Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1371.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Unfreiheit und nicht einfache Freiheit

Aus Elbing 1945 verschleppt und vertrieben. Zeitzeugen berichten. Charlotte Kaufmann, Willi Kuhn. Elbinger Hefte 50. Truso-Verlag, Münster 2015, 122 S.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert nicht nur die Zeitzeugen an die Flucht, Verschleppung und Vertreibung, an Gefangenschaft, Hunger und großes Leid von Millionen Deutschen, die damals jenseits von Oder und westlicher Neiße lebten. Immer wieder werden z. T. vor Jahrzehnten niedergeschriebene Erlebnisberichte veröffentlicht und auch von der nachwachsenden Generation gelesen. Die Truso-Vereinigung hat jetzt ein Buch mit zwei Schicksalsberichten Vertriebener aus Elbing vorgelegt.

Charlotte Kaufmann lässt den Leser an ihrer „glücklichen Kindheit“ teilhaben und schildert ihre Deportation und russische Gefangenschaft bis zur Ankunft in einer „fremden Heimat“. Sie widmet ihre Aufzeichnungen ihrer „lieben Schwester, die mit 20 Jahren, unschuldig wie wir alle, nach Russland verschleppt wurde, dort verstarb und in einem Massengrab in den karelischen Sümpfen verscharrt wurde“. Charlotte Kaufmanns Wunsch ist es, dass ihr Buch „auch an die vielen anderen Frauen und Mädchen erinnert, die unschuldig in russischer Erde ruhen“.

Ihr Elternhaus stand in einem besonderen, kaum bekannten Stadtteil, der dicht am Elbingfluss, unweit der Altstadt, aber außerhalb der Stadtmauer lag, dem Fischervorberg. Hier wohnten seit dem 15. Jahrhundert die Angehörigen der Fischerbruderzunft, Charlotte Kaufmanns Großvater war Oberfischermeister. Die Verschleppung 1945 setzte auch dieser Tradition ein Ende. In der Verschleppung hatten alle Schwerstarbeit zu leisten, Bäume zu fällen und Stubben zu roden, mit Hunger, Krankheiten und Unfallfolgen zu kämpfen. Zahlreiche Fotografien zeigen die Eltern, das Elternhaus, die Autorin und Leidenskameradinnen. In einfachen, aber eindrucksvollen Zeichnungen hat eine von ihnen Schauplätze und Szenen dieses Überlebenskampfes festgehalten.

Auf die Entlassung folgte ein Lebensabschnitt mit neuen Herausforderungen in der Mainzer Gegend. Charlotte Kaufmann heiratete, hielt aber Kontakt mit den einstigen Leidensgefährtinnen. Sie kämpfte um Anerkennung und Entschädigung. Nach der politischen Wende reiste sie nach Russland an die Stätten ihres schwersten Lebensabschnittes. Sie hielt Vorträge über ihre Verschleppung und protestierte vor dem Bundeskanzleramt.

Der ganz andere Bericht von Willi Kuhn ist eine treffliche Ergänzung. In seinem Buch über das Heimatdorf Lenzen schilderte er bereits vor Jahren die unmittelbare Nachkriegszeit bis zur Vertreibung. Der neue Erinnerungstext setzt mit seiner Ankunft in Vorpommern und seiner Schulzeit in Mecklenburg ein. Willi Kuhn wird in der DDR Lehrer. In 50 kurzen Abschnitten geht es um diverse, nicht selten eher komische Aspekte, etwa die „Parole Junkerland in Bauernhand“, „Stromsperre und Blaubeeren“, „Kartoffelkäfer“, „Russisch, Begleiter bis zum Abitur“ oder die „Angel des politischen Systems“.

Der Leser lernt den Kommunismus kennen, wie er „begann, die Hand nach den Schülern auszustrecken“ – etwa auf FdJ-Veranstaltungen mit Lobreden und Propagandagedichten. Das Deutschlandtreffen der FdJ 1950 in Berlin resümiert Kuhn wie folgt: „Welche ein Aufwand. Welch eine Vergeudung von Arbeitskraft und Kraftstoff, 700 000 Jugendliche nach Berlin zu bringen“. Auch von einem politischen Schauprozess gegen einen nonkonformistischen Bürgermeister wird berichtet. Schon der junge Willi Kuhn spürt den Druck, den ständig schwebenden Vorwurf, er sein nicht „dafür“. Dennoch ist er gerne Lehrer. Als er jedoch in die Kasernierte Volkspolizei eintreten soll, wählt er mit seiner Braut die Flucht über West-Berlin in die Bundesrepublik. Hier nimmt er ein neues Lehrerstudium auf, hat jedoch mit den Behörden lange um die Anerkennung als politischer Flüchtling zu kämpfen, bis der Bund der Vertriebenen schließlich hilft.

Willi Kuhn hat die Unfreiheit kennengelernt und die nicht immer einfache Freiheit im Westen. Im Vorspann ruft er dem Leser zu: „Freiheit ist, zu leben, wie man möchte, zu lernen, was man möchte, zu lernen ohne Gegenleistung, zu leben ohne Furcht.“ Selbstverständlichkeiten, die er lange Zeit als nicht selbstverständlich erlebt hat.

Hans-Jürgen Schuch (KK)

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