Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1363.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Im „schmalen Licht der Föhre“

Hanna Spiegel: Die Düne wandert. Facetten aus dem Leben und Werk der pommerschen Dichterin Gerda von Below. Elmenhorst 2015, 160 S. (Edition Pommern)

Der heute fast vergessenen Lyrikerin Gerda von Below widmet Hanna Spiegel eine detailreiche und oft persönlich geprägte Biographie. Gerda von Below wurde am 9. November 1894 in Saleske/ Zaleskie, einem kleinen Ort nahe der Ostsee im Kreis Stolp/Slupsk, geboren. Sie starb 1975 in Darmstadt.
Die Biographie Hanna Spiegels hebt ein Stück deutscher Kulturgeschichte ins Bewusstsein; die Mutter Gerda von Belows war Anna von Herder, eine Urenkelin des berühmten Kulturgeschichtsphilosophen Johann Gottfried von Herder (geboren 1744 in Mohrungen, Ostpreußen, gestorben 1803 in Weimar). Herder lebte seit 1776 in Weimar. Er war mit Goethe freundschaftlich verbunden. Seine Urenkelin Anna (Aennie) von Herder trug etwas von diesem Ort besonderer kultureller Ausstrahlung durch ihre künstlerischen Neigungen, ihr lnteresse an allem Geistigen, ihr elegantes Auftreten und ihre persönlichen Verbindungen in das ländliche Gutshaus in Saleske. Denn dass die Familie von Below, zu der sie nun gehörte, sich der Verbindung zum berühmten Vorfahren bewusst war, geht schon daraus hervor, dass der Ehemann Walter von Below eine erhalten gebliebene, von Hanna Spiegel zitierte Postkarte an seine Frau adressierte mit: „Frau Aennie v. Below, geb. v. Herder“. Zu den Feierlichkeiten anlässlich Herders 150. Todestages im Jahr 1953 wurden denn auch mehrere Familienangehörige eingeladen – unter ihnen auch Gerda von Below, die einen Vortrag über die Familiengeschichte hielt und diesen mit einem Gedicht beschloss, das die Zusammengehörigkeit von Nationen und Völkern hervorhebt, ganz im Sinne Herders.

Diese Erinnerung an die verwandtschaftliche Verbundenheit Gerda von Belows mit Herder kann sicher nicht dem Nachweis vererbter dichterischer Begabung dienen, aber es fällt doch auf, dass Gerda von Below in ihren Dichtungen über den Rahmen von Beschreibungen und Verherrlichungen z. B. der geliebten Heimat hinaus stets die Verbindung des lrdischen mit dem Überirdischen herausstellte. Ebenso fällt auf, dass die Dichterin ein reges lnteresse an sozialen Strömungen zeigte und daran durch Mitwirkung in Vereinen und Verbänden Anteil nahm. So trat sie z. B. den Rosenkreuzern bei und nahm diese Mitgliedschaft sehr ernst. All dieses erinnert an Herders weitverzweigte philosophische, künstlerische und soziale Tätigkeit.

Gerda von Belows Eintritt in die Welt des kulturellen Lebens begann 1909, als sie – zunächst in Begleitung ihrer Mutter – die geliebte pommersche Heimat verließ und in Weimar eine Ausbildung an einem Lyzeum begann. 1911 nahm sie in Berlin ein Musikstudium auf, und hier heiratete sie 1919 den Freiherrn Albrecht Treusch von Buttlar-Brandenfels.

Damit wurde Berlin der neue Mittelpunkt ihres Lebens. Hier begann ihr Aufstieg zu einer der bekanntesten deutschen Dichterinnen in der schwierigen Endzeit der Weimarer Republik und zu Beginn des Nationalsozialismus in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Gerda von Below stand wie so viele Menschen den nationalsozialistischen ldeen zunächst nicht ablehnend gegenüber und feierte die Führungsbegabung Hitlers in Gedichten – vielleicht auch aus dem Glauben an eine wiedererstehende Gloriole des verlorenen Kaisertums. Doch trat sie entgegen ihrer sonst mehrfach bezeugten Neigung, sich Vereinigungen anzuschließen, nicht der NSDAP bei. Vielmehr wurde sie 1937 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Das bedeutete Berufsverbot und das Ende ihrer Präsenz im literarischen Leben. lhr blieben nur Auftritte in privaten Zirkeln. Eine Ausnahme bildete lediglich das Erscheinen des Erzählbandes ,,Heimat des Bluts“, der fünf Auflagen erfuhr.

Die Biographie Hanna Spiegels verdeutlicht die Themenvielfalt der Dichtungen Gerda von Belows. Es entsprang ihrem Interesse an philosophischen Betrachtungen, aber auch an Sterndeutung, Mystik, Seelenwanderung, am Tod und am Eingang in das Sein nach dem irdischen Leben. Als besonderes Kennzeichen ihrer Dichtung kann die Verherrlichung von irdischer Schönheit in Verbindung mit dem ewigen Leben gelten. Dafür ist das Gedicht ein Zeugnis, dessen Anfangszeile Hanna Spiegel zum Titel ihres Buches macht. Daraus sollen einige Verse zitiert werden. Es ist zugleich eine Hommage Gerda von Belows an ihre pommersche Heimat und an die überwältigende Schönheit des Salesker Strandgebietes mit der Hoheit der Wanderdüne. Das Gedicht steht unter der Überschrift „Das Tal des Todes“:

Die Düne wandert, du gewahrst es nicht.
Du bist das Tal und trinkst von ihrem Licht.
Du wiederholst im schmalen Licht der Föhre
lhr hohes Schweigen, das sie schützend baut …
Und endlich stehst du ganz in ihrem Kleid:
Und bist die stumme, weiße Ewigkeit …

Roswitha Wisniewski (KK)

«

»