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Ausgaben: Ausgabe 1360.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Denken und Nach-Denken

Arno Herzig: Geschichte Schlesiens. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 2015, 128 S., 8,95 Euro

Arno Herzig ist in den letzten Jahren mit zahlreichen Darstellungen zur schlesischen Geschichte hervorgetreten. Das ist wichtig, zumal seine Publikationen in verschiedenen Verlagen ein breiteres deutsches Publikum erreichen können. Nun hat er in der Reihe C. H. Beck Wissen einen Überblick oder, sagen wir, Einblick in die schlesische Geschichte vorgelegt.

In der Kürze liegt die Würze. Das stimmt, und angesichts der Komplexität auch der schlesischen Geschichte ist Lob für das Wagnis angebracht, diese überhaupt kurz darzustellen und sich der Gefahr weniger der Auslassung als der Vereinfachung auszusetzen. In seiner insofern mutigen Überblicksdarstellung hat Arno Herzig hier und da doch Punkte der Exemplifizierung wegen herausgegriffen, die entweder kürzer oder länger hätten behandelt werden sollen. Das alles liegt natürlich in der Entscheidung eines Autors – und ist nicht zu kritisieren.

Einige Anmerkungen zum Kapitel über das 20. Jahrhunderts aber sind fällig, denn hier zeigen sich die Risiken der Verknappung, die auf entstellende Vereinfachung hinausläuft.

Abkürzungen sollten aufgelöst werden, zumal die von heute wenig bekannten Parteien der Weimarer Republik. Welcher der drei Oskars ist falsch? Nur so kann nun die Wissensfrage heißen, wenn bei der Breslauer Kunstakademie drei namhafte Künstler, Moll, Mueller und Schlemmer mit gleichem Vornamen genannt werden. Das richtige Ergebnis erzielt, wer den Maler Otto Mueller kennt. Etwas davor ist von wichtigen zeitgenössischen schlesischen Autoren die Rede, einen Hermann Müller-Neiße aber hat es nicht gegeben. Gemeint ist Max Herrmann-Neisse.

So neu wie unzutreffend ist die Behauptung, dass die Waffen-SS den fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz in der Nacht zum 1. September 1939 verübt hätte. Die Formationsgeschichte der SS kann man im Zusammenhang mit dieser Aktion entweder außer Acht lassen, oder man differenziert und benennt den Inlandsgeheimdienst (SD) der SS, somit die Zuständigkeit von Reinhard Heydrich.

Verwechselt werden die Treuhandstelle Ost und die Reichswerke Hermann Göring. Dass auch dieser Konzern bzw. seine Unternehmen es auf die ostoberschlesischen Produktionsstätten und deren wehrwirtschaftliche Nutzbarmachung ab Winter 1939 abgesehen hatten, gehört zu einem komplizierten Prozess um Investitionsentscheidungen und Besitzrechten, der in zwei Sätzen kaum annähernd zu beschreiben ist. Die zur Verteilung eingesetzte staatliche Treuhandorganisation ist jedoch kein Teil eines Wirtschaftsunternehmens gewesen, trotz der Interessensüberschneidungen und Ämterhäufung von Parteifunktionären. Ob in diesem Zusammenhang die Rolle des SS-Führers Udo von Woyrsch in Rivalität zu Gauleiter Helmuth Brückner überbewertet wird, steht hinter der Frage zurück, ob dem Leser mit einer derartigen Überblicksdarstellung mit kurz aufscheinenden Namen ohne Hintergrund überhaupt gedient ist.

Breslaus Sportstadien mögen unter keinem guten Stern stehen, wobei das neue von 2012 eben als Baumasse viel größer ist als jenes, das Herzig – und darauf alleine kommt es hier an – als „nationalsozialistische Monumentalarchitektur“ ansieht. Die Konzeption durch den in der Breslauer Stadtbauverwaltung tätigen Architekten Richard Konwiarz und die nicht näher datierte Ausführung (1926 bis 1928, also weit vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten) verbieten an sich eine derartige Pauschalaussage.

Herzigs Darstellung liest sich mit Gewinn, zumal eben der Umfang so bemessen ist, dass sich auch Unkundige die Lektüre zutrauen werden. Sie verhilft zu einem gesicherten Wissenstand, der hier und da zu eigenen Vertiefungen anregen wird. Wenn also viele Bereiche angeschnitten werden, wo auch der Rezensent einhakt, dann ist das nur richtig für den Dialog über Schlesien, der gerade im Wissen der Neuzeit noch der Forschung und des interdisziplinären Diskurses bedarf.

Stephan Kaiser (KK)

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