Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1364.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Orientiert am (Un-)Wissensstand

Joachim Bahlcke, Dan Gawrecki und Ryszard Kaczmarek (Hrsg.): Geschichte Oberschlesiens. Politik, Wirtschaft und Kultur von den Anfängen bis zur Gegenwart. De Gruyter Oldenbourg, München 2015, 723 S., 306 Abb. (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa; 61)

Das Warten hat sich gelohnt. So mag die lange unerfüllte Hoffnung auf eine sachkundige Regionalgeschichte für diesen wichtigen Teil Schlesiens zusammenzufassen sein. Blickt man zurück, gab es den ambitionierten Versuch zu dessen Gesamtgeschichte durch die Historische Kommission für Schlesien: Band 1 erschien bereits 1938 (durchgesehene Neuauflagen bis 1988), nach vielen Wirren folgten Band 2 für die habsburgische Zeit 1973 und Band 3 für die preußische Epoche nach noch mehr Problemen 1999. Drei übersichtliche Zusammenfassungen bieten die Bände zu Schlesien in der Reihe „Deutsche Geschichte im Osten Europas“ (Conrads, 1994), der Historischen Landeskunde der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen (Band 4: Irgang, Bein, Neubach 1995) und der Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat (Band 7: Bahlcke 1996).

Noch weiter zurückzublicken ergibt keinen Sinn, denn noch ältere Darstellungen führen weder methodisch noch zeitlich zu heute erkenntnisleitenden Gesichtspunkten. Freilich wäre die Sicht polnischer und tschechischer Autoren auf die Region hilfreich, doch sind diese einem breiteren deutschsprachigen Publikum kaum zugänglich. Darum hat sich das Warten gelohnt, und der Erwerb und die Lektüre des hier genannten Bandes zahlen sich aus.

Die neue Regionalgeschichte der ehemals preußischen und österreichischen Landesteile Schlesiens erschien bereits 2011 in polnischer Sprache. Obgleich insbesondere bundesdeutsche und polnische Wissenschaftler die Kapitel abwechselnd oder gemeinsam, jedenfalls in enger Verschränkung, erstellten, ist das Werk weitgehend aus einem Guss. Die Herausgeber sind sachkundige Historiker, die gegenwärtig an den Universitäten Kattowitz, Stuttgart und Troppau lehren. Die Gliederung in einen Einstieg zu „Raum und Menschen“, gefolgt von der politischen Geschichte und kursorischen, separaten Überblicken zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte bietet dem Leser genügend Möglichkeiten, sich in Ruhe Teilaspekten zu widmen.

Gegenüber den älteren Darstellungen ist die konsequente Fortsetzung bis zu heutigen Befunden hervorzuheben. Im letzten Hauptteil „Historische Kontroversen“ wird ein neuer und sicherlich für viele Leser anspruchsvoller Ansatz gewählt: Da werden die immer wieder für die Landesentwicklung herausgestellte deutschrechtliche Siedlung des hohen Mittelalters sowie „Germanisierung und großpolnische Agitation im 19. Jahrhundert“ in je einem Beitrag aus deutscher und polnischer Perspektive, also von einem deutschen und einem polnischen Wissenschaftler beschrieben. Auch der hierzulande für viele gar nicht so eklatant hervorgetretene Grenzstreit um das Teschener Schlesien nach dem Ersten Weltkrieg wird aus polnischer und tschechischer Sicht betrachtet. In den Abschnitten „Germanen und Slawen in Oberschlesien“ und – etwas willkürlicher ausgewählt – „Der Sankt Annaberg“ (eher hätte man sich auf das Plebiszit oder die Abstimmungszeit beziehen können) sowie zu den Begriffen „Flucht, Vertreibung, Umsiedlung“ wird die Kontroverse von einem binationalen Autorenpaar behandelt. Die abschließende Betrachtung „Wer ist Oberschlesier? Verschiedene Antworten auf eine komplizierte Frage“ gemahnt eher an das offene Resultat einer Podiumsdiskussion und hätte nicht unbedingt einer solchen Gesamtbetrachtung beigegeben werden müssen.

Es entspricht jedoch der Orientierung am (Un-)Wissensstand der heutigen Gesellschaft, über die Faktengeschichte (oder was wir heute an Fakten geschichtlich zu fassen vermögen) hinaus einen erweiterten Ansatz zu suchen. Das in jedem und allem viel wissenswert Neues steckt, das ist vom Umfang her selbstverständlich. Schwieriger zu entscheiden oder zu bewerten ist, was beispielsweise Aufzählungen von Namen polnischer Untergrundaktivisten während des Zweiten Weltkrieges oder deren vage Vorstellung bewirken. Den Konflikt zwischen Breite und Tiefe muss jeder Autor für sich austragen – und jeder Leser findet anderes wichtig. Das umfangreiche Literaturverzeichnis, passend zu der Beitragsstruktur gegliedert, ist erfreulicherweise bis 2014 fortgeführt. Es kann kraft deutscher Übersetzung der Haupttitel mit einer Fülle dem deutschen Leser bisher wohl kaum bekannter polnischer Spezialliteratur aufwarten, die freilich hierzulande kaum verfügbar ist. Sofern jedoch die polnischen Autoren sie kennen, ist der Ertrag dieser Forschung im neuen Band zu vermuten bzw. vereint. Es hängt an der polnischsprachigen Erstausgabe beim Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Oppeln und Gleiwitz, dass die Abbildungen überwiegend aus polnischen Sammlungen stammen.

„Entstanden ist ein ebenso anschauliches wie informatives Werk“, heißt es im Klappentext. Dem ist beizupflichten und daraus die Empfehlung abzuleiten, sich das Buch zu besorgen. Es kann für Oberschlesier eine Grundlage zum Verständnis sowie zur Entfaltung ihrer Identität sein. Wer erkennen möchte, „wie Geschichtsschreibung zur Formulierung politischer Ansprüche benutzt und gelegentlich auch missbraucht wird“ (ebenfalls Klappentext), der wird sich als Oberschlesier selbst wiederfinden oder der anderen Oberschlesier Haltung besser verstehen lernen.

Stephan Kaiser (KK)

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