ausgeklammert würde, dass das Baltikum seine Prägung in den vergangenen Jahrhunderten von Mitteleuropa erhielt und nach 1990 wieder daran Anschluss gefunden hat. Die fruchtbaren grenzüberschreitenden Kooperationen im kulturellen, musealen und wissenschaftlichen Bereich haben zu einem weitverzweigten Netzwerk geführt. Die Baltischen Seminare sind somit zu einem bedeutenden  Baustein der Völkerverständigung im Ostseeraum geworden.

Für die Teilnehmer an diesen wissenschaftlichen Veranstaltungen sind die anregenden Diskussionen der Referenten untereinander, aber auch die Möglichkeit, sich aktiv an den Aussprachen zu beteiligen, ein besonderes Erlebnis. Die Baltischen Seminare gehören zum Bestand der kulturellen Arbeit der Carl-Schirren-Gesellschaft – des Deutschbaltischen Kulturwerkes – und werden in den nächsten Jahren konsequent fortgesetzt.

Wolf Wulffius (KK)

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