Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1357.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Mündiger Bürger im Schlafrock

Richard Wagner: Herr Parkinson. Albrecht Knaus Verlag, München 2015, 144 Seiten

Zur Schadenfreude braucht man immer mindestens einen Anderen. Was aber ist, wenn man selbst den Schaden und ansonsten nur noch sich selbst hat, auf Freude aber nicht ganz verzichten will? Dann ist eben „Lebenskunst“ gefragt, und die ist laut Richard Wagner furchtbar einfach zu definieren, nämlich „nichts anderes als die erfolgreiche Ausbalancierung der eigenen Ressourcen, das Kochen ohne Rezept, nur mithilfe der in der Küche vorhandenen Lebensmittel“. Seine Küche aber ist verdammt leer.

Der kranke Schriftsteller weiß sich da auch nicht zu helfen; er kann nur tun, was er ein Leben lang getan hat: schreiben. Und da er das im kranken Sozialismus gelernt und im nicht eben pumperlgesunden Kapitalismus mit galliger Verve weiterpraktiziert hat, gelingt es ihm auch jetzt in seiner Krankheit, ja über seine Krankheit so, dass der Leser seine eigentümliche Freude findet an den schonungslosen Betrachtungen und Selbstbetrachtungen, den verzweifelt scharf pointierten Absagen an alle Illusion und Sentimentalität.

Die dezidierte Sagweise, die lakonisch-apodiktische Prägnanz war stets das Markenzeichen dieses deutschen Dichters aus dem rumänischen Banat, der sogar – gemeinsam mit Thea Dorn – ein Buch über „Die deutsche Seele“ machen konnte, ohne auch nur im Geringsten in den Ruch der Beseligung zu geraten. Schon in seinem ersten, dem „rumäniendeutschen“ Schriftstellerleben hat er sich bei seinen beseligungsbedürftigen schwäbischen Landsleuten nach Kräften unbeliebt gemacht, ganz zu schweigen von jenen, die sich von Amts wegen um ihn zu „kümmern“ hatten.

Auch in Deutschland hat er es niemandem leicht gemacht, am wenigsten sich selbst, und seine Romane, Essays und publizistischen Einlassungen in den Dienst eines so alten wie unerfüllten Anliegens gestellt: der Aufklärung zumal über jene Gefilde, von denen her angeblich das Licht kommen soll – aber hartnäckig ausbleibt: den Osten, aber nicht nur.

„Ich befand mich mitten im Leben und dachte mir Erklärungen für den Zustand der Welt aus. Damit war viel Zeit zu verbringen, denn mit dem Zustand der Welt stand es schlecht.“ Beim Lesen in diesem Buch meint man fast, ihm widersprechen zu können, befindet er sich doch nachweislich und nachlesbar immer noch „mitten im Leben“.

Aber gerade das ist eine Falle, Richard Wagner stellt sie dem „geneigten Leser“, wie eine Krankheit (sie „ist eine Fallenstellerin“) dem Kranken eine Falle stellt: „Es kann erstaunlich schlicht zugehen, wenn auf die Unheilbarkeit eine Antwort gefunden werden soll. Die Bereitschaft, an etwas zu glauben, nimmt sichtlich zu. Aber auch die Bereitschaft, mit dem Erfolg dieses Glaubensvorgangs fest zu rechnen. Ich war plötzlich nicht bloß unheilbar krank, ich war auch unheilbar lebensfroh.“ Er, der sich nie irgendeinen Glauben erlaubt hat, verzeiht ihn sich auch jetzt nicht, aber er versucht ihn zumindest zu verstehen – und damit sich selbst. Obwohl auch das ein zweifelhaftes Beginnen ist, weil gerade beim vermeintlichen Verstehen die Falle endgültig zuschnappt: „Es ist das Bürgertum, das die Krankheiten verharmlost. Im Übermut seiner Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts glaubt es, der Verstand sei dem Menschen zwecks Verstehens gegeben und nicht etwa zum Denken.“

Spätestens hier mag man ungeduldig werden: Bürgertum, Verstehen, Denken … Wieso schreibt dieser Mensch nicht so, dass ich daraus etwas lerne über ihn und seine Krankheit? Wieso muss er noch seinen Zweifel anzweifeln? Wieso gönnt er sich keine Nachsicht um seiner Krankheit willen und mir nicht die Freude, dass ich diese Krankheit nicht habe? Dafür gibt er vor, er habe Einblick in Finsternisse, lässt mich seinem Blick folgen und dann allein mit den Chimären, die ich in diesen Finsternissen gar nicht deutlich ausmachen kann. Er schildert sie nicht, lässt sie nur gespenstisch wabern, und dann hat er auch noch die Kaltschnäuzigkeit, ein Alternativangebot zu machen: „Die Eignung der Diagnose für die ethische Erschütterung und die religiöse Ummantelung ist von Krankheit zu Krankheit verschieden. Am besten eignet sich wohl die Diagnose Krebs. Der Krebs ist der anschaulichste Eingriff in den Körper.“

Anschaulich! Voyeurismus als Quelle aller Mitmenschlichkeit sozusagen. Der Herr Parkinson bedient derlei Bedürfnisse nicht: „Ich sprach vom Tod wie vom Leben. Das ist das Beste, was man für sich tun kann, sagte ich, und Herrn Parkinsons Gesicht blieb reglos. Es war mein eigenes regloses Gesicht …“ Klug wird man daraus nicht, denn es ist wenig anschaulich, und doch dämmert die Einsicht in das Furchtbare, das bei dieser Krankheit geschieht: „Herr Parkinson verwirrt den Körper und lässt den Kopf zuschauen.“ Zuschauen, genau hinschauen allerdings kann nur der eine Kopf, der zu dem Körper, dem jedoch der Körper nicht mehr gehört. „Wenn dein Kopf schwer auf dem Körper ruht, mit seinem ganzen Gewicht, und diesen zu nichts mehr bewegen kann.“ Alle anderen, unser aller Köpfe, sind ausgeschlossen: „Gestern bin ich im Bad gestürzt. Der Kopf ist die Wirbelsäule hinabgesprungen. Ich lag für ein knappes Stündchen auf dem Kachelboden. Ich zählte die weißen Kacheln. Ich war allein.“

Auch eine (Liebes-)Beziehung, die nur sanft skizziert wird, geht deshalb zu Bruch, und zwar gerade deshalb, weil der Kopf dieses „Dus“ Teilnahme am Ich heischt, Anteilnahme inszeniert und diese „so konsequent sinnsprengende Krankheit“ unterschätzt. Aller Sinn wird gesprengt, und zwar mit einer Wucht, dass sogar die Zeitachse sich verbiegt und zurückschwingt: „Die Krankheit zerstört nicht nur das Leben des Betroffenen, sondern auch sein Vorleben. Alles wird plötzlich erklärbar …“ Die Retrospektive ist aber auch die einzig noch übrige Perspektive, denn: „Alles ist ein fernes Ufer. Alles ein unerreichbarer Horizont. Ich weiß immer noch, wo ich wohne, aber ich frage mich jetzt, wozu. Schließlich ist es ohne weitere Bedeutung. Ich weiß noch so manches, aber es nützt mir nichts. Hier komme ich nicht mehr heraus.“

Wenn etwas so weh tut, gibt es keine Wehleidigkeit mehr, nur noch Leid. Wenn dann aber einer die Kraft hat wie Richard Wagner, es so aufzuschreiben, dass man es, zumindest als Buch, gleichsam in der Hand halten kann, dann ist schon viel gewonnen mit der Erkenntnis, dass wir auf lange Sicht nichts zu verlieren haben.

Georg Aescht (KK)

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