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Ausgaben: Ausgabe 1356.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Was ich nicht wusste, dass ich es weiß

Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern. Ein Gespräch mit Angelika Klammer. Carl Hanser Verlag, München 2014. 240 S., 20,50 Euro

In Zeiten, da die Dichtung zur Bühnenperformance mutiert und das Lesepublikum zu Hörern und Zuschauern von Lesungen und Festivals, wird ihm eine Komplizenschaft, ja Vertrauensseligkeit zwischen Produzenten und Rezipienten vorgemacht, als sei der Schriftsteller ein Fußballstar, der am Begrenzungszaun zu den Rängen hochspringt, um die Tuchfühlung mit seinen Fans zu genießen. Dennoch gibt es immer noch viele, die Literatur am Schreibtisch machen, bei sich zu Hause, bei und mit sich selbst.
So macht es Herta Müller – mit einer großen Ausnahme, ihren Gesprächen mit Oskar Pastior, die in ihrer „Atemschaukel“ mitschwingen. Dennoch oder gerade darum hat man bei allem, was sie sagt und schreibt, das sichere Empfinden, dass sie einen ins Vertrauen zieht, denn an spezifischer Lauterkeit wird ihre Erzählkunst nur von ihrem ungekünstelten Erzählgestus übertroffen, dem alle Rhetorik fremd ist. Selbst Auge in Auge und im Gespräch mit einer Partnerin wie Angelika Klammer, die sich auf das kundige Stichwortgeben beschränkt, also abseits des naturgemäß egozentrierten Schreibtisches, nimmt sie sich gleichsam horchend zurück. Zwar ist sie stets um Klarheit bemüht, nicht jedoch um Erklärungen, um Verständnis und Selbstverständnis, nicht jedoch um das Einverständnis anderer.

Sichtbar wird eine ebenso nachdenkliche wie dezidiert formulierende, eine ebenso beharrlich zweifelnde und fragende wie urteilssichere Zeugin eines Kapitels Zeitgeschichte, das gängiges Erkenntnis-, ja sogar Vorstellungsvermögen übersteigt, und einer Gegenwart, die nicht und nicht ärmer wird an Zumutungen für den „gesunden Menschenverstand“. Mit ihm allein das alles zu erfassen, zu tragen und zu ertragen hat Herta Müller schon als junge Frau in Rumänien aufgegeben. Das verstörte Kind einer ehemals nach Russland deportierten, verhärmten und verhärteten Mutter und eines trunksüchtigen Vaters mit Nazivergangenheit hat früh mit dem Widersinn umgehen gelernt: „Oft dachte ich, dass meine Mutter wegen der Kollektivschuld, also wegen dem Krieg meines Vaters, ins russische Arbeitslager musste. Meine Güte, wie absurd sich die große Geschichte als Schuld und Strafe an einem einzigen Ehepaar spiegelt … noch gar kein Ehepaar, nur zwei Gleichaltrige in einem fingerhutkleinen Dorf am Rand der Welt.“

Mit dieser Einsicht war sie bestmöglich gerüstet für eine der schlechtestmöglichen Gesellschaften, die kommunistische Diktatur in Nicolae Ceausescus Rumänien – bar aller Hoffnungen bis auf jene der Schönheit, deren „Austreibung“ der Sozialismus bedeutet und die man sich in einem Akt des Widerstandes – auch literarisch – erschaffen konnte: „Die Schönheit der Sätze, das Nichtbestimmbare hat die Wahrnehmung so genau gemacht, dass man sie aushalten konnte.“ Gestaltung als Befreiung, Arbeit als Heilung: „Ich muss doch, um einen Satz zu schreiben, aus den sprachlichen Gewohnheiten der Wörter ausscheren, die Wörter finden sich auf Grund von Takt und Klang, und sie werden auf unerwartete Weise genau und sagen, was ich nicht wusste, dass ich es weiß, zum ersten Mal.“ Das gilt auch hier und heute.

Fast meint man, dem allem wohne ein Zauber inne, doch die Autorin versteht genauso gut, jeden hochfliegenden Gedanken zu erden:  „Was ist das Literarische? Das Literarische ist ja nichts Einzigartiges, das sonst nirgends vorkommt. Es kommt auf Schritt und Tritt vor, in der Folklore, in den Sprichwörtern und Redewendungen, in den Bildern des Aberglaubens. Jede Sprache ist voller Metaphern. Wie kommt es sonst zu Wortbildungen wie Augapfel oder Landzunge oder mutterseelenallein.“

Wo Realität ins Surreale abdriftet, wo einen das Vaterland zum Verhör bestellt, hangelt man sich  an vermeintlich gauklerischen Sprachspielen und Reimen entlang: „Wenn ich zum Verhör bestellt war, probierte ich auf dem Weg dahin allerlei Reime, zum Beispiel: ‚Mein Vaterland ist ein Apfelkern, man irrt umher zwischen Sichel und Stern.‘ Ja, wenn man zum Verhör musste, war man zum Vaterland bestellt. Der Reim wusste Bescheid.“ Und wenn einem dieses Vaterland die beste Freundin zwecks Bespitzelung in die Bundesrepublik Deutschland hinterherhetzt, wenn das Andenken an den bewunderten und geliebten Dichterfreund mit einer längst vergilbten und irrelevanten, immerhin aber existierenden „Täterakte“ konfrontiert wird, ist auch der Konjunktiv kein Trost: „Er hielt dieses Geheimnis für unzumutbar und er hatte recht. Ich hätte ihm nach so einem Geständnis ganz bestimmt die Freundschaft gekündigt. Und er wäre daran noch einmal zerbrochen. Und ich würde mir heute Vorwürfe machen, aber es wäre zu spät, denn er ist tot.“ Gerade deshalb gilt es ihn auszuhalten, den „fremden Blick“, denn er „ist eine innere Sache, nicht der Wechsel von einem Land in ein anderes, sondern der Verlust der Selbstgewissheit“. Man muss „Angst haben vor allem, auch vor sich selbst“.

Herta Müllers Abscheu gegen Behördenapparate und Apparatschiks einerseits, ihre Versehrtheit, die sie erst in Sprache gefasst zu ertragen vermag – spätestens in diesem Buch werden sie auch für den erfahrbar, erspürbar, der fern von jenen Erlebens- und Überlebensräumen leben und lesen darf. Folgen kann er der autobiographischen Reflexion der Autorin gewiss nicht immer, er mag sich auch an ihrer manchmal vehementen Entschiedenheit stören. Erkennen wird er allerdings, dass es Wirklichkeiten gibt, über die zu schreiben schon ein Akt der Überwindung und des Mutes ist.

Georg Aescht (KK)

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