Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1337.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Tüchtigkeit als Motor der Integration

Ulrich Müller (Hg.): Verlorene Heimat – gewonnene Heimat. Die Vertriebenen in Schwäbisch Gmünd und im Ostalbkreis. Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Gmünd 2012, 280 S., 15 Euro

Dieses Buch verfolgt einen regionalen Ansatz, verdient aber überregionale Beachtung. Denn die rund 30 Kapitel des von Dr. Ulrich Müller verantworteten und 2012 vom örtlichen Stadtarchiv herausgegebenen Sammelbandes sind gut und abwechslungsreich geschrieben und hochprofessionell aufgemacht. So verlangt dieses Werk geradezu nach Nachahmung an anderen Orten, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg Vertriebene und Flüchtlinge in größerer Zahl ein neues Zuhause gefunden haben.

In Schwäbisch Gmünd und Umgebung kam der mit zahllosen traurigen Schicksalen verbundene Zuzug aus dem Osten im Wesentlichen aus dem mährischen Brünn, dem böhmischen Gablonz, aber auch aus der Slowakei, Niederschlesien und Siebenbürgen. Die Einwohnerzahl der vom Bombenkrieg verschonten Stadt wie auch die des Ostalbkreises erhöhte sich durch den Flüchtlingszustrom dramatisch, nämlich um über ein Drittel.

Dennoch liefern der pensionierte Lehrer Ulrich Müller und seine zwölf Koautoren keineswegs einen bloß melancholisch stimmenden Rückblick oder gar einen Abgesang auf verlorene Siedlungstraditionen, sondern regen zu einer von Geschichtsbewusstsein geleiteten gegenwarts- und zukunftsorientierten Identitätsbildung an. Der reich bebilderte Band geht auf vielfältige Hintergründe ein: auf die bis heute fortwirkenden böhmisch-schwäbischen Beziehungen zur Zeit Kaiser Karls IV. und auf dessen aus Schwäbisch Gmünd stammenden Baumeister Peter Parler ebenso wie auf allgemeine historische Hintergründe der Vertreibung oder auf aus der Vorkriegszeit datierende wirtschaftliche Verbindungen in die „Weltmetropole“ des Modeschmucks, Gablonz. Großen Raum nehmen die Schwierigkeiten im Integrationsprozess nach 1945 ein sowie das Entstehen neuer Siedlungen und Gewerbezweige wie der Glas- und Schmuckindustrie.

Über diesen dank einer Reihe von Sponsoren sehr preiswerten Erinnerungsband hinaus sollen eine Arbeitsgemeinschaft Heimat und Kultur der Vertriebenen aus dem Osten sowie ein Archiv Osten mit bisher über 3000 Dokumenten, Zeitschriften und Büchern, wie es im Geleitwort des Buches heißt, das „historisch-kulturelle Erbe der Vertriebenen für die Identität der Stadt fruchtbar“ machen. Bereits 2011 wurde ein ebenfalls ausgezeichnet gemachter kleiner Stadtführer mit dem Titel „Heimatvertriebene in Schwäbisch Gmünd“ herausgegeben, der bereits zahlreichen Einheimischen, darunter nicht zuletzt vielen Schülern, eine Begegnung der anderen Art mit ihrer Stadt ermöglichte und weiter ermöglicht. Auch diese im Stadtarchiv kostenlos erhältliche Broschüre hat Vorbildcharakter.

Martin Schmidt (KK)

«

»