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Ausgaben: Ausgabe 1360.

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Diener Gottes auf „schwierigem Handlungsfeld“

Thomas Scharf-Wrede (Hg.): Adolf Kardinal Bertram (1859–1945). Leben und Wirken. Verlag Schnell u. Steiner, Regensburg 2015, 239 S., 29,95 Euro

Eine umfassende wissenschaftliche Biographie des Bischofs von Hildesheim (in den Jahren 1906 bis 1914), Fürstbischofs von Breslau (1914 bis 1945) und seit 1920 Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz Adolf Kardinal Bertram fehlt bis heute.

Der von Thomas Scharf-Wrede, dem Direktor des Hildesheimer Bistumsarchivs, herausgegebene Band beruht auf wissenschaftlichen Tagungen, die im Jahre 2009 in Hildesheim und Breslau mit Unterstützung des Instituts für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte stattfanden. Unter den 15 Beiträgen befinden sich zwei in Polnisch mit deutscher Zusammenfassung. Andere befassen sich u. a. mit Bertrams Wirken in Hildesheim, der Eigenverantwortlichkeit der Laien, Kirchenbauten, seinem wegen der Oberschlesienfrage nicht immer einfachen Verhältnis zu Achille Ratti, dem Nuntius in Warschau und späteren Papst Pius XI., und zu Eugenio Pacelli, später Pius XII., mit dem er wegen der Konkordatsverhandlungen im Dissens war. Wichtig ist der Beitrag über die seelsorgliche Betreuung polnischsprachiger Katholiken, ein Problem, das Bertram schon in Hildesheim und noch mehr in Breslau beschäftigte. Im Bistum Hildesheim gab es damals einschließlich der Saisonarbeiter fast 50 000 Polen.

Hans-Jürgen Karp, jahrzehntelang Vorsitzender des Historischen Vereins Ermland, weist darauf hin, dass die Bischöfe Bertram und Kaller im Ermland von möglichst vielen Priestern wenigstens grundlegende Polnischkenntnisse erwarteten und jegliche nationalpolitische Aktivität untersagten. Unter Berufung auf das Konkordat vertraten sie gegen das NS-Regime – spätestens seit 1939 vergeblich – das Recht auf die Muttersprache bei der Betreuung der polnischen Minderheit in Gottesdienst, Beichte und Religionsunterricht und ein entsprechendes Vereinsleben.

Kaller weigerte sich drei Jahre lang, eine polnische Inschrift von einem Missionskreuz vor der Jacobikirche in Allenstein zu entfernen. Am 15. August 1939 sah sich Kaller gezwungen, von polnischen Predigten und Liedern im Gottesdienst Abstand zu nehmen. In seinem Amtsblatt allerdings veröffentlichte er die Anweisung nicht. Ähnlich war es im Erzbistum Breslau. Umgekehrt verlangten im Bistum Kattowitz mit etwa 18 Prozent deutschsprachigen Katholiken polnische Organisationen, man solle auf deutschsprachige Elemente in den Gottesdiensten verzichten.

Die Frage, ob Bertram immer das Richtige getan hat, bezieht sich vorwiegend auf seine Haltung gegenüber dem NS-Regime und kann im Nachhinein nicht schlüssig beantwortet werden. Professor Joachim Kuropka (Vechta) geht es um die kirchenpolitische Konzeption des Kardinals im zunächst weltweit größten Bistum Breslau mit einem „schwierigen Handlungsfeld“, zum Teil verfeindeten Nationalitäten wie Deutschen, Polen und Tschechen, ständigen Eingriffen der NS-Behörden vor allem in der Diözese Kattowitz.

Auch bei der Auswertung römischer Akten versucht Kuropka dem Kardinal und Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz gerecht zu werden, der eine Eingabenpolitik verfolgte und die direkte Begegnung mit Hitler scheute. Genannt werden die erfolglosen Besuche anderer Bischöfe. Nicht erwähnt wird, dass Bertram vielleicht wegen seines kleinen Sprachfehlers die direkte Konfrontation mit dem Diktator scheute und wohl auch erfahren hatte, dass der bayerische Landesbischof Meiser von Hitler zusammengebrüllt worden war.

Diesem nicht nur für die Kirchengeschichte bedeutsamen Buch fehlt eine Zeittafel und eine Karte von Schlesien und Ostpreußen für nicht mehr so kundige Leser. Mit Hilfe des PC wäre ein Personenregister schnell realisierbar gewesen. Das Autorenverzeichnis hätte ausführlicher sein können.

Norbert Matern (KK)

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