Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1367.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Bücher-Breslau

Ursula Bonter, Detlev Haberland, Siegfried Lokatis, Patricia Blume (Hgg.): Verlagsmetropole Breslau 1800–1945. Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg. Schriften des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 62. De Gruyter Oldenbourg, München 2015, 500 S.

Breslau ist Kulturhauptstadt Europas 2016. Um diese Nominierung hatten sich zuvor in einem innerpolnischen Wettbewerb auch andere Städte beworben, so Danzig, Posen und Kattowitz. Dass Warschau auch zu den Bewerbern gehörte, aber nicht die Hauptstadt siegte, war schon beachtlich. Alle diese Städte waren und sind Zentren der Buchkultur. Ob und wie sich dies im Programm von Breslau manifestiert, wird sich zeigen. Zum Buch in und aus Breslau lässt sich historisch wie aktuell viel sagen. Mancher wird sogleich an einen der bekanntesten schlesischen Traditionsverlage, den lange unangefochtenen Spitzenverlag Korn denken. 25 Jahre ist es her, dass Ulrich Schmilewski „Verlegt bei Korn in Breslau. Kleine Geschichte eines bedeutenden Verlages von 1732 bis heute“ publizierte. Nun also gibt es für einen Kernzeitraum die Darstellung „Verlagsmetropole Breslau 1800–1945“. Da darf man gespannt sein, wie die sachkundigen Herausgeber um Detlef Haberland sich diesem Thema nähern und was sich an Erkenntnisgewinn ergibt.

„So bedeutend Korn auch gewesen sein mag, die Aufarbeitung anderer Verlage mit einem anderen Profil und Wirkungskreis bleibt demgegenüber bedauernswert marginal“, beginnt Haberland. Dieses Manko führt er für die ältere wie neuere Forschung, für deutsches wie polnisches Interesse aus. Er nennt Gründe, die allesamt zeigen, welchen Moden und Zufällen die kulturgeschichtliche Betrachtung und damit das gesamtgesellschaftliche Wissen ausgesetzt sind.

Der Sammelband mit Beiträgen von zehn Autoren fußt auf Tagungen seit 2009. Haberland nennt das den „Weg über Detailforschungen, die in kleinere Monographien münden“, weil „gleichsam aus dem Nichts heraus eine umfassende Verlagsgeschichte“ unmöglich sei. Das ist gleichsam ein Offenbarungseid, offensichtlich wurden die Darstellungen früherer Jahre (man denke etwa an die vielen Jahrbücher von Organisationen zu Schlesien) hierzu nicht genutzt. Schließlich war und ist das regionale Schrifttum der Breslauer bzw. weiterer schlesischer Verlage zwar nicht vollständig, doch eben umfangreich in Bibliotheken im Westen verfügbar. Dennoch wurde das schlesische Verlagssortiment eher zufällig als konzentriert gesammelt.

Es ist allerdings auch zu bedenken, was Forschung und kulturelle Breitenarbeit nachfragten. Das war bei den Kulturwerken wie der zentralen ostdeutschen Fachbibliothek „Martin Opitz“ in Herne im Wesentlichen die landeskundliche, soweit möglich auch familienkundlich aussagekräftige Literatur. Theologische Werke, ältere juristische Arbeiten, ebenso medizinische Publikationen und naturwissenschaftliche Bezüge fanden in dieser Hinsicht kaum Beachtung. Doch genau in dieser Ausrichtung haben auch die Breslauer Verlage das Wissen ihrer Gegenwart vermittelt – und wirtschaftliche Erfolge erzielt. Viel Renommee ließ sich auch mit populären Literaten, z. B. E.T.A. Hoffmann, Ludwig Tieck oder Heinrich Steffens erzielen, wie Patricia Blume für den Verlag von Josef Max detailliert berichtet. Anders der Verlag von Ferdinand Hirt in Breslau, um 1900 der zweitgrößte Schulbuchverlag im Deutschen Reich. Allein zwei Schulbücher erreichten dort die Auflage von einer Million Exemplaren (was die Frage nach den Breslauer Druckerei-Kapazitäten aufwirft). Der Verlag von Georg Philipp Aderholz kann als „Verlag der preußischen Rechtswissenschaft“, später als der „katholische Verlag Schlesiens“ gelten.

Hier also werden die Verlage Aderholz, Hirt, Max, Schottlaender und Trewendt sowie auch wieder Korn vorgestellt. Die Quellenlage dafür ist immer unbefriedigend, insbesondere die Zäsur 1945 hat über die Publikationen hinausgehende Verlagsunterlagen vernichtet. Doch finden die Autoren viele sprechende Belege für das Wirken der Verlegerpersönlichkeiten in Autorennachlässen unterschiedlichster Provenienz. Das gewährt viele neue Einblicke, die ebenso der Literaturgeschichte dienlich sind, wie sie die verlegerischen Entscheidungsprozesse im historischen Kontext aufzuzeigen helfen.

Der Exodus aus Schlesien bewirkte oft das unbeachtete und unerkannte Ende in der Fremde. Nun kann man von Verlagen nicht schreiben ohne den Blick auf ihre Autoren und Autorinnen (damals zwar seltener, doch es gab sie). In dieser Hinsicht und der damit verbundenen enzyklopädischen Themenfülle sind die hier gebotenen Beiträge sehr interessant und anregend. Betrachtet werden die Verbindungen und die wechselweise Wertschätzung zwischen Verleger und Autor (gelegentlich auch einer Autorin), die Strukturierung des Verlagsprogramms, das Kauf- und Leseverhalten mit Einblicken in den wechselnden Publikumsgeschmack sowie die damit verbundenen ökonomischen Aspekte von Schriftsteller- wie Verlegerdasein.

Bei all dem liegt der Gedanke nahe, „eine verlagshistorische terra incognita“ (Haberland) mit den Mitteln einer Ausstellung zu erhellen. Ob das aber im Zeitalter der allgegenwärtigen Digitalisierung über den Kreis der Buchliebhaber hinaus eine „Quote“, d. h. den von Fördergebern erwarteten Besucherzuspruch, bringt? Ob solch ein Vorhaben eine Chance auf Projektförderung erhielte? Den Versuch wäre es wert, denn gegen alle Tendenzen und aufgrund der hier vermittelten hohen Bedeutung von Verlagswesen, Buchkunst sowie verschiedener wissenschaftlicher Inhalte ist dieses Kulturerbe eben wichtig. Speziell gilt das auch für die beiden Beiträge zu Aspekten des jüdischen sowie des nationalsozialistischen Verlagswesens in Breslau.

Stephan Kaiser (KK)

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