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Ausgaben: Ausgabe 1354.

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Wilfried Heller: Von „Horea“ zu „Hans“. Schiller-Verlag Hermannstadt/Bonn 2014. 128 Seiten, 24 Seiten farbige Fotos, 14,80 Euro. Bestellbar per Telefon 02 28 / 90 91 95 57 oder in Internet unter www.schiller.ro (zuzüglich 3 Euro Versandkosten)

Im Jahr 1972 hatte Wilfried Heller mit rumänischen Kollegen auf sechs Exkursionen das nahe und fernere Umland der Landeshauptstadt Bukarest und von Pitesti, der Hauptstadt des Kreises Arges, der sich vom Hauptkamm der Südkarpaten bis in die Rumänische Tiefebene erstreckt, bereist. Während dieser Monate nahm Heller auch Kontakt auf zum Soziologischen Labor der Universität Bukarest, da dort umfangreiche Studien zur Entwicklung des ländlichen Raumes betrieben wurden, und zwar unter dem Stichwort „Urbanisierung“: „Das lief zu der Zeit im Zusammenhang mit der ,Kollektivierung‘ in der Landwirtschaft und war damit ein heißes Eisen“, so Heller. Schon damals wurde eine umfangreiche Akte unter dem Namen „Horea“ über ihn angelegt. Ein rumänischer Kollege, ein informeller Mitarbeiter (IM) der rumänischen Securitate („Departamentul Securitatii Statului“/Abteilung für Staatssicherheit), hatte ihn als westdeutschen Spion denunziert.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und des Ceausescu-Regimes in Rumänien erfuhr Heller von einer systematischen Verfolgung durch die Securitate. Er stellte 2010 beim C.N.S.A.S., dem Nationalen Rat für das Studium der Securitate-Archive in Bukarest, den Antrag auf Aushändigung einer Kopie der Akte, die die Securitate über ihn angelegt hatte. 2011 erhielt er die Kopie zusammen mit der Mitteilung, dass über ihn noch eine zweite Akte existiere. Diese konnte er 2012 in Empfang nehmen.

Die erste Akte mit einem Umfang von 200 Seiten bezieht sich auf den Zeitraum von März 1972 bis Januar 1975, die zweite mit 30 Seiten betrifft die Monate von April bis August 1989. In der ersten Akte gab die Securitate Heller den Decknamen „Horea“, in der zweiten nannte sie ihn „Hans“. Hier wurden besonders die Versuche dokumentiert, durch die Heller dazu gebracht werden sollte, in seinen Publikationen über Rumänien in Deutschland ein positives Bild des Landes zu zeichnen.
„Ein wenig entschied ich mich aus Neugier für die Einsichtnahme in meine Akten“, so Heller im Münchner Haus des Deutschen Ostens. „Entscheidend war jedoch mein Wunsch, erstens die Methodik der Securitate und der Bespitzelung im Allgemeinen kennenzulernen, zweitens – im Besonderen – zu sehen, wie diejenigen, die Berichte schrieben, diese Aufgabe erfüllten und ob diese Berichte nach verschiedenen Typen und ihren Rollen gegliedert werden können.“ Vor allem um den zweiten Hauptgrund ging es ihm bei der Auswertung „seiner“ Akten für die nun vorliegende Studie.

Er las im Münchner HDO Passagen aus „Von ‚Horea‘ zu ‚Hans‘“ und erläuterte Hintergründe und Zusammenhänge. Schon im Herbst 1972 habe ihn die Securitate für einen Spion gehalten und „operative Maßnahmen“ und eine „informative Verfolgung“ beschlossen. Natürlich habe auch von Anfang an ständige Beschattung („Die grauen Limousinen waren immer da“) und Durchsuchung der Unterkünfte dazugehört.

Heller stellte spannend das Agieren der Securitate-Mitarbeiter vor. Diese versuchten raffiniert, sein Vertrauen zu erschleichen. So entwickelten die Spitzel teilweise falsch „legendierte“ Identitäten. Auch rumänische Wissenschaftler wurden dabei ausgeforscht und teilweise frech belogen, wie Heller zeigte. Die informellen Mitarbeiter der Securitate nennt Heller nicht mit ihren echten Namen, die er durchaus ermitteln konnte, sondern mit den in der Akte verwendeten Decknamen.

In den Jahren nach der „informativen Verfolgung“ durch die Securitate, die sich vom September 1972 bis zum Januar 1975 erstreckte, hielt sich Heller zur sozialistischen Zeit immer nur kurz in Rumänien auf, nämlich zunächst im Sommer 1978 und im Sommer 1982, jedes Mal im Rahmen einer etwa dreiwöchigen Exkursion mit Studierenden der Universität Göttingen. In dieser Zeit verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung zusehends. Vor allem im ländlichen Raum konnten Hellers studentische Exkursionsgruppen dies feststellen. Ihre Gespräche mit der deutschsprachigen Bevölkerung, also den Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, hätten vor allem deren mögliche Aussiedlung in die Bundesrepublik Deutschland betroffen. „In dieser Zeit war in Rumänien wahrgenommen worden, dass die für Familienzusammenführung zuständigen Ministerien in Bonn diese mit Nachdruck förderten. Rumänien ließ sich die Aussiedlung der deutschen Minderheit von der Bundesrepublik Deutschland und teilweise auch von den Aussiedelnden selbst finanziell umfangreich entgelten“, sagt Heller.

Trotz der Entwicklungen in Rumänien, die sich immer mehr verdüsterten, beschloss Heller 1989 wieder, nach Rumänien zu fahren. Diesmal sollte er dann als „Quasi-Propagandist“ für das untergehende rumänische Regime angeworben werden, wie sich jetzt herausstellte: Bei einem Besuch Hellers im Außenministerium in Bukarest nahmen einige Männer an den Gesprächen teil, die als Mitglieder der Hauptdirektionen für die ökonomische, soziale und regionale Entwicklung Rumäniens vorgestellt wurden. Diese erläuterten kurz das Programm für die Entwicklung des Landes, das in Übereinstimmung mit den Direktiven des 14. Kongresses der Kommunistischen Partei der Sozialistischen Republik Rumäniens beschlossen worden sei, und überreichten Heller zum Abschied diesbezügliche Broschüren und Zeitschriften.

Später zeigte sich, dass Heller beispielsweise eine positiv gefärbte Landeskunde Rumäniens verfassen sollte. „Da die Securitate gemerkt hatte, dass ich keine Spionage betrieb, sondern dem Land und seiner Bevölkerung gegenüber positiv eingestellt war, versuchte sie, mich für ihre Interessen zu nutzen. Dieses Vorhaben wurde wegen des Zusammenbruchs des Ceausescu-Regimes Ende 1989 nicht ausgeführt“, schloss Heller.

Vorgestellt wurde der Referent im HDO von Konrad Gündisch, dem kommissarischen Direktor des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen in Südosteuropa an der Ludwigs-Maximilians-Universität München: Wilfried Heller wurde 1942 in Littmitz in Böhmen geboren und ist emeritierter Professor für Humangeographie. Er studierte Geographie, Germanistik und Geschichte an den Universitäten Heidelberg und Erlangen, war von 1982 bis 1994 Professor am Geographischen Institut der Universität Göttingen und bis 2007 Inhaber des Lehrstuhls für Sozial- und Kulturgeographie mit dem Schwerpunkt Migrationsforschung an der Universität Potsdam. 2013 erhielt er den Sudetendeutschen Kulturpreis für Wissenschaft.

Susanne Habel (KK)

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