Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1371.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Viele Mittelpunkte, keine Mitte

Richard Wagner: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt. Verlag Hoffman und Campe, Hamburg 2014, 27,99 Euro

Die „verlorene Welt der Habsburger“ ist nicht nur für jenen Bibliothekar von Bedeutung, der die Geschichte sowie die kulturellen Überreste eines mitteleuropäischen Imperiums zu sammeln und zu archivieren sucht. Mehr denn je gilt das, was in den ersten Zeilen von Richard Wagners Buch zum Tragen kommt: Die habsburgische Welt der Illusionen und Inklusionen ist ein „ferner Spiegel europäischer Gegenwart“. Und: „Dieser Spiegel zeigt uns den Zerfall des Wir.“ An der „schönen blauen Donau“ hängt nicht nur die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft, sondern daran hängen auch die vielen Nachfahren der „Habsburger“. Immer noch werden – nebst süßen Walzerklängen – Territorialansprüche laut. Nationalistische Eiferer berufen sich auf längst vergangene Zeiten, Nostalgiker ebenfalls.

Ein Buch über ein versunkenes Reich schreiben ist kein leichtes Unterfangen – vor allem, wenn man wie der Autor unter den Nachwehen des Untergangs nicht unerheblich gelitten hat. Das große „Wir“, bestehend aus Geschichte, Politik, Kultur und Gesellschaft, erweist sich seit jeher als unzuverlässig, demnach ist der Autor gut beraten, wenn er sich auf sein „Ich“ verlässt. Und das tut Richard Wagner in diesem Buch – er schreibt über eigene Wahrnehmungen. Die historische Wahrhaftigkeit ist ihm zu Recht suspekt. Wer dieses Buch aufschlägt, wird erfahren, warum die Habsburger etwas mit dem Paneuropäischen Picknick im August 1989 zu tun haben, dass die Selbstzensur mit der Zensur zu Zeiten Metternichs durchaus vergleichbar ist und inwiefern das Banat als ehemalige habsburgische Provinz zwar den Anschluss ans Imperium mit Ischler und Dobosch-Torte geschafft, aber Gustav Mahler leider verpasst hat.

Wenn wir schon bei Torten sind: Eine Hausfrau findet im Archiv unseres Bibliothekars einige authentische „Backwerk“-Rezepte – Originale aus der österreichisch-ungarischen Küche wie Quark-Pogatschen, Mohnstrudel, Nusstorte. Ein Literaturwissenschaftler hingegen erfährt, dass es 1959 einen jungen Akademiker auf der Suche nach dem Entdecker des habsburgischen Mythos in der modernen österreichischen Literatur gegeben haben soll. Es folgen viele wertvolle Literaturhinweise und Fragen wie: Was hat Britney Spears mit Riga zu tun? Oder: Warum sprechen wir nie von einem Westmitteleuropa?

Das „kakanische Dilemma“ stellt sich ein, wenn wir uns nach der Mitte Europas fragen. Schauen wir uns um, so gibt es viele geographische Mittelpunkte Europas: „Es sind Vermessungsorte, aber auch Orte der Vermessenheit“, so der Autor. Als Bibliothekar weiß er, dass es in einer Bibliothek zu einem Thema eine breite Auswahl an Büchern gibt – und hinter jedem Buch verbirgt sich jemand, der sich profilieren will.

Eine Frage befriedigt den Leser manchmal mehr als Dutzende von Antworten: „Eine Bibliothek, die die Welt zu schnell erklärt, treibt den Denker in den Taumel und formt die Masse zur Gefolgschaft.“ Dass das auch anders sein kann, beweist Richard Wagners Buch – es ist ein authentisches Zeitdokument, das die Frage nach der Idee Europa aus ostmitteleuropäischer Sicht stellt und dabei nicht scheitert. Dieser Idee einen Kredit zu geben lohnt sich.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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