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Ausgaben: Ausgabe 1370.

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Diana Zoppelt, Liana Regina Junesch, Adriana Hermann, Tita Mihaiu (Hg.): Deutschsprachiger Unterricht in Rumänien. Ein Überblick über die Wahrnehmung der Stärken, Probleme und Chancen. Schiller-Verlag, Bonn/Hermannstadt 2015, 29 Lei/7 Euro

Der deutschsprachige Schulunterricht in Rumänien ist beliebt und begehrt wie eh und je, auch unter Eltern und Schülern, die keine deutschen Wurzeln haben. Deutsch als Unterrichtssprache ist in Mode, verspricht gute Berufs- und Karriereaussichten und knüpft gleichzeitig an das traditionsreiche Schulwesen der deutschen Minderheit in Rumänien an. Dabei oszilliert der deutschsprachige Unterricht zwischen großer Nachfrage einerseits und einem in allen Schulstufen akuten Lehrermangel andererseits, der sogar den Fortbestand bedroht erscheinen lässt.

Eine im Hermannstädter Schiller-Verlag veröffentlichte Studie bietet nun einen konzentrierten Überblick und eine systematische Analyse zum deutschsprachigen Unterricht in Rumänien und liefert gleichzeitig umfangreiches Datenmaterial, das in einer wissenschaftlich konzipierten Umfrage erhoben wurde. Dabei werden Chancen, Probleme und Handlungsbedarf gleichermaßen markiert. Auch wenn die hohe Wertschätzung des deutschsprachigen Unterrichts als Kernergebnis nicht wirklich überraschend kommt, bietet die Studie die Chance, diese Einschätzungen nun wissenschaftlich zu belegen.

Aus drei Bildungseinrichtungen heraus wurde die Arbeitsgruppe „StuDeSRo“ gegründet, die die vorliegende Studie initiiert und durchgeführt hat. Dies waren das Pädagogische Gymnasium Andrei Saguna in Hermannstadt, die Lucian-Blaga-Universität (Studiengang Grundschul- und Vorschulpädagogik) – beide bilden Lehrkräfte für den Vorschul- und Grundschulbereich aus – sowie das Zentrum für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache aus Mediasch (ZfL). Die im Rahmen des Projekts entstandene Studie wurde nun von Diana Zoppelt, Liana Regina Iunesch, Adriana Hermann und Tita Mihaiu herausgegeben. Wissenschaftlich wurde das Projekt von Professor Dr. Hans-Peter Litz von der Universität Oldenburg betreut.

Deutschsprachige Bildungseinrichtungen sind nach wie vor präsent im rumänischen Bildungswesen. Im Schuljahr 2013/2014 gab es laut der zitierten Schulstatistik des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) 61 Schulen und 138 Kindergärten mit deutschsprachigem Unterricht in Rumänien, ein Großteil davon in Siebenbürgen. Die Schülerzahlen sind außerordentlich stabil. Etwa 20 000 Kinder und Jugendliche besuchen Schulen mit deutscher Unterrichtssprache. Als Stärken dieser Schulen gelten unter anderem „die Möglichkeit der multikulturellen Erziehung, das Zusammenspiel altbewährter Traditionen und Werte mit modernen Unterrichts-konzeptionen, sowie die Möglichkeit des Erwerbs der deutschen Sprache auf hohem Niveau“. Auch einige Universitäten des Landes bieten das Germanistik-Studium oder verschiedene Studiengänge auf Deutsch an.

Das Bildungsgesetz 1/2011 regelt verbindlich, dass alle Fächer außer Rumänisch an Schulen und Abteilungen mit deutscher Unterrichtssprache auf Deutsch unterrichtet werden können. Es gibt speziell erarbeitete Lehrpläne und Lehrbücher. Selbst die kommunistische Verfassung der Volksrepublik Rumänien von 1948 sicherte nach der Verstaatlichung aller Schulen den Minderheiten zu, „ihre Muttersprache zu gebrauchen und die gesamte Erziehung in ihrer Muttersprache zu organisieren“ (Art. 24).

Das rumänische Bildungswesen zeigt sich auch im deutschsprachigen Sektor chronisch unterfinanziert. Bruttogehälter für Lehrer liegen zwischen 220 und 250 Euro. Qualifizierte deutschsprachige Universitätsabsolventen finden daher auch selten den Weg in den Lehrerberuf, sie ziehen wesentlich besser bezahlte Arbeitsplätze in der Wirtschaft vor.

Die Datenerhebung zur vorliegenden Studie fand zwischen November 2013 und Januar 2014 statt. Insgesamt wurden 581 Fragebögen ausgefüllt. Gefragt wurde nach den Stärken des deutschsprachigen Unterrichts, nach den Problemen und notwendigen Maßnahmen, mit denen das System langfristig zu sichern wäre. Die meisten Studienteilnehmer hatten Rumänisch als Muttersprache (59 Prozent, 343 Respondenten). Etwa ein Viertel der Teilnehmer gehörte zur deutschen Minderheit (27 Prozent, 155 Personen). Die Ergebnisse sind nicht überraschend, aber wissenschaftlich erfasst und aussagekräftig. Sämtliche Frageraster und Resultate werden in gut gestalteten und übersichtlichen Graphiken und Tabellen dargestellt.

So wird das deutschsprachige Schulsystem von allen Studienteilnehmern durchgehend positiv eingeschätzt und als ausschlaggebend für künftigen beruflichen Erfolg gewertet. Fünf abgefragte Aspekte werden gleich positiv eingeschätzt. So gelten als Vorteile für Absolventen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, der Zugang zur Information in deutscher Sprache und zur deutschen Kultur, die besseren Chancen für ein Auslandsstudium, die interkulturelle Erfahrung und die Möglichkeit eines deutschsprachigen Studiums in Rumänien.

Als Probleme werden vor allem das Fehlen von Muttersprachlern unter den Lehrkräften, der Mangel an Lehrkräften, die fehlenden oder schlechten Deutschkenntnisse der Schüler beim Schuleintritt, die schlechte Entlohnung der Lehrer und die mangelhafte Lehrbuchausstattung genannt, als zukünftig notwendig vor allem die bessere Bezahlung der Lehrkräfte. Dabei sind sich Lehrende und Eltern/Absolventen über Stärken und Probleme des Systems weitgehend einig.

Auch unterschiedliche Erwartungen arbeitet die Studie sorgfältig heraus, unter anderem: „Deutsche Muttersprachler sind eher der Ansicht, dass die Rolle des deutschsprachigen Schulsystems in der Bewahrung der deutschen Sprache besteht, während rumänische Muttersprachler die Begründung seiner Existenz eher aus der Perspektive der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt und der multikulturellen Erziehung interpretieren.“ Deutsche Muttersprachler bemängeln eher die Sprachkompetenz der Schüler, während rumänische Muttersprachler die finanzielle Belastung durch den nötigen Nachhilfeunterricht und den Mangel an Lehrbüchern in deutscher Sprache als größeres Problem betrachten. Als vordringliche Maßnahme erscheint nach Meinung aller eine bessere Entlohnung der Lehrer. Kritisch wird auch gesehen, dass sich die Nachhilfe längst zu einem Parallelsystem entwickelt hat.

Jürgen Henkel (KK)

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