Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1355.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Handreichung für ein kurzes Leben und ein Werk, das „im Dunkeln“ endete

Hans Weichselbaum: Georg Trakl. Eine Biographie. Otto Müller Verlag, Salzburg 2014, 224 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 24 Euro (E-Book 19,99 Euro)

Auf dem „Einreichungsbogen“ für die Teilnahme am Wettbewerb der Kulturabteilung des Landes Salzburg „Ausstellung Georg Trakl 1914–2014“ (letzte Arbeiten von Georg Trakl und/oder seine biographischen Umstände) wird auf die Trakl-Biographie von Hans Weichselbaum „besonders“ hingewiesen. 1994/1995 sei sie im Otto Müller Verlag erschienen, sei jedoch derzeit „leider vergriffen“, wenn auch „in diversen Bibliotheken einzusehen“. Dass bereits im April 2014 Hans Weichselbaums nicht nur bei Insidern gut bekannte und geschätzte Trakl-Biographie bei Otto Müller in überarbeiteter Form erscheinen konnte, selbstverständlich aus Anlass des 100. Todestags am 3. November 2014, wurde zum Zeitpunkt der Ausschreibung wohl nicht für realistisch gehalten.

Hans Weichselbaum, dem seit 1972 amtierenden Leiter der Trakl-Forschungs- und -Gedenkstätte und Geschäftsführer des Internationalen Trakl-Forums in Salzburg, Oberösterreicher des Jahrgangs 1946 und ehemaliger Gymnasiallehrer, ist es gelungen, rechtzeitig weitere eigene Forschungsergebnisse zu Werk und Wirken des Salzburger Poeten (1887–1914) in den ursprünglichen Text einzuarbeiten und sehr ansprechend zu publizieren. Der wissenschaftliche Anspruch ist hoch, was sich schon an den 53 Seiten Anmerkungen und Bibliographie zeigt. Weichselbaum erweist sich in der überarbeiteten Neuauflage wieder als einer der allerbesten Kenner der Persönlichkeit des Dichters und seines für die Forschung nach wie vor interessanten Werkes. Den biographischen Text zu lesen ist eine reine Freude für alle, die oberflächliches Lesen verabscheuen, vielmehr an exakten, da und dort revidierten Fakten und Jahreszahlen großes Interesse haben.

Der Autor geht, wie schon 1994, streng chronologisch vor. Er befasst den Leser zunächst mit Georg Trakls Herkunft und Kindheit, kommt auf die Jugendzeit (1901–1908) zu sprechen, die in die Lehrjahre (bis 1912) übergeht, bis er auf die letzten drei Lebensjahre seines Helden eingeht. Die immer stärker dem Tod durch zu hohen Drogenkonsum zutreibende Zeit stellte der Autor unter das Motto „Ohne Weg“, dem er das Trakl-Zitat „Im Dunkeln enden“ nachsetzt. Ein Inhaltsverzeichnis vermisst man nicht. Weichselbaum bietet jede nur denkbare Abbildung, die den Text erhärtet und bereichert, eigentlich nie schlicht begleitet. Dafür sind die beigebrachten Fotos viel zu rar und aussagekräftig. Es handelt sich teils um Abbildungen von Personen (einschließlich Porträts des Dichters), Örtlichkeiten, Gebäuden, Wiedergaben von Autographen, Buchauszügen und Erstausgabencovers sowie Korrespondenz-Passagen und Dokumenten, teils um Fotos aus dem Familien- und Freundeskreis.

Der Leser kann sich anhand dieser sehr präzisen, gut und gerne weit ausholenden Darstellung ein in sich schlüssiges Bild dessen machen, der hier im Zentrum des Interesses steht – auch wenn Weichselbaum sich der noch immer nicht völlig geklärten Abschnitte aus Trakls allzu kurzem Leben bewusst sein dürfte. Damit ist speziell die Frage nach der Intensität der Beziehung zur Schwester Grete Langer-Trakl angesprochen, die von einigen Forschern als inzestuös erachtet wird.

Der Trakl-Forschung ist also kein Ende. Doch dürfte Hans Weichselbaums Arbeit nach wie vor die gründlichste und nicht zuletzt lesbarste Vita des Salzburgers sein, dem man sich als Neugieriger nähern möchte, um mit seinem verdüsternden lyrischen Werk einigermaßen zurechtzukommen.

Hans Gärtner (KK)

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