Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1337.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Wie zur Mahnung, dass man an Literatur glauben soll

Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina. Zusammengestellt von Alfred Margul-Sperber. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS Verlag, München 2009. 469 S.

Kämen einen Zeifel an und er begänne zu wanken in seiner Gewissheit, dass Kultur, Literatur, Poesie überhaupt den Sinn ausmachten, den man allenthalben vermisst: Hier ist ein Buch, das derlei Fragen mit jeder Seite, jeder Zeile dermaßen dezidiert beantwortet, dass Jener sich nachgerade schämen müsste, jemals auch nur dem Hauch eines Zweifels stattgegeben zu haben. „Die Buche“ ist ein spätes, aber wuchtiges Konvolut aus mehreren Konvoluten, es ist ein Buch aus gleich mehreren Manuskripten, es ist eine Anthologie aus mehreren Anthologieentwürfen, es ist der gedruckte Beweis, dass man an Literatur glauben kann, ja muss. Und wenn man dieses Buch liest, glaubt man sogar daran, dass der Glaube hilft.

Nun ist der Begriff Bukowina längst zum Resonanzraum eines sich feinsinnig gebärdenden und ums Gemütvolle eher denn ums Gedankenvolle bemühten feuilletonistischen Diskurses gediehen. Es ist also kein Begriff mehr, sondern „Kult“, und der hat mit Begreifen nichts zu tun. Wer Rose Ausländer sagt oder Paul Celan, der meint zu wissen, was er meint, wissen über die beiden muss er nichts. Kult halt, macht sich in jeder Jubiläumsrede gut und dekoriert jeweils den, der’s zitiert.

Aber die Bukowina und diese Dichter hat es wirklich gegeben, und nicht nur die beiden mit den fast schon posaunenhaften Namen, sondern auch viele andere, einen „Sonderchor deutscher Dichtung“, wie dessen Dirigent und Übervater Alfred Margul-Sperber, laut Moses Rosenkranz „der gute Riese“, sein Ensemble nannte. Dieser gute Riese war nicht nur einer des Dichtens (ein nachgerade seherischer Text heißt „Der krumme Baum. Meinem Volk“), sondern auch einer des Denkens über die Tribulationen der Zeitläufte hinweg, ein Mann, unterwegs zwischen Czernowitz und Amerika, zwischen der weiten Welt und dem kommunistisch sich verengenden Rumänien, stets getrieben von dem Gedanken, ja der Gewissheit, dass dort, wo keine Heimat mehr war, dort am nunmehr sowjetischen Prut deutsche Dichtung daheim gewesen war, die nun ins Buch musste.

Mehrere Anläufe hat er genommen zu dieser „Buche“, hat mit Hilfe von Freunden wie Alfred Kittner zusammengetragen, was in jenem Buchenland in eine „Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina“ gehörte. Das Ergebnis ist mehr denn überwältigend. Dazu denken muss man die Umstände, und dabei kommt man sich des Öfteren vor, als beobachtete man Traumtänzer, aufs Schönste bewegt – und aufs Hoffnungsloseste. Den Juden, auch in der Bukowina, hätte nach heutigem menschlichen Ermessen bald nach dem Ersten Weltkrieg klar werden müssen, dass gerade die Deutschen, deren Kultur und Sprache sie als die eigenen pflegten, ihnen nicht nur diese Teilhabe streitig machen wollten, sondern ihnen nach dem Leben trachteten.

Woher dann der Wille, an dieser Kultur festzuhalten, woher die Kraft, deutsche Verse zu schreiben wider schlechteres Wissen? Es wird dieses Wissen dort in der Bukowina nicht gegeben haben, sondern, das zeigt, das bezeugt dieses Buch, einen Glauben daran, dass deutsche Art und Kunst, anständiges Denken und inständiges Dichten in dieser Sprache Werte sind, denen keine Zeitläufte, keine ideologischen Verwerfungen in einem gebeutelten Zeitalter etwas anhaben können. Es gibt Irrtümer, die den Irrenden ehren.

Schönheit der mal sentimental anmutigen, dann aber auch der expressionistisch schroffen Art ergießt sich aus dieser Sammlung von Gedichten, es wäre des Zitierens kein Ende, wenn wir das illustrieren wollten. Natur ist präsent in diesen deutschen Gedichten wie seither nie wieder, man meint Paul Celan – der im zweiten Konvolut dabei ist – des öfteren präfigurtiert zu finden, die Metaphern wehen dahin wie Wolkengebilde, lyrische Exklamationen vermitteln Leidenschaft, klingen aber nie grell oder hysterisch – es sind Gedichte, wie sie sich die Lyrikleser nicht nur einer, sondern gleich mehrerer Generationen wünschen. Hinzu kommt eine Hinwendung zum Kunsthandwerklichen in Rhythmus und Reim, eine geradezu rührende Sorgfalt in der Sprachwahl und Versschmiedekunst, insgesamt eine Kunstgläubigkeit und ein Kunstsinn, die den Leser erfreuen und traurig machen – weil er sie sonst kaum mehr findet.

So ist „Die Buche“ ein Zeugnis großen Gestaltungswillens, der sich aufbäumt in einer Zeit der Zerstörung. Dies ist keine Lyrikanthologie, es ist ein Buch der lyrischen Möglichkeiten im Angesicht der Vernichtung, das wir, die wir jene Schrecken hinter uns wissen, als Dokument existenzieller Größe zu lesen haben.

Peter Motzan hat einen bio-bibliographischen Apparat erarbeitet, in dem „Größe“ positivistisch vermessen wird und aller feuilletongängigen Mystifizierung und Legendenbildung literarhistorische Fakten entgegengehalten werden. Neben dem vielen, das man hier über allgemein kulturaffine und poesiebewegte Lebensläufe deutschjüdischer Dichter in jenem so europäischen „Halb-Asien“ lernen kann, neben all den akribisch verzeichneten Daten, Fakten und Titeln kann, wer will, in diesem Anhang lernen, dass Literatur keiner Beweihräucherung bedarf, wie sie so oft gepflegt wird, sondern dass ihr mit Genauigkeit der Grundinformation am ehesten gedient ist.

Mögen wir noch so empathisch auf die Regungen der Poesie reagieren, es ist klüger, wir tun es mit dem Wissen von dem Leben, dem sie abgerungen, ja abgetrotzt worden ist. Insofern ist dieses publizistische Großprojekt auch eine Schule des Lesens. Poesie geschieht nicht jenseits, sondern diesseits des Lebens – und des Todes.

Georg Aescht (KK)

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