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Ausgaben: Ausgabe 1358.

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Spiegelungen, seitenrichtig

Konrad Gündisch (Hg.): Multikulturelles Banat (I). Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Heft 2.14. IKGS-Verlag, München 2015 , 250 S., Einzelheft 12,30 Euro zzgl. Versandkosten

Die im Auftrag des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München veröffentlichte und in der Hauptsache von den Mitarbeitern des Instituts redigierte Zeitschrift „Spiegelungen“, ehemals „Südostdeutsche Vierteljahresblätter“, erscheint nunmehr in der Regel zweimal jährlich, allerdings mit größerem Umfang. Das Heft 2.14 und das im Druck befindliche Heft 1.15 sind dem multikulturellen Banat gewidmet. Band I enthält fünf historische Beiträge, zwei Essays, drei literarische Texte, zahlreiche Rezensionen und Berichte, eine Rundschau und Nachrichten aus dem Institut.

Den Auftakt des Bandes bildet eine auf den ersten Blick skurrile Geschichte über Mustafa Bego. Autor ist der junge Historiker Philippe Henri Blasen, der das Schicksal der heute am Eisernen Tor überfluteten, damals im Völkergemisch türkischen Donauinsel Ada Kaleh mit der durch den türkischen Fährmann Bego ermöglichten Flucht des ungarischen Reichsverwesers Lajos Kossuth 1849 verknüpft. Der Autor hat zahlreiche alte Ansichtskarten entdeckt, die damals den Blick in die „große weite Welt“ erlauben sollten. Manches, so Blasen, mag idealisiert sein. Den Leser führt er jedoch kurzweilig in eine im Wortsinn versunkene Welt.

Die Dozentin Anne Friedericke Delouis macht erstaunlich unterschiedliche Wahrnehmungen Siebenbürgens und des Banats im westlichen Ausland zu ihrem Thema. Sie analysiert 37 zwischen den Jahren 1803 und 1919 entstandene französische, englische und deutsche Reiseberichte. Siebenbürgen wird stärker berücksichtigt als das Banat, das damals noch beschwerlicher zu erreichen war. Nicht immer kommen die Rumänen gut weg, aber auch den Sachsen werden ihre Schwächen vorgehalten. Was den einen Reisenden als Fleiß und Sparsamkeit vorkommt, ist für andere mangelnde Sauberkeit und Geiz. Dennoch: „In nicht wenigen Einrichtungen haben diese Leute um Jahrhunderte die liberalen Ideen des heutigen Westeuropas vorweggenommen.“ Einig sind sich die westlichen Besucher im Urteil über die Landschaften: „Ich sah kein Land, welches so wie Siebenbürgen nur Schönheit wäre.“ Und zum Banat: „Hier ist üppige Fruchtbarkeit gepaart mit überraschender Schönheit.“

Mariana Hausleitner und Ulrich A. Wien, beide Historiker, führen zurück in die NS-Vergangenheit. Erstere untersucht den Einfluss des Nationalsozialismus bei den Donauschwaben im rumänischen und serbischen Banat mit zusammen etwas über 320 000 Deutschen. Besonders wichtig ist, dass sie festhält, dass ab 1943 die jungen Männer mehr oder weniger zwangsweise zur Waffen-SS eingezogen wurden, den Antisemitismus nicht unterschlägt und die Untaten der Tito-Partisanen belegt. Nicht verschwiegen wird der Einfluss einiger ehemaliger NS-Politiker nach Kriegsende in der bundesdeutschen Landsmannschaft.

Weist Mariana Hausleitner auf die Situation der katholischen Kirche, u. a. den ergebnislosen Besuch von Bischof Pacha im Jahre 1934 bei Hitler hin, so untersucht Ulrich A. Wien Maßnahmen gegen nationalsozialistische Pfarrer und Angestellte der Evangelischen Landeskirche A. B. in Rumänien 1936/37. Beispiel ist der später auf Druck der Nazis gewählte Bischof (1941–1944) Wilhelm Staedel. Detailliert berichtet Wien an Hand bisher unveröffentlichter und nun von ihm zum Teil publizierter Akten über Disziplinarverfahren und Prozess gegen den von „nationalsozialistischer Grundorientierung“ geprägten Kronstädter Stadtprediger Staedel vor dem Bezirksdisziplinargericht Kronstadt. Es ging um Staedels Auflehnung gegen das Verbot der Teilnahme kirchlichen Personals an politischen Parteikämpfen, das vom Landeskonsistorium verhängt worden war, sie wurde mit vierjähriger Amtsenthebung geahndet.

Die französische Professorin Gwenola Sebaux stellt ihre 2010/11 erarbeitete Studie vor, in der für das frühe 21. Jahrhundert Status und Rolle der deutschen Minderheit im pluriethnischen und multikulturellen Banat hinterfragt werden. Deutsche Künstler prägten ein paradiesisches Bild von dem Einwanderungsland und schufen den doppelten Mythos von einer einzigartigen Region und ihren tüchtigen deutschen Einwanderern im Herzen Europas. Sebaux berichtet von den um die Zeit der Wende von ihr angestellten Befragungen, als Sachsen und Schwaben erkannten, wie wichtig es sei, sich politisch als deutsche Minderheit aufzustellen und zu präsentieren. Von einst 232 000 Deutschen im rumänischen Banat im Jahre 1930 waren 2014 nur noch 10 000 geblieben. Folgerichtig wird der rumänische Intendant des deutschen Staatstheaters Temeswar zitiert: „Ich habe den Wandel dieses Hauses vom Minderheitentheater hin zum Theater für die gesamte rumänische Öffentlichkeit erlebt.“

Sebaux zieht das Fazit: „Trotz des Massenexodus und des vorauszusehenden Endes der collectivité historique werden sie vielfältige dauerhafte Spuren hinterlassen, nicht nur architektonische Zeugnisse, sondern vielmehr tiefere Mentalitäts- und Kultureigenschaften, die von den Co-Ethnien bewusst übernommen wurden und werden.“

Gut geschrieben ist das Portrait des Theaterdirektors, Kritikers, Journalisten und Feuilletonisten Adam Müller-Guttenbrunn von Hans Dama. In einem facettenreichen Essay beleuchtet und hinterfragt der Soziologe und Mitbegründer der rumäniendeutschen Autorengruppe „Aktionsgruppe Banat“, Anton Sterbling, den „Mythos“ dieser Kulturlandschaft, in der auch er einst Heimat hatte.

Ob man bei den Rezensionen noch Bücher aus den Jahren 2008 und 2009 berücksichtigen sollte, sei dahingestellt.

Norbert Matern (KK)

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