Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1337.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Eine Familie von Frauen steht ihren Mann

Dietlinde Rüther: Das Leben ist schwer, das Leben ist schön. Erinnerungen. Karin-Fischer- Verlag, Aachen 2012, 660 Seiten, 24,80 Euro

Ein Buch über das eigene Leben zu schreiben – Dietlinde Rüther hat diesen Gedanken realisiert. Sie schildert sehr ausführlich das Leben der 1933 in Stolp in Pommern, im heutigen Polen, geborenen Lehrerin und Pfarrersfrau, die nach der Flucht aus ihrer geliebten Heimatstadt in der späteren DDR lebte. Mit der innigen Beziehung zu Stolp beginnt das Buch, und sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Erinnerungen, von der friedlichen Zeit, von Krieg und Flucht, von unschönen Erlebnissen nach dem Krieg bis zu den fast freundschaftlichen Kontakten nach Stolp.

Abenteuerlich war die Flucht der Familie aus Stolp nach dem Tod des Vaters an der Front. Da die Mutter der Autorin bereits zur damaligen Zeit einen Führerschein besaß, fuhr sie das Auto eines mit der Familie bekannten Stadtbauarchitekten, der seine Familie ebenfalls in Sicherheit bringen wollte. Die Autofahrt gelang, wenn auch mit vielen Hindernissen. Als man die pommersche Grenze überschritten hatte, ging es im Zug weiter. Dass man als Flüchtling nicht gern gesehen war, musste man am eigenen Leib erfahren. Im Mai 1945 kamen die amerikanischen Panzer, drei Monate später regelten die Alliierten den Grenzverlauf neu, die Autorin lebte jetzt im Bereich, in dem die Russen das Sagen hatten. Im Januar 1946 kam dann die Großmutter der Autorin, sie war bei Nacht und Nebel aus Pommern geflohen und erzählte, dass die russischen Besatzer längst durch polnische ersetzt worden waren, die die Deutschen hassten.

Die Autorin lebte mit Schwester, Mutter und Großmutter in einem einzigen Zimmer, das Geld wurde knapp, Arbeitsmöglichkeiten waren rar, die Mutter hatte, wie damals durchaus üblich, als „Tochter aus gutem Hause“ keinen Beruf erlernt. So bewarben sich die Stolp-Flüchtlinge um eine kleine Bauernwirtschaft und erhielten ein Stück Hof und eine kleine Wohnung auf einem ehemaligen Großbauernhof. Jetzt gehörten ein Pferd, ein Ferkel, eine Kuh und ein Huhn zur Familie. Auffallend, dass die Mutter im recht schicken Kleid auf dem Acker rackerte, aber schließlich waren weder Sackschürze noch Gummistiefel im Fluchtgepäck aus Stolp gewesen. Die Arbeit war hart, aber nicht erfolglos. Auch die Arbeit der jungen Schülerin Dietlinde war gefragt, morgens Schule, mittags Feldarbeit. Die weibliche Familie hielt stets fest zusammen und die Autorin schildert ihre Mutter als eine Frau, die stets Wege und Auswege fand, wenn sie feste Ziele im Auge hatte. So fand sich auch ein Gymnasiumsplatz im stark zerstörten Halle, und Dietlinde Rüther lernte die Besonderheiten der neu gegründeten Deutschen Demokratischen Republik kennen, als es beispielsweise im Deutschunterricht weniger um Goethe und Schiller als um Marxismus und Leninismus ging. Solche Widersprüche zogen sich durch das Leben der Autorin als Studentin, Ehefrau, Lehrerin und Mutter.

Mit ihrer Heimatstadt Stolp fühlte sie sich zeitlebens eng verbunden. Sobald es möglich war, reiste sie mit ihrem Ehemann nach Polen, im früheren Elternhaus schlug man ihr aber anfangs im wahrsten Sinne des Wortes die Türe vor der Nase zu. Trotzdem war Stolp regelmäßiges Ziel, schließlich wurde man von den wohl neuen Besitzern des elterlichen Hauses gastfreundlich aufgenommen und es entstand eine faire Freundschaft.

Franz Anton Bankuti (KK)

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