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Ausgaben: Ausgabe 1355.

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Verheerende Irrtümer beiderseits

Münchner Dies Academicus zur russischen Invasion in Ostpreußen 1914

Der Münchner Heinz Starkulla, Zeitungswissenschaftler und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Ost- und Westpreußische Landeskunde, initiierte am Dies Academicus der Ludwig-Maximilians-Universität Mitte Oktober eine vierteilige Vorlesungsreihe „Die russische Invasion in Ostpreußen 1914“. Als Partner hatte er das Haus des Deutschen Ostens, dessen Direktor Dr. Andreas Otto Weber moderierte, und die Ludwig Delp Stiftung gewonnen.

Die aus St. Petersburg stammende Assistentin vom Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Ekaterina Makhotina, zeichnete den politischen Rahmen und die militärischen Entwicklungen nach. Russische Generäle hatten zwar seit 1880 Pläne für einen europäischen Krieg entwickelt, waren aber 1914 nicht vorbereitet und mussten gegen ihren Willen mit zwei Armeen vorzeitig in Ostpreußen einfallen. Die Soldaten hatten keine Gefechtserfahrung und stürmten ungeschützt vor. Es flossen Ströme russischen Bluts. Dennoch errangen sie einen Sieg bei Gumbinnen, Hindenburg und Ludendorff aber gelang es, in zwei Schlachten in Masuren die Angreifer zu vernichten.

In Ostpreußen wurden ganze Landstriche verwüstet, Hunderte wurden als vermeintliche Spione erschossen. Besonders hart traf es den Kreis Ortelsburg. Fabriken wurden abgebaut und nach Osten transportiert.

Die Referentin legte dar, dass die russische historische Forschung den Ersten Weltkrieg bisher kaum beachtet hat. Im öffentlichen Bewusstsein gab es den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon und den Grossen Vaterländischen Krieg gegen Hitler. Ein 1918 für den Ersten Weltkrieg errichtetes Museum wurde nach einem Jahr wieder geschlossen. Stalin sprach von einem „verbrecherischen Krieg des Zaren“, Soldatenfriedhöfe wurden eingeebnet. Erst 2004 wurde in Moskau eine Gedenktafel für die Gefallenen enthüllt, im August 2014 in einem Vorort von St. Petersburg wieder ein Museum eröffnet. So beginnt erst jetzt eine Erinnerungskultur zu wachsen.

Der Achitekt Wulf Dietrich Wagner, Vorstandsmitglied der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung, der zur Zeit an einem Lexikon der ostpreußischen Güter arbeitet, zeigte mit vielen Bildern den architektonischen Reichtum des Landes, Zerstörungen und Wiederaufbau. Wäre Ostpreußen länger besetzt gewesen, wäre dieser nicht möglich gewesen. So aber gab es eine staatlich gelenkte enorme Anstrengung im Rahmen der vom Preußischen Ministerium des Innern festgelegten „Behördlichen Organisation für den Wiederaufbau“. 500 Architekten aus dem Reich kamen nach Ostpreußen und arbeiteten nach dem „Generalplan unseres Könnens im größten Architekturexperiment“. Man wollte ein Ideal schaffen, alle mussten sich den Regeln der Bürokratie unterwerfen. Das Ergebnis war ein oft einheitliches Bild, jedoch mit vielen Details, manchmal verspielt. Der Kaiser kam persönlich, um sich vom Stand der Arbeiten zu überzeugen.

Ostpreußen als Kornkammer des Deutschen Reichs brachte auch die Landwirtschaft schnell wieder in Gang. Schon im Herbst 1914 wurde mit der Kartoffelernte begonnen.
Heinz Starkulla referierte über die Kriegsberichterstattung und Propaganda. Die Pressezensur wurde durch die oberste Heeresleitung ausgeübt und war chaotisch. Ziel war es, die eigene Bevölkerung zu ermutigen und den Feind zu entmutigen. Zu Kriegsbeginn machten die Zeitungen in Fortschrittsoptimismus. In den „Münchner Neuesten Nachrichten“ hieß es: „Kriegswunden haben die Schrecken der Vergangenheit verloren“, moderne Medizin und neue Waffen würden eingesetzt, Seuchen werde es nicht mehr geben.

In das Jahr 1914 fiel auch eine Veränderung der äußeren Aufmachung von Zeitungen und Zeitschriften. Nach amerikanischem Vorbild gab es Schlagzeilen und verschiedene Schriftgrößen. In den Großstädten erschienen die Zeitungen zweimal, wenn nicht dreimal täglich. Sie nutzten die mit dem Namen Hindenburg verbundene riesige Euphoriewelle: „Eine Viertelmillion Russen haben wir zum Teufel gejagt“. Patriotische Gedichte wurden abgedruckt wie „Das Volk in Eisen“ von Paul Lindenberg (gestorben 1944). Reportagen von der Front machten Hindenburg zum Volkshelden.

Je weiter man allerdings nach Westdeutschland kam, umso spärlicher wurden Berichte über Ostpreußen. Im Vordergrund stand hier der Krieg im Westen, allerdings schlug sich das Geschehen im Osten in Kolossalgemälden nieder.

Der Düsseldorfer Germanist Johannes Wassmer berichtete über den Nachhall in der Literatur, den das einschneidende Erlebnis der russischen Invasion hervorgebracht hat. Neben der nach 1945 erschienenen Erinnerungsliteratur beschäftigte er sich mehr mit der Trivialliteratur während und nach dem Ersten Weltkrieg. Analysiert wurde, wie die Schriftsteller, die manchmal pro Jahr ein Buch auf den Markt brachten, das nationale Gefühl ansprachen. Ausführlich zitiert wurde aus den einst vielgelesenen Büchern „Aus tiefer Not“, „Als die Kosaken kamen“, „Von Masuren nach Sibirien“ und „Die Russenzeit in Ostpreußen“.

Norbert Matern (KK)

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