Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1360.

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Sine ira et cum studio

Dieter Roth: Der müde Lord. Roman. Rhein-Neckar-Zeitung, o. O. 2013, 484 S.

In Siebenbürgen war Müdigkeit ein Laster, sie musste es sein, denn man hatte ja zu tun und keine Zeit für Befindlichkeiten. Jene, die sich die Zeit nahmen, müde zu sein und erst recht etwas zu tun, sie sind es, die dieses Siebenbürgen, überhaupt die deutsche Kultur in und aus Rumänien wach hielten und halten. Namen gibt es viele, Namhaftigkeit wenig, darum freut man sich, dass einer auftaucht, der einst in diversen rumäniendeutschen Publikationen stand, aber nie hervortrat. Dieter Roth tritt nun hervor mit einem Buch, in dem sein Alter ego Christian Rosenow, der „müde Lord“, ein halbes Jahrhundert deutsche Minderheitenkultur in Rumänien Revue passieren lässt. Halten zu Gnaden, Euer Lordschaft, es ist wohl gelungen, ja wohlgelungen.

Er hat das Buch „Roman“ genannt und mit dieser Gattungsbezeichnung seine Zeitzeugenschaft im Bereich der Fiktion verortet, wenngleich er sie nicht dahin verweisen kann. Denn diese Zeitzeugenschaft ist mitnichten fiktional, sondern authentisch. Es gibt keinen anderen dermaßen erfahrungsgesättigten und zugleich klaren Text über das, was einst in Rumänien in deutscher Sprache kulturell, zumal literarisch geschah, was da „los war“ – und das war einiges. Klartext bietet der „Roman“ gleichwohl nicht an, schon die Beteiligten, zuvörderst sich selbst, hat Dieter Roth zu Dramatis Personae geadelt und erfindungsreich umbenannt, allerdings so, dass jeder, der sie zu kennen meint, sie auch zu erkennen meint. Hier, im (Wieder-)Erkennen, liegt der Reiz des Buches – und das Gegenteil, für das man im Deutschen höchstens das französische Wort Ennui hat, das man aber umschreiben kann mit Goethes „Torquato Tasso“: „So fühlt man die Absicht, und man ist verstimmt.“

Verstimmt muss man aber keineswegs sein. Roth sorgt mit seinem Panoptikum für viel Stimmung bei allen, die seine Nostalgie teilen mögen, seine Urteile nicht immer teilen, aber nachvollziehen können, die dabeigewesen sind, dabeisein wollten oder mussten wie er selbst, sich aber noch nicht zu einem dergestalt souveränen Rückblick durchgerungen haben.

Der junge Siebenbürger Christian Rosenow plongiert in der rumänischen Hauptstadt Bukarest in die kühlen, aber einstweilen leidlich frisch sprudelnden Wasser deutschsprachiger Staatsmedien, in denen sich in den ersten Nachkriegsjahrzehnten so viele tummeln, die eine Hoffnung in das junge sozialistische Gemeinwesen setzen, die jüngste Vergangenheit für – zumindest publizistisch – überwindbar und die Gegenwart für gestaltbar halten. In der Redaktion der deutschen Tageszeitung „Neues Land“ treffen Apparatschiks und junge Freidenker aufeinander, Opportunismus, politische Propaganda und literarische Ambitionen kohabitieren, ideologische Verbohrtheit und literarische Kreativität, Misstrauen und Freundschaft schaffen ein spannungsreiches, oft gewitterschwangeres Mikroklima, in dem selbst exotische Triebe auf nahezu wundersame Weise gedeihen. Es ist ein Ort und eine Zeit, wo zumindest noch nichts unmöglich erscheint.

Zumeist sind sie mit einer gewissen Tracht an Bildung, aber auch an Verlusterfahrungen und Traumata aus dem Banat und aus Siebenbürgen, aus der Bukowina oder gar dem westlichen Europa gekommen oder hierher verschlagen worden. Mit essayistischem Schwung skizziert Roth eine Parallele zwischen dem noch nicht kommunistisch gefrosteten, sondern schillernd vielgestaltigen Bukarest und dem berühmten filmischen Inbild der zeitgeschichtlichen Unwägbarkeit: Casablanca. Schon die hintergründige Geschichte von der Beschaffung eines elektrischen Heizgerätes für eine zugige Studentenbude, bei der siebenbürgische Beziehungen in die walachische Kapitale zum Tragen kommen, oder das andächtige Staunen des jungen sächsischen Intellektuellen über die „anheimelnd fremde“ orthodoxe Osternacht sind kleine epische Illuminationen, die den Blick weiten für kulturelle Zusammenhänge und Brüche, wie sie in keinem Geschichtsbuch stehen.

Dieter Roth zündet in seinem Geschichtenbuch manch Lichtlein an, ein Feuerwerk aber gestattet er sich nicht. Ein immer wieder anklingendes solides Misstrauen gegenüber der eigenen Gestaltungskraft gebietet ihm offenbar eine Zurückhaltung, die er ein Intellektuellenleben lang geübt hat und in diesem seinem Chef d’œuvre – halten zu Gnaden – erst recht walten lässt. Solch noble Abstinenz mag der Leser bedauern, vielleicht hätte manch einer gern des Romanhaften mehr und des Anekdotischen weniger gehabt, trösten kann er sich allerdings mit der Redlichkeit eines Autors, der ein Leben in und mit der Literatur geführt und gelernt hat, dass sie stets verblasst im Angesicht der Wirklichkeit. Entsprechend resolut umreißt er den Kreis seiner Freunde und Gewährsleute. Den einen unter den wenigen, dem er die höchste intellektuelle Autorität zuschreibt, benennt er mit Nachnamen „Kärrner“. Als einen solchen kann er sich mit Fug und Recht selbst bezeichnen, hat er sich doch vor den Karren eines Buchvorhabens gespannt und es durchgezogen bei aller Gewissheit, dass wenige unter denen, die er mitfahren lässt, es ihm danken werden.

Deutsche Literatur in und aus Rumänien hat ihr Selbstbewusstsein stets auch aus dem Bewusstsein eigener Unzulänglichkeit bezogen – und es sind ihre besten Seiten, die mit entsprechend zager Hand geschrieben wurden. In der Enge des Raums wurde es leicht stickig, wenngleich die Menge der Insassen stets überschaubar war, und so war ein jedes von ihnen kaum jemals sich selbst genug, diese Literatur lebte und lebt in nicht geringem Maße auch davon, dass man übereinander und gegeneinander redet und schreibt.

Dieter Roth tut es mit einem Lächeln, das die „stiff upper lipp“ seiner Lordschaft meist wohltuend erweicht. Contenance ist allerdings eine schwere Disziplin. Wenn er die sprachlichen Eigenheiten und Eigenwilligkeiten einer mittlerweile nicht mehr ganz „Beteiligten“ seminaristisch bis beckmesserisch zerhackt und ihre metaphorisch kreative, manchmal extravagant anmutende Originalität über Buchseiten hin als Offenbarungseid der Unbedarftheit und des Unvermögens zu denunzieren sich bemüht, darf man ihm schon mal das Gehör verweigern. Geschmack und Stilempfinden sind zum Gutteil Ermessenssache, und der Missklang von Invektiven wie „Denunziationsdrang“ und „Geistesgestörtheit“, die tief unter das Literarische greifen, sind eines „Lords“ nicht würdig, und sei er noch so „müde“.

Er wird, so wünscht man sich und ihm, noch manches lesen, was ihn eines Differenzierteren belehrt. Den ersten Roman dieses klugen Menschen wünscht man sich umso sehnlicher.

Georg Aescht (KK)

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