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Ausgaben: Ausgabe 1368.

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Keil Katyn

Thomas Urban: Katyn 1940. Geschichte eines Verbrechens. C. H. Beck, München 2015. 249 S., 11 Abb., 1 Karte, 14,95 Euro

Thomas Urban war langjähriger Osteuropakorrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ und hat in dieser Zeit mehrere Sachbücher über Deutsche und Polen veröffentlicht; 2006 wurde er mit dem Georg Dehio-Preis ausgezeichnet. In seinem neuesten Buch beschäftigt er sich zum 75. Jahrestag mit der Ermordung von polnischen Offizieren und Intellektuellen durch die sowjetische Geheimpolizei 1940 im Wald von Katyn und an anderen Orten, die erst später bekannt wurden.

Stalin bezichtigte die Deutschen des Verbrechens, die die Opfer exhumieren ließen. Der Kampf um die Wahrheit zog sich in Polen durch die gesamte Nachkriegszeit und prägte auch die Solidarnosc-Bewegung. Tragischer Tiefpunkt des endlich möglichen Gedenkens war im Jahr 2010 der Absturz des Flugzeugs der höchstrangigen polnischen Delegation auf dem Weg nach Smolensk, er belastete die polnisch-russischen Beziehungen erneut und tut es bis heute.

Urban schildert in 16 aufeinander aufbauenden Kapiteln seines verdienstvollen Werkes zunächst das Geschehen in Katyn und ausführlich dessen Hintergründe, beschreibt die Suche der Polen nach ihren vermissten Gefangenen und die Entdeckung der Massengräber durch deutsche Militärs. Er analysiert die Versuche der Nationalsozialisten, die Ereignisse zu nutzen, um einen Keil zwischen die Alliierten zu treiben, stellt die Versuche des Kremls dar, das Verbrechen in den Nürnberger Prozessen den Deutschen anzulasten, und ebenso die Mühen der Polen, nach dem Krieg die Wahrheit herauszufinden. Breiten Raum widmet er den Manipulationen und Verfolgungen von sowjetisch-kommunistischer Seite gegen dieses Bestreben.

Erst 1992, unter Boris Jelzin, legte der Kreml die Tatsachen dar. Abschließend weist Urban, der eine Vielzahl von Dokumenten und vor allem Zeitzeugenberichten für seine fundierte Darstellung ausgewertet hat, auf offene Fragen und Nachwirkungen des Verbrechens hin, das bis heute nicht vollständig aufgeklärt und schon gar nicht juristisch aufgearbeitet wurde.

Barbara Kämpfert (KK)

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