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Ausgaben: Ausgabe 1367.

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Die Dürers aus dem „Dörflein Eytas“

Vor wenigen Monaten ist Adina Nanus Buch „Auf Dürers Spuren“ in deutscher Sprache erschienen, das, neben der kunsthistorischen Zuordnung des Nürnberger Meisters in seiner zeitgeschichtlichen und heutigen Rezeption, auch seine Beziehungen zu Siebenbürgen einer kritischen Betrachtung unterzieht. Diese sind vielfältiger und unmittelbarer, als gemeinhin angenommen wird.

Albrecht Dürer bestätigt in seiner Familienchronik von 1523 die siebenbürgische Wurzel der Familie. „Albrecht Dürer der Älter“, berichtet er dort „ist aus seim Geschlecht geboren im Königreich zu Hungern, nit fern von einem kleinen Städtlein, genannt Jula, acht Meilen wegs weit unter Wardein, aus einem Dörflein zunächst darbei gelegen, mit Namen Eytas“. So genau, wie diese Angaben auf den ersten Blick scheinen, so verwirrend erweisen sie sich bei näherer Betrachtung. In den allerdings spärlichen, wenn nicht gar fehlenden Dokumenten aus dieser Zeit liegen keine Hinweise auf die Familie Dürer vor, und das „Dörflein, zunächst darbei gelegen“, muss wohl in den häufigen Kriegshandlungen jener Tage spurlos untergegangen sein. Auch findige Ableitungen der Ortsbezeichnung sowie des Namens Dürer – sie führen unter anderem bis nach Thorenburg/Torda/Turda in Mittelsiebenbürgen und westwärts bis nach Düren bei Aachen in das angenommene Herkunftsgebiet der Siebenbürger Sachsen – blieben diesbezüglich ergebnislos.

Als Fixpunkt bleibt der Hinweis auf die Stadt Großwardein/Nagy Várad/Oradea, die ehemals zu Ungarn gehörte und heute im Nordwesten Rumäniens liegt. Die nahe gelegenen Goldminen begünstigten über die Stadt hinaus die Zuwanderung von Goldschmieden und den Handel mit ihren Erzeugnissen. Dürers Angabe von „acht Meilen wegs weit unterhalb Wardein“ bedeutet indessen eine Entfernung von gut 100 Kilometern, wohl den erzreichen Westkarpaten zu. Noch 1897 bezeichnete Meyers Konversationslexikon Siebenbürgen als das Land mit den reichsten Goldvorkommen und unerschöpflichem Reichtum an Mineralien. Nun waren aber Dürers siebenbürgische Vorfahren weder Goldschmiede noch Händler, sondern einfache Bauern. Über seine Vorfahren schreibt der Nürnberger Künstler, ihr „Geschlecht haben sich genährt der Ochsen und Pferd“, sie sind also Landwirte (oder Viehhändler) gewesen. Großvater Anthoni erst „ist knabenweis in das obgedachte Städtlein kummen zu einem Goldschmied und hat das Handwerk bei ihm gelernet“. Er gab sein Können weiter an den „ersten Sohn, Albrecht Dürer genannt, der ist mein lieber Vater gewest, … ein künstlicher reiner Mann“. Dieser gelangte als wandernder Geselle nach Nürnberg, wo er sich 1455 als Goldschmied niederließ.

Für die Autorin Adina Nanu besteht kein Zweifel, dass Dürers Vater und Großvater „Nachkommen deutscher Kolonisten“ in Siebenbürgen waren, die in „friedlichem Zusammenleben mit den anderen Bewohnern des Landes – Rumänen, Magyaren, Szekler – als Fortschrittsfaktor“ wirkten. Damit widerspricht sie der 1878 von Haan Lajos aufgestellten Hypothese, der Vater des Künstlers sei ein ungarischer Goldschmied gewesen, der sich in Nürnberg niedergelassen habe. „Seine Muttersprache, wie auch die Kunst, die er am Anfang seiner Lehre von seinem Vater übermittelt bekam, waren deutsch“, schreibt die Autorin bereits im Vorwort, und rechnet ihn somit grosso modo den Siebenbürger Sachsen zu.

Deren Siedlungsgebiet im Karpatenbogen unterhielt in diesem Zeitabschnitt einen intensiven Austausch materieller und geistiger Güter mit dem mitteleuropäischen Raum, was auch zu bemerkenswerten Wanderbewegungen und Wechselwirkungen von Kunstströmungen, Erfindungen und weltanschaulichem Gedankengut führte. Die Augsburger Fugger sicherten sich die Salzgewinnung in Siebenbürgen, die Bildhauer Martin und Georg aus dem siebenbürgischen Klausenburg übernahmen Aufträge in Prag und der Walachei, der Goldschmied Kaiser Maximilians I. hieß Lucas Siebenbürger, in Rom war der Goldschmied Simon aus Hermannstadt tätig, ein Bruder von Veit Stoß ist mit seinen Söhnen in Siebenbürgen nachweisbar, und auch die Beziehungen der Familie Dürer zu Siebenbürgen wurden von Nürnberg aus gepflegt.

Albrecht Dürers Großmutter mütterlicherseits stammte aus einem Weißenburg (Alba Iulia in Siebenbürgen?), in der Werkstatt Dürers wurde der siebenbürgische Verwandte Niclas ausgebildet, der später in Köln als Nicklas Unger bekannt wurde. Adina Nanu findet bei ihren Recherchen zahlreiche weitere Anhaltspunkte, die auf fortbestehende Kontakte der Familie Dürer mit Siebenbürgen auszuloten wären. Dürers Taufpate, der Buchdrucker und Verleger Anton Koberger, unterhielt Handelsbeziehungen ins siebenbürgische Hermannstadt. Ebenso lassen sich familiäre Verbindungen zu den Hermannstädter Patriziern Haller nachweisen. Die recht dürftigen Belege dieser Querverbindungen fordern allerdings zu Gegendarstellungen heraus, die ihrerseits ebenso wenig eindeutig schlüssig sind. Adina Nanu ergänzt immerhin ihre Schlussfolgerungen mit Werkanalysen, aus denen sie weitere ihre Theorie unterstützende Merkmale ableitet.

Im Kapitel „Schüler und Jünger“ geht die Autorin, was weniger bekannt sein dürfte, auf Dürers Einfluss in Siebenbürgen und in den christlich-orthodoxen südöstlichen Landstrichen ein, wobei auf die lokal bedingten Abweichungen von den Originalvorlagen hingewiesen wird. Beispiele dafür sind nicht nur in den großen Klöstern der Nordmoldau (Bukowina) zu finden, sondern breit gestreut auch in zahlreichen bisher nur unvollständig erfassten Kunstwerken im ländlichen Bereich, in denen die heimische Landschaft oder Ereignisse der Zeit in die Darstellung einbezogen sind.

Adina Nanu ist Professorin an der Universität der Künste in Bukarest und Autorin zahlreicher kunsthistorischer Bücher. Zum Leben und Werk Albrecht Dürers hat sie bereits mehrfach publiziert. Ihr Buch „Auf Dürers Spuren“ ist bereits 1976 im Albatros Verlag Bukarest erschienen und wurde 2015, überarbeitet, von der Editura CD Press neu heraus gegeben. Die deutsche Übersetzung besorgte Valentina Lisov Schuster.

Franz Heinz (KK)

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