Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1372.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Reichsfriedens(blüten)träumer

Wallenstein aus früher österreichischer Sicht

Man möchte fast wetten, dass der bedeutende Historiker Heinrich Ritter von Srbik (1878–1951) und seine tiefschürfenden Werke zur österreichischen und deutschen Geschichte vielen deutschen Geschichtsstudenten und Geschichtsfreunden weitgehend unbekannt sind. Das hat unter anderem mit dem Auseinanderfallen der europäischen Großmacht Österreich-Ungarn nach 1918 und der wechselvollen Geschichte der Republik Österreich danach zu tun. Unsere deutschen Medien berichten über den Wiener Opernball und die politischen Parteienkämpfe, vor allem den Aufstieg der FPÖ, aber nur sporadisch über die reiche Geschichte und Kultur des Alpenlandes, die mit der deutschen Geschichte über Jahrhunderte eng verbunden war. So ist es auch kein Wunder, dass Heinrich Ritter von Srbik neben seinen Hauptwerken auch Wallenstein 1920 ein gründliches Buch gewidmet hat.

Es ist in weiten Teilen eine Antwort auf die und eine Auseinandersetzung mit der vorausgehenden Arbeit des tschechischen Historikers Josef Pekar aus dem Jahre 1895; dieser hatte ein „vorbehaltloses Schuldurteil über Wallenstein als Verräter am Kaiser“ (Srbik) gefällt. Im Gegensatz zu Pekar sieht Srbik in Wallensteins Idee des Friedens auf der Grundlage religiöser Gleichberechtigung im Reich eine „ganz große und sittlich tief berechtigte Bestrebung“. Wallenstein war seiner Meinung nach von einem „großen Reichsfriedenstraum beseelt“.

Zwar würdigt von Srbik Pekar als „ausgezeichneten Geschichtsforscher“, wirft ihm aber vor, gegenüber dieser großen Idee des Feldherrn und Reichsfürsten versagt zu haben. Von zentraler Bedeutung sind für ihn die Worte Wallensteins: „Man muss Fried machen, sonst wird alles unsereins verloren sein“.

Heinrich von Srbik schildert sehr anschaulich die Kriegspartei am Kaiserhof, die sich seit 1632 um Ferdinand II. gegen Wallenstein formiert und zu der die einflussreichen Jesuiten, der kaiserliche Beichtvater Lamormaini und Pater Johannes Weingärtner, gehören. Letzterer wirkte nach der Exekution Wallensteins publizistisch als Verteidiger des kaiserlichen Vorgehens. Der Geheime Rat, dem Eggenberg, Trautmannsdorf und der Bischof von Wien, Abt Wolfradt von Kremsmünster, angehörten, empfahl schließlich die Anwendung äußerster Mittel, die wegen der „extremis malis“ notwendig seien.

Aus der Sicht Heinrich Ritter von Srbiks fehlen schriftliche Beweise für Wallensteins Schuld. In Frage kämen der 1. Pilsener Beschluss, mit dem sich der Feldherr die Generäle verpflichten wollte, und die Berichte und Behauptungen der Generäle Gallas, Piccolomini und Aldringen. Die tschechischen Emigranten ihrerseits hätten Wallenstein für ihre eigenen politischen Pläne benutzt.

Für die böhmische und sudetendeutsche Geschichte sind besonders die Ausführungen darüber von Interesse, wie die Gegner bzw. Exekutoren Wallensteins aus seinem Besitz belohnt wurden. Wallenstein hatte von den seit 1620 vollzogenen Enteignungen und Vertreibungen seit dem misslungenen Ständeaufstand profitiert. Jetzt kam es erneut zur Verteilung der beschlagnahmten Güter.

Dafür einige Beispiele: Das Noviziat der Jesuiten zu St. Anna in Wien erhält die Güter Schurz und Schatzlar in Nordböhmen. Butler wird in den Grafenrang erhoben und erhält die Herrschaft Hirschberg, stirbt aber bald darauf. Leslie erhält ebenfalls die Grafenwürde, Neustadt an der Mettau und Slatina und steigt noch zum Feldmarschall auf. Gordon wird Kämmerer, und der eigentliche Mörder Deveroux erhält Dobrowitow, Chlum und Kirchleby, stirbt aber schon 1639.

Isabella Fürstin Waldstein behielt unter der Bedingung des Verzichts auf weitere Ansprüche Neuschloss und Böhmisch Leipa. Der Neffe Max von Waldstein behielt sein Amt als Oberstallmeister und erbte einen Teil des Wallensteinschen Besitzes, da er nicht belastet werden konnte. Kurios war der Wunsch des Kurfürsten Maximilian von Bayern, der Pferde aus dem Nachlass haben wollte, aber unter der Bedingung, dass der „Klepper nicht schiech und guten Schritts ist …“ Die bald darauf verfeindeten Generäle Gallas und Piccolomini „erbten“ Friedland bzw. Nachod.

Die protestantische Partei verurteilte die habsburgische Kabinettsjustiz und kritisiert vor allem das Fehlen eines förmlichen Gerichtsverfahrens.

Srbik fasst sein Urteil über Wallenstein schließlich zusammen: „Die Erinnerung an den erbarmungslosen Kriegsfürsten verblasste, das Bild des großen Friedensanwaltes leuchtete in den lebendigsten Farben …“

Postscriptum: Dieser Beitrag fußt auf Heinrich Ritter von Srbik: Wallensteins Ende, erschienen im Otto Müller Verlag, Salzburg 1952. Die Vertreibung der Sudetendeutschen in den Jahren 1945/46 wirken sich auch auf unsere Kenntnisse über Wallenstein aus. Der langjährige Betreuer des Wallensteinarchivs in Friedland, Josef Bergl, hatte die größere Publikation „Geschichtslügen um Wallenstein“ erarbeitet, in der er auch die Person des Astrologen Seni beleuchtete. Dieses Werk wurde von der tschechischen „Verwaltung“ beschlagnahmt und eingestampft.

Rüdiger Goldmann (KK)

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